Lindner über Lindner

In seinem autobiografischen Buch blickt FDP-Chef Christian Lindner auf die Zeit außerhalb des Bundesparlaments und beschreibt das Comeback seiner Partei – aus persönlicher Sicht. Eine andere Perspektive musste weichen.


Bevor die Show beginnt, muss FDP-Chef Christian Lindner erst einmal sein Handy in den bereitgestellten Selfie-Halter fummeln. „Facebook Live“ sagt er nur grinsend. Noch mal ein Blick, ob er auch gut im Bild ist, los geht‘s. Mitten in den Sondierungsgesprächen für eine mögliche Jamaika-Koalition, drei Stunden vor dem Treffen mit den Unterhändlern der Grünen, stellt sich Christian Lindner im Haus der Bundespressekonferenz vor die Kameras, um sein Buch vorzustellen: „Schattenjahre. Die Rückkehr des politischen Liberalismus“ steht in pinkfarbenen Buchstaben auf dem Cover. Das Bild dahinter zeigt Lindner in Schwarz-Weiß, darunter prangt, sogar noch etwas prominenter als der Titel: „Christian Lindner“.

Der Protagonist lächelt von einer Kamera in die nächste. Hinter ihm, überlebensgroß, sein eigenes Abbild. „Wir hatten nicht vor, ein typisches Politikerbuch zu verlegen“, sagt Tom Kraushaar vom Verlag Klett-Cotta. Die Idee war eigentlich, dass Lindner über den Liberalismus schreibt, über die „Ideengeschichte des Liberalismus“, wie es Kraushaar ausdrückt. Bei einem ersten Mittagessen sagte Lindner zunächst ab, im Sommer 2016 kam er dann auf das Angebot zurück.

Jetzt sollte es aber ein anderes Buch werden. „Christian Lindner erzählt uns die Geschichte eines Comebacks“, fasst Kraushaar den Inhalt zusammen. Das Buch sei geprägt von „großer Offenheit“ und tatsächlich von Lindner geschrieben, sagt er. Zu „100 Prozent“, versichert Lindner. Auf die Frage, ob der Termin angesichts der wichtigen und anspruchsvollen Sondierungsgespräche nicht lieber hätte verschoben werden sollen, winkt Lindner ab.


Das Buch ist zum größten Teil ein Rückblick. Lindner beschreibt den Tag der großen Wahlniederlage und wie er danach eine neue Führungsmannschaft zusammenstellte. Er beschreibt den Wiederaufbau der Partei und wie mit Hilfe sozialer Netzwerke der Bundestagswahlkampf geführt wurde.

Lindner lässt an manchen Stellen auch seine persönliche Meinung zu kritischen Themen durchscheinen – wie Zuwanderung oder Europapolitik. So betont er zwar, dass Europa unsere Zukunft sei. Gleichzeitig spricht er sich aber dafür aus, dass es dort, wo sich europäische Zuständigkeiten als „nicht wirksam“ erwiesen hätten, möglich sein müsse, sie wieder in nationale Verantwortung zurückzugeben. Zudem plädiert Lindner für „mehr Raum für verschiedene Geschwindigkeiten innerhalb Europas“. Er spricht sich dafür aus, die Möglichkeit einer Staatsinsolvenz und eines befristeten Ausscheidens aus dem Euro zu schaffen.

Auch zu der häufig im Wahlkampf geäußerten Kritik, er habe die FDP zu einer „One-Man-Show“ gemacht, äußert sich Lindner in seinem Buch ausführlich und schiebt wie schon zuvor alles auf die Mechanismen der Medien. „Schon Guido Westerwelle war vorgeworfen worden, die Partei zu stark auf sich zugeschnitten zu haben“, schreibt Lindner. „Das stimmte so nicht.“ Fehler findet er aber durchaus bei der alten FDP. Man habe die „Agenda im operativen Handeln nicht so umgesetzt, wie es von uns erwartet wurde“, stellt er fest.


Im Vorwort zum Buch schreibt der FDP-Chef, dass auch sein langjähriger Freund und heutige Parlamentarische Geschäftsführer Marco Buschmann selbst ein Buch schreiben wollte. „Zwei Bücher, das wäre allerdings zu viel gewesen“, schreibt Lindner. Buschmann musste zurückziehen.