Kommt die Wende im Wahlkampf durch das TV-Duell?

Kanzlerkandidat Schulz und seine Partei liegen in Umfragen weit hinter Amtsinhaberin Merkel und der Union. Nun soll das TV-Duell den Umschwung bringen. Foto: Olivier Hoslet

Das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz steht an. Die Amtsinhaberin hat bereits einen Sieg vor dem Nahkampf errungen: Sie hat die Spielregeln bestimmt.

Berlin (dpa) - Den Aufschlag hat der Herausforderer - das hat der Losentscheid ergeben. Martin Schulz, Kanzlerkandidat der SPD, darf mit der ersten Antwort auf die erste Frage das TV-Duell an diesem Sonntag eröffnen.

Das letzte Wort, das Schluss-Statement, hat dann Kanzlerin Angela Merkel (CDU), wie es das Reglement vorschreibt. Dabei hatte sie schon ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, bevor das Duell und seine Details überhaupt festgezurrt wurden.

Denn nach drei Verhandlungsrunden mit dem Kanzleramt, so machten die Chefredakteure der ausstrahlenden Sender - das Erste, ZDF, RTL und Sat.1 - am Freitag im Studio Berlin-Adlershof deutlich, sei klar gewesen, dass sich die TV-Anbieter mit dem Wunsch nach zwei Duellen (einmal von ARD und ZDF und einmal von RTL und Sat.1 übertragen) nicht durchsetzen konnten. Die Sender mussten sich beugen. «Ein Duell ist besser als kein Duell», sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey.

«Dass wir Journalisten es uns anders gewünscht hätten, ist nicht neu», sagte ZDF-Moderatorin Maybrit Illner, die ein Fragesteller-Paar mit RTL-Anchorman Peter Kloeppel bildet. «Aber das Augenmerk liegt ja nicht auf uns, sondern auf den Kombattanten.» Kloeppel ergänzte: «Zwei plus zwei ist schöner als vier plus zwei. Aber wir leben mit dem, was wir haben, und machen das Beste draus.»

ARD-Talkerin Sandra Maischberger, die mit Claus Strunz (Sat.1) ein Duo bildet, griff schließlich in die Vergangenheit, um einen positiven Vergleich zu ziehen: «Helmut Kohl hat sich zum Beispiel nie einem Duell gestellt. Und Martin Schulz hat jetzt auch nicht gesagt: Unter diesen Bedingungen mache ich das nicht.» So sei es vernünftig, einen Schlussstrich unter die Diskussionen im Vorfeld zu ziehen. «Das war viel Rauch und wenig Feuer.»

Merkel hatte schon in ihrer Sommer-Pressekonferenz am Dienstag Vorwürfe zurückgewiesen, wonach sie die Fernsehsender mit ihrer Ablehnung neuer Strukturen beim TV-Duell erpresst habe. Die Diskussion über das Format stehe nicht im Gegensatz zur Pressefreiheit, hatte sie vor mehr als 200 Journalisten gesagt. Die Freiheit, darüber zu entscheiden, ob man eine Einladung zu einer solchen Sendung annehme oder nicht, sei «ja immer genauso wichtig wie die Freiheit der Presse und die Unabhängigkeit». Das Format der Vergangenheit habe sich sehr gut bewährt. Es biete die Möglichkeit, sich stark auf den Dialog zwischen beiden Kontrahenten zu konzentrieren.

Im Vorfeld hatten viele die starre Form des Duells kritisiert. «Das TV-Duell ist die Symptomveranstaltung eines politisch entleerten und inhaltlich entkernten Wahlkampfes», sagte der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen der Deutschen Presse-Agentur. «Was uns in diesem Jahr geboten wird, ist kein Konzept, sondern ein Korsett», kritisierte der Medienexperte Bernd Gäbler. Alles werde «in eine gepanzerte Form gepresst, was eigentlich nur dann funktionieren kann, wenn die Form dem Inhalt folgen würde».

Trotzdem wollen die Veranstalter ihre 90 Minuten Zeit sinnvoll nutzen. ARD-Chefredakteur Rainald Becker und Sat.1-Nachrichtenchef Hans-Peter Hagemes betonten, dass beide Politiker mehr Gelegenheit zu «direkter Interaktion» bekommen sollten. Ihre Pulte würden sich mehr gegenüber stehen als beim letzten Mal. Vier Themenblöcke werden diskutiert: die Migration, die Außenpolitik, die soziale Gerechtigkeit und die Innere Sicherheit - die Reihenfolge, die Länge seien offen. Mehr als dies wisse das Kanzleramt auch nicht, hieß es.

Jeder der beiden Kontrahenten verfüge über ein Redezeitenkonto, auf das er auch selber Einblick habe, sagte Becker. Die Länge der Beiträge müsse sich nach 90 Minuten die Waage halten. Die Antworten sollten nicht länger als 60 bis 90 Sekunden sein, das Schlusswort dürfe eine Minute nicht übersteigen. Dann, davon gehen die TV-Anbieter aus, könnten sich bis zu sieben Millionen wankelmütige Wähler ein Bild gemacht haben von den Fähigkeiten und den Argumenten der Kandidaten. Bis zu 20 Millionen Zuschauer werden aller Wahrscheinlichkeit vor den TV-Geräten sitzen.

Und wer eine liebgewonnene Gewohnheit am Sonntag um 20.15 Uhr vermissen sollte: Eine Woche später kommt der nächste «Tatort».