Linde kommt dem Praxair-Deal näher


Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle kann durchatmen. Sein großer Deal, die Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair zum weltgrößten Gasekonzern, ist einen großen Schritt vorangekommen. Nur einen Tag nach Senkung der Mindestumtauschquote auf 60 Prozent wurde die Hürde locker übersprungen.

Bis Dienstagmittag sind 64,5 Prozent der Aktien in Anteilsscheine der Linde plc getauscht worden, teilte Linde auf der Internetseite des Konzerns mit. Auch wenn Aktionäre theoretisch noch zurücktauschen können: Die Zustimmung der Aktionäre ist damit so gut wie sicher.

Im Gegenteil: Industriekreise erwarten, dass die Quote nun rasch weiter steigen wird. Denn einige Indexfonds zum Beispiel dürfen erst tauschen, wenn die Mindestquote erreicht ist.


Um diesen Indexfonds den Tausch zu ermöglichen hatte Linde die Mindestumtauschquote von 75 auf 60 Prozent gesenkt und die Annahmefrist bis zum 7. November verlängert. Es ist immer noch wichtig, dass die Schwelle von 75 Prozent erreicht wird – das bringt steuerliche Vorteile. Im Umfeld des Unternehmens bestehen aber keine Zweifel, dass auch diese Schwelle überschritten wird.

Denn es gibt ein Vorbild: Als die Deutsche Börse mit der Londoner LSE fusionieren wollte, musste die Quote ebenfalls von 75 auf 60 Prozent gesenkt werden. Am Ende wurden rund 90 Prozent der Anteile getauscht. Die Fusion scheiterte dann aber am Brexit.

Zumindest dies muss Reitzle nicht befürchten. Er wird nun vor allem gespannt die Entscheidungen der Wettbewerbshüter in aller Welt erwarten. Daran dürfte die Fusion ebenfalls nicht scheitern – allerdings werden sich Linde und Praxair von Teilen ihres Geschäfts trennen müssen.


Unterdessen will die Aktionärsvereinigung DSW auf juristischem Weg mehr Mitspracherechte bei Fusionen börsennotierter Unternehmen in Deutschland erzwingen. Nach den Vorstellungen der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sollen Aktionäre auf einer Hauptversammlung über solche Vorhaben abstimmen. Ob das nicht schon bisher so sein müsste, soll das Landgericht München am Beispiel der Fusion der Gasekonzerne Linde und Praxair überprüfen. Die DSW habe Feststellungsklage gegen Linde eingereicht, erklärten die Aktionärsvertreter am Dienstag.

„Wir sind davon überzeugt, dass eine Entscheidung von einer solchen Tragweite den Aktionären zur Abstimmung im Rahmen einer Hauptversammlung vorgelegt werden muss“, sagte DSW-Vizepräsidentin Daniela Bergdolt. Während die Anteilseigner des US-Unternehmens Praxair über den 70 Milliarden Dollar schweren Zusammenschluss abstimmen durften, ist das beim Münchener Linde-Konzern nicht vorgesehen.


Hier fällt die Entscheidung, indem die Aktionäre ihre Papiere zum Umtausch einreichen – oder nicht. Damit die Transaktion zustande kommt, müssen 60 Prozent von ihnen bis zum 7. November dem Tausch zustimmen. Das reicht Bergdolt nicht aus. Den Aktionären würden so das Fragerecht auf der Hauptversammlung und andere Aktionärsrechte vorenthalten.

Ob ein Urteil noch rechtzeitig fällt, um den Zusammenschluss von Linde und Praxair zu beeinflussen, hält selbst die DSW für fraglich. „Welche Konsequenzen das in diesem Fall hätte, ist offen“, sagte ein Sprecher. „Die Klage richtet sich nicht gegen die Fusion, sondern gegen den Weg dorthin.“ Es gehe aber auch um eine Klärung für künftige Fusionsvorhaben.