Lieblingsplatz an der Zülpicher Straße: „Diese Mauer verbindet Menschen“

Für die 21-jährige Anastasia Dick ist er ein ganz besonderer Treffpunkt.

Anfangs dachte Anastasia Dick, das legendäre „Mäuerchen“, von dem sie immer wieder gehört hatte, sei eine Disco oder eine Kneipe. Eines Abends aber wollte sie es genau wissen – und fand heraus, dass ihre Studienkollegen damit eine richtige Mauer meinten.

Sogleich wurde es für die 21-Jährige ein magischer Ort. „Diese Mauer verbindet Menschen, anstatt sie zu trennen“, beschreibt Anastasia ihren Lieblingsort, während sie es sich auf dem hüfthohen Wall an der Zülpicher Straße bequem macht.

Anastasia – in Russland geborene und in Hamm aufgewachsen – zog es für ihr Studium der Erziehungswissenschaft vor drei Jahren nach Köln. Besonders an warmen Sommerabenden verwandelt sich das unscheinbare und etwas schmuddelig wirkende Gemäuer in einen angesagten Treffpunkt für Kölner Studenten.

Jeder ist willkommen

Einen bestimmten Dresscode und teure Drinks braucht es nicht, jeder sei willkommen. „Man holt sich einfach ein Kölsch oder eine Limo vom Büdchen und schon ist man dabei“, erklärt die Studentin. Ähnlich einer Kneipe sei man immer in Gesellschaft, auch wenn man sich nicht mit anderen unterhalte.

Oft kommen aber auf der Mauer interessante Gespräche über politische Themen wie soziale Ungleichheit zustande. Viele nutzen die Gelegenheit, ein bisschen zu philosophieren, den neusten Klatsch auszutauschen oder im angeheiterten Zustand etwas Unsinn zu spinnen.

Außer Gesprächen hält der Ort noch einen weiteren Luxus bereit: Die Livemusik von Künstlern, die zur Szene dort gehören, lässt die Zeit auf dem harten Mauerwerk verfliegen. So merkt die Studentin oft gar nicht, dass sie schon stundenlang dort sitzt. Für sie macht vor allem die Stimmung und das Gemeinschaftsgefühl das Besondere des Ortes aus: „Es ist für viele ein Zwischenstopp, bevor sie ins Nachtleben eintauchen. Man hat das Gefühl der unbegrenzten Möglichkeiten; die ganze Welt und eine aufregende Nacht liegen vor einem.“

Ruhe vor dem Sturm

Ein bisschen empfindet Anastasia die Stimmung wie die Ruhe vor dem Sturm; das letzte Verschnaufen, bevor es in einen der nahen Clubs geht. „Ein Paradies ist für mich ein Ort, an dem ich ganz so sein kann, wie ich bin.“

Im Alltag steht die Studentin wie viele andere häufig unter Druck und schlüpft je nach Situation in verschiedene Rollen, doch sobald sie sich mit ihrer Limo auf die kleine Mauer setzt, muss sie keine Erwartungen mehr erfüllen und genießt diese Freiheit. Dass sie nicht die einzige ist, auf die dieses Gemäuer eine spezielle Faszination ausübt, beweist eine eigens für den Ort erstellte Facebook-Präsenz: „Mäuerchen an der Zülpicher Straße“. Dort findet sich unter anderem eine Ode an die Mauer.

Auch wenn es beim Anblick des harten Betons schwer nachvollziehbar ist, für Anastasia Dick ist dieser Ort ein Zuhause geworden. Ins warme Orange der Straßenleuchten getaucht, fühlt sie sich hier wohl und geborgen. „Ich freue mich, dass endlich Sommer ist“, sagt Dick – und sie genießt es sehr, in der warmen Jahreszeit wieder viele schöne Stunden in ihrem kleinen Paradies zu verbringen. (sbs)...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta