Lieferketten in Europa werden schon ein Jahr vor dem Brexit zerstört


Noch ist es ein Jahr hin bis zum Brexit, doch die Unternehmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals bauen bereits ihre Lieferketten um. 14 Prozent der EU-Firmen mit britischen Zulieferern haben Teile ihres Geschäfts aus dem Königreich verlegt. Elf Prozent haben Mitarbeiter abgezogen.

Das ergab eine vom Branchenverband CIPS durchgeführte Umfrage unter mehr als 2000 Managern von Unternehmen mit einer Präsenz in Großbritannien.

Die Umfrage zeigt, dass Unternehmen sich auf einen harten Brexit vorbereiten. Sie rechnen damit, dass Großbritannien langfristig aus dem Binnenmarkt und der Zollunion ausscheidet. Zwar will der EU-Gipfel diese Woche eine Übergangsperiode beschließen, die den Status quo bis Ende 2020 zementiert. Doch das dürfte die Einschätzung der Manager kaum verändern. Nur der Handlungsdruck sinkt ein wenig, es gibt mehr Zeit für einen geordneten Umbau der Beziehungen.

Britische Firmen bekommen einen Vorgeschmack, was das Leben außerhalb von Binnenmarkt und Zollunion bedeutet. Neun Prozent geben an, dass sie Aufträge als direkte Folge des Brexit-Votums verloren haben. 22 Prozent klagen, dass EU-Zulieferer keine Bestellungen annehmen, die über das Austrittsdatum im März 2019 hinauslaufen. 23 Prozent der Unternehmen geben sogar an, Arbeitsplätze streichen zu wollen.

Die Umfrage ist eine Momentaufnahme, welchen zerstörerischen Effekt der Brexit auf die seit Jahrzehnten gewachsenen Lieferketten haben kann. 36 Prozent der britischen Unternehmen, die bisher mit Zulieferern aus der EU arbeiten, schauen sich bereits nach lokalem Ersatz um. Das ist in vielen Fällen nicht so einfach. „Sie werden Schwierigkeiten haben, passende Alternativen im Königreich zu finden“, sagt der Ökonom John Glen vom CIPS.

Auch klagen die britischen Unternehmen über steigende Kosten. 32 Prozent sagen, dass sie ihre Preise angehoben haben. 41 Prozent geben an, sie würden ihre Preise in Zukunft erhöhen. Die Firmen hätten keine andere Wahl, als einen Teil der zusätzlichen Kosten an die Kunden weiterzugeben, sagte Glen. Der Großteil der Brexit-Kosten bleibe jedoch bei den Unternehmen selbst hängen.

Besonders betroffen ist die Lebensmittelindustrie. 70 Prozent ihrer Exporte gehen in die EU. Weil viele Zutaten nicht aus Großbritannien stammen, könnte es nach dem Austritt aus der Zollunion Probleme mit den Herkunftsregeln geben.


Wirtschaftsverbände plädieren daher seit Langem dafür, in der Zollunion und im Binnenmarkt zu bleiben. Die Labour-Opposition hat bereits ihren Kurs geändert und tritt für eine neue Zollunion mit der EU ein. Die konservative Regierung von Premierministerin Theresa May jedoch beharrt auf dem Ausstieg aus beiden. Sie strebt ein weitreichendes Freihandelsabkommen an, das unterschiedlichen Branchen unterschiedlich tiefen Zugang zum Binnenmarkt ermöglicht.

Auch redet sie über ein neues „Zoll-Arrangement“. Wie weit die EU der britischen Regierung entgegenkommen will, ist unklar. Bisher lehnt sie solche Gedankenspiele über einen maßgeschneiderten Deal ab.

Bis die Brexit-Unterhändler sich auf eine neue Handelsbeziehung einigen, die ab 2021 gelten soll, können noch Jahre vergehen. Wie die CIPS-Umfrage zeigt, wollen viele Unternehmen nicht so lange warten. Sie agieren jetzt und setzen ihre Notfallpläne um – auf der Basis der vorhandenen Informationen. Alles andere ist aus Managersicht fahrlässig.

Damit ist der Schaden schon angerichtet, bevor der Brexit formal vollzogen ist. Selbst wenn sich die Unterhändler am Ende auf den weichestmöglichen Brexit einigen, sind die Lieferketten an vielen Stellen schon zerrissen.