Börse straft Linde und Praxair ab

Die Linde-Aktien brachen ein, weil sich bei der Fusion mit dem US-Industriegasekonzern Praxair unerwartete kartellrechtliche Risiken abzeichnen. Foto: Matthias Balk

Für Investoren ist der Zusammenschluss der Gasekonzerne Linde und Praxair eine tolle Story - jetzt befürchten sie das Scheitern der Fusion. Die Beschäftigen plagt eine ganz andere Sorge.

München (dpa) - Neue Kartellauflagen für die Fusion von Linde und Praxair haben die Aktien der beiden Industriegasekonzerne auf Talfahrt geschickt.

Linde-Anteile brachen zeitweise um rund zehn Prozent ein und zogen den deutschen Leitindex Dax mit nach unten. Branchenanalysten sehen den geplanten Zusammenschluss zum Weltmarktführer auf der Kippe und befürchten für den Fall, dass es doch noch klappt, weniger Synergien.

Zuvor hatte Linde mitgeteilt, dass die US-Wettbewerbsbehörde dem Konzern überraschend weitere Verkäufe von Unternehmensteilen in den USA auferlegt habe, um die Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair zu genehmigen.

Für solche Verkäufe hatten die Partner eine Obergrenze von 3,7 Milliarden Euro Umsatzvolumen vereinbart. Diese Schwelle könnte jetzt überschritten werden, teilte Linde mit. Außerdem rennt den beiden Unternehmen die Zeit davon: Laut Wertpapiergesetz muss die Fusion spätestens am 24. Oktober vollständig unter Dach und Fach sein.

Dieser Zeitplan sei jetzt gefährdet, schrieb Branchenanalyst Martin Rödiger vom Analysehaus Kepler Chevreux in einer Studie. Die Wahrscheinlichkeit einer Fusion sei auf ein Drittel gesunken. Die Praxair-Aktie verlor am Montag ebenfalls deutlich an Wert. Die Analysten der Baader-Bank und von Independent Reserach erklärten, auch wenn die Fusion nicht scheitere, würden die erhofften Synergien doch schrumpfen.

Betriebsräte und Gewerkschafter sorgen sich um einen drohenden Ausverkauf bei Linde. Die Schwelle, höchstens 3,7 Milliarden Euro Umsatz abzugeben, «muss strikt eingehalten werden», hieß es am Montag aus Gewerkschaftskreisen. «Wir hoffen, dass die Verantwortlichen rational handeln», sagte ein mit der Sache vertrauter Gewerkschafter der Deutschen Presse-Agentur. Die von den Unternehmen selbst berechnete Schwelle zu ignorieren, sei nicht rational, weil die Kosten der Fusion dann größer seien als ihr Ertrag. Außerdem sei dann ein noch größerer Stellenabbau zu befürchten.

Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle hatte die Fusion gegen den Widerstand von Betriebsräten, IG Metall und IG BCE vorangetrieben. Die Arbeitnehmervertreter hatten schon 2016 vor einem Kahlschlag gewarnt und sahen 8000 bis 10.000 Arbeitsplätze gefährdet.

Aktionärsschützer sehen ein mögliches Scheitern der Fusion gelassen. «Linde ist gesund und profitabel und kann auch ohne Praxair leben. Das wäre also kein Fiasko», sagte Daniela Bergdolt, Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Allerdings würde es bei dem Münchner Dax-Konzern zu einer Führungskrise kommen. «Bei Reitzle fände ich es schwierig, wenn er bei einem Scheitern weitermachen würde», sagte Bergdolt der dpa. Und den 68-jährigen Manager Aldo Belloni hatte Reitzle nur deshalb aus der Rente zurückgeholt und zum Vorstandschef gemacht, um die Fusion in trockene Tücher zu bringen.

Strategisch sei der Zusammenschluss weiterhin richtig, Linde und Praxair ergänzten sich gut. Aber bei weiteren Verkäufen «stellt sich schon die Frage, ob das Ganze dann noch Sinn macht». Linde und Praxair dürften «die Fusion auch nicht um jeden Preis durchziehen, nur weil man sie angekündigt hat», sagte Bergdolt.