Lieber Inflationsverlust als Negativzinsen

Strafzinsen sind ein rotes Tuch für deutsche Kleinsparer. Es herrscht hier Nulltoleranz, wie eine Umfrage ergeben hat. Einen „auffälligen Widerspruch“ gibt es aber bei Anlagen am Kapitalmarkt.


Die Deutschen hassen Negativzinsen. Dass sie heute real bereits unter negativen Zinsen leiden, spielt dabei keine Rolle. Es zählt, was nominal bezahlt wird. Denn die Wirklichkeit sieht so aus: Investieren Anleger etwa in zehnjährige Bundesanleihen, erzielen sie derzeit eine Rendite von gut 0,3 Prozent im Jahr. Dagegen steht eine leicht gestiegene, jährliche Inflationsrate von 1,5 Prozent im November. Doch die Anleger interessiert es nicht, dass ihre investierten Gelder real – also nach Abzug der Inflationsrate – schrumpfen.

In Deutschland gibt es einige Banken, die Strafzinsen von ihren Privatkunden verlangen. Nach einer Aufstellung der Internetseite „Tagesgeldvergleich.net“ sind es insgesamt 19 Banken und Sparkassen. Darunter arbeiten die Ethikbank und die GLS Bank bundesweit. Beim Rest handelt es sich um regionale Spieler, vor allem Volks- und Raiffeisenbanken wie die Volksbank Baden-Baden und die Skatbank. Als einzige Sparkasse ist die Sparkasse Köln-Bonn mit dabei.

Wenn die rote Linie überschritten wird und Banken auf breiter Front Negativzinsen auf Bankeinlagen einführen, droht die Gefahr einer Flucht der Gelder, hat die Studie ergeben, bei der 3100 Kunden von ING-Diba befragt wurden. Nach den Worten von Martin Weber, Professor der Universität Mannheim, würden 36 Prozent der Sparer in diesem Fall ihr Geld vom Konto abheben. Weitere 14 Prozent würden sich für eine Anlage mit mehr Risiko entscheiden, wie das beispielsweise Aktien sind, ergebe die ZEW-Umfrage. Offenbar legen die Deutschen in so einem Fall lieber ihr Geld unter das Kopfkissen und akzeptieren es nicht, dass sie weniger zurückbekommen als sie auf ihr Konto eingezahlt haben.


Klar ist: Niedrig- oder gar unverzinste Sparprodukte sind weiterhin der Deutschen liebstes Kind, wie Martin Schmidberger von der Bank ING-Diba betont. Der Generalbevollmächtigte des Instituts verweist auf Berechnungen der Bundesbank zum Geldvermögen der Deutschen, das sich insgesamt auf knapp 5,6 Billionen Euro beläuft. Davon ist der Großteil mit 2,2 Billionen Euro Bargeld und Einlagen, gleich gefolgt von Versicherungen mit 2,1 Billionen Euro. Gerade Bargeld erfreue sich seit 2013 wachsender Beliebtheit und habe sich in Deutschland mit heute 180 Milliarden Euro fast verdoppelt, sagt Schmidberger. Ein ähnliches Bild spiegelt sich bei Spareinlagen wider. Da können Investmentfonds und Aktien nicht mithalten.

Insgesamt zeigt sich: An das Niedrigzinsumfeld haben sich die Deutschen gewöhnt, wie Forscher Weber konstatiert. Noch vor ein bis zwei Jahren wäre das undenkbar gewesen. Aber die Minizinsen haben nach der Umfrage immer weniger Einfluss darauf, wie viel in Deutschland gespart wird. Ein Beispiel: Während liquide Sparprodukte wie Tagesgeld im vergangenen Jahr bei der gleichen Umfrage an Attraktivität eingebüßt hatten, sind 2017 diese Sparprodukte trotz anhaltender Niedrigzinsen wieder etwas attraktiver geworden. Das sehen insbesondere Sparer so, die ohnehin über ein geringes Finanzvermögen verfügen.

Viele Europäer sehen ihre finanzielle Situation kritisch. Bei 25 Prozent bleibt am Ende des Monats nichts übrig. Oft reicht das monatliche Budget kaum für die laufenden Kosten. Für weitere 39 Prozent sind ungeplante Ausgaben ein Problem, dem sie sich stellen müssen. Das ergibt die Schuldenweltenstudie des Forderungsmanagers KRUK. Auch die Deutschen stehen nicht viel besser da.


Deutsche laufen in die Rentenfalle

Sogar in der selbst ernannten Sparernation Europas haben 46 Prozent der Befragten nur bis zu drei Monatseinkommen auf der hohen Kante. In dieser Situation sind Aktien offenbar keine Alternative für sie. Zu risikoreich, urteilt Schmidberger von ING-Diba. Dabei hätte es sich gelohnt. Beispielsweise ist der Deutsche Aktienindex Dax in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 22 Prozent gestiegen, der Dow Jones als Maßstab für Aktien in den USA eilt derzeit von Rekord zu Rekord. Ein kostengünstiges Investment wäre etwa mit börsennotierten Indexfonds auf den Dax möglich gewesen.


Dieses Bild der allgemein vorherrschenden Angst bestätigt eine Umfrage des Versicherers Axa. Zwar gibt es grundsätzliches Interesse an Aktien und anderen börsennotierten Wertpapieren, aber die Börse gleicht in den Augen der Deutschen einem Spielkasino. Sie fühlen sich wie beim Roulette, wenn sie etwa Aktien kaufen. Gleichzeitig beteuern sie jedoch grundsätzlich großes Interesse an Anlagen am Kapitalmarkt.

Patrick Dahmen, Vorstand der Axa, spricht deshalb von einem „auffälligen Widerspruch“ und verweist auf das Deutsche Aktieninstitut. Nach Berechnungen des Interessenverbandes besitzt lediglich jeder siebte Bürger im Land Aktien oder Aktienfonds. Weniger als neun Millionen Deutsche sind in Aktien investiert. Doch die Deutschen sehen börsennotierte Wertpapiere nur als etwas für „Experten auf diesem Gebiet“ an. Ein Großteil der von Axa befragten – 40 Prozent – sieht sich nicht als solche. Ihnen fehle schlicht das Wissen, sind sie überzeugt.

Dabei laufen die Deutschen ohne höher rentierte Anlagen im Alter in eine Rentenfalle. Das gesetzliche Rentenniveau sinkt nach Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung bis zum Jahr 2030 von aktuell 48,2 auf 43 Prozent des verfügbaren Durchschnittsentgeltes. 70 Prozent der Deutschen ist das nicht bewusst, zeigt die repräsentative Finanzwissensstudie der RWB Group, einem Dachfonds für Private Equity.

Jeder Vierte schätzt es zu hoch ein – teilweise um bis zu 30 Prozentpunkte. Private Vorsorge ist angesichts der Rentenentwicklung bitter nötig gerade mit Blick auf die Zeiten nach 2030. Horst Güdel, Gründer der RWB Group empfiehlt deshalb Kleinanlegern: „Im ersten Schritt sollte man sich Grundlagenwissen zur Geldanlage aneignen. Das kann spannender sein, als manch einer denkt.“