Wie geht es in Hamburg weiter?

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Wie geht es in Hamburg weiter?
Wie geht es in Hamburg weiter?

"Die Osnabrücker haben alles in die Waagschale geworfen, warum tun wir es nicht?" Die Worte, die der Hamburger Interimstrainer Horst Hrubesch nach dem Aufstiegs-K.o. im NDR fand, dürften sich für die Spieler wie eine schallende Ohrfeige angefühlt haben.

Die Leistung bei der 2:3-Pleite beim VfL Osnabrück war allerdings auch eine Ohrfeige für alle gewesen, die es mit dem HSV halten. Eine Niederlage bei einem Abstiegskandidaten, der zuvor 13 Heimspiele in Folge verloren hatte.

Nach dem 5:2-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg war zuvor wieder Hoffnung bei den HSV-Fans aufgekeimt. Der Hrubesch-Effekt hätte den leidgeplagten Klub schließlich doch noch zurück in die Bundesliga führen können. 

Nun tat der Hamburger SV aber in der dritten Zweitligasaison in Folge das, was es für die vielen Anhänger des Traditionsklubs besonders grausam macht: aufgebaute Hoffnungen enttäuschen.  

Die gleichbleibenden Symptome beim HSV

"Das waren nicht die 100 Prozent, die du brauchst, um Spiele zu gewinnen. Und jeder hat gewusst, dass er die geben muss. Da braucht sich jetzt keiner rausreden aus der Nummer", echauffierte sich die lebende Trainer-Legende Hrubesch über sein Team und hielt eine Grundsatzrede:

"Ich bin enttäuscht. Ich bin eigentlich jemand, der immer für seine Spieler steht und für seine Spieler macht und erwarte einfach, dass man auch zurückzahlt. Dass man sich einfach mal hinterfragt: Ist das wirklich alles?"

Wenn eine Mannschaft einen 70-Jährigen mit dieser Erfahrung nach nur zwei Partien derart desillusioniert zurücklässt, da stellt sich durchaus die Charakterfrage. Daher lassen die Aussagen von Hrubesch auch tief blicken. Er selbst war davon ausgegangen, dass der HSV nach dem 5:2 gegen Nürnberg "die Kurve gekriegt" hat. Eine Fehleinschätzung. 

Stattdessen ist der HSV seit seinem geschichtsträchtigen Abstieg aus der Bundesliga zum dritten Mal in Folge im Endspurt der Saison eingebrochen, nachdem es zwischenzeitlich nach einer Rückkehr ins deutsche Oberhaus ausgesehen hatte. 

Trainer und Spieler wurden zwischen den drei Anläufen ausgetauscht. Die Symptome sind aber gleichbleibend. Die wiederkehrenden Faktoren werfen die Frage auf, was innerhalb des Klubs nicht stimmt. 

Ist der HSV untrainierbar?

Diese Tatsache legt nahe, dass es ein übergeordnetes Problem beim HSV gibt. Das dürften mittlerweile auch die Verantwortlichen befürchten.

Mit dem höchsten Etat der Liga (23 Millionen Euro) ist erneut nicht der Aufstieg gelungen. Zum Vergleich: Der VfL Bochum (11,5 Millionen Euro), Holstein Kiel (11,3 Mio.) und Greuther Fürth (8 Mio.) haben weniger als die Hälfte ausgegeben. Das spricht eine klare Sprache. 

Hrubesch wird zurück auf den Posten des Nachwuchskoordinators gehen - und wird womöglich heilfroh darüber sein. Sportvorstand Jonas Boldt ist hingegen einer der ersten Ansprechpartner, wenn es um das "Warum?" und das "Was jetzt?" geht. Er stürzte sich nach der Partie in hilflos wirkende Floskeln. 

"Wir müssen zukünftig noch genauer hinsehen, wer bereit ist, die Situation in Hamburg anzunehmen", sagte Boldt nach der großen Enttäuschung in Osnabrück. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob das Team in dieser Form überhaupt trainierter ist. Die Trainer werden nicht vor dem Vereinsheim Schlange stehen - zumindest das erscheint sicher. 

Wie will Boldt also dafür sorgen, dass im nächsten Jahr endlich der Aufstieg in der Hansestadt gefeiert werden kann? 

Aufstieg mit der Brechstange ist gescheitert 

Immerhin gab sich Boldt selbstkritisch und mitverantwortlich. 

"Wir haben uns lange Zeit auf einem guten Weg befunden und sind dann davon abgekommen. Das zeigt, dass man ein paar Dinge deutlicher hinterfragen muss", sagte er dem NDR. Es gehe auch darum, während der Saison "bei sich" zu bleiben. Man solle nicht abheben, "nicht von Aufstieg und von der Ersten Liga träumen, dass der HSV dahin gehört", sagte der 39-Jährige: "Wir müssen uns das hart erarbeiten."

Boldt hat auch einen ersten Plan, was die Trainersuche anbelangt: "Wir werden einen auswählen, der den Weg der Entwicklung weitergeht, mit hungrigen Spielern. Das ist die einzig sinnvolle Lösung."

Das Wort Entwicklung dürften viele Fans aber sehr kritisch betrachten. Man könnte auch sagen, es ist ein Alibi, hinter das sich Boldt flüchten will. Seine jüngsten Transfers stehen nämlich für eine andere Marschroute. Der 33 Jahre alten Simon Terodde und der 32 Jahre alte Sven Ulreich sind wohl kaum mit dem ganz großen Weitblick geholt worden.

Vielmehr handelt es sich um erfahrene Säulenspieler, mit denen der Aufstieg quasi mit der Brechstange erzwungen werden sollte. Dieses Unterfangen ist gescheitert, was sich Boldt auf die Fahnen schreiben muss. 

Dass Boldt intern nicht schon längst kritischer hinterfragt wird, ist womöglich Teil des Problems. Der Aufsichtsrat könnte sich drastische Kritik an ihm wohl gar nicht erlauben, ohne selbst in die Schusslinie zu geraten. Die Fans und das Umfeld scheinen gleichzeitig so langsam zu resignieren. 

Wie geht es in Hamburg weiter?

Das erneute Scheitern ist gefährlich. Womöglich noch gefährlicher als in den beiden vorangegangenen Jahren. 

Zum einen bedeutet es weniger TV-Einnahmen. Konkret geht es um knapp fünf Millionen Euro weniger. Außerdem dürfte der Klub für ambitionierte Spieler und Trainer nicht interessanter werden. Zu groß ist die Gefahr, sich zu verbrennen.

In der Vergangenheit hat man oft gesehen, was Resignation und aufkommende Lethargie bewirken kann. Wenn der Aufstieg nicht in den zwei oder drei Jahren nach dem Abstieg gelang, dann haben sich Teams wie beispielsweise der 1. FC Kaiserslautern zu "normalen" Zweitligisten entwickelt, die sogar vom Abstieg gefährdet sind. Auch das ist bei Lautern nachzufragen. 

Im Sommer muss beim HSV ein neues Präsidium für den e.V. gewählt werden. Der e.V. ist Mehrheitsaktionär der HSV Fußball AG und damit sehr einflussreich. Er könnte den Aufsichtsrat neu besetzen und damit deutlich mehr Druck auf den Vorstand ausüben. 

Der im Februar als Präsident zurückgetretene Marcell Jansen, der bis zur nächsten Mitgliederversammlung im Aufsichtsrat der AG bleibt, könnte erneut kandidieren. Es könnte aber einen Gegenkandidaten geben - und zwar aus dem Kreise des Supporters Club, der mächtigen Fanorganisation mit über 60.000 Mitgliedern. Dieser steht dem Vorstand grundsätzlich skeptisch gegenüber. 

Um früh Klarheit über die weitere Richtung zu bekommen, könnte eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen werden. Die nächste ist eigentlich für Ende Juli/August geplant, das ist vielen Mitgliedern zu spät. 

Der Frust bei Fans und Mitgliedern sitzt tief. Gut möglich, dass sich in der Führungsetage des HSV vor der nächsten Saison noch etwas tut. 

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