Eine Liebe zum einzigen Europapokalsieger der DDR

Eine Liebe zum einzigen Europapokalsieger der DDR
Eine Liebe zum einzigen Europapokalsieger der DDR

„Irgendwie mag ich solche Geschichten des tragischen Scheiterns.“ Alex Schnarr hat ein Lächeln in der Stimme, als er das sagt. Und weil der Fußballverein in seiner Heimatstadt ganz besonders schön tragisch scheitert, verschlägt es ihn irgendwann als Teenie mit einer Gruppe Schulfreund*innen ins Stadion. Dort kauft er nach der Partie einen Schal und erklärt den „völlig schockierten Eltern“ beim Nachhausekommen, er sei jetzt Fan des 1. FC Magdeburg.

Jener war der einzige Europapokalsieger der DDR, vom alten Glanz ist Mitte, Ende der 90er jedoch nicht viel geblieben. In der Saison 2000/01 allerdings mischt der Verein den DFB-Pokal auf, unter anderem mit einem 5:2 gegen den 1. FC Köln. Schnarr sammelt Erinnerungen für die Ewigkeit – und das ausnahmsweise ganz ohne Anekdoten des Scheiterns.

Als der gebürtige Magdeburger 2012 in Leipzig fern der eigenen Fanszene lebt, mit der er zuvor Freud und Leid geteilt hat, ist das schwierig für ihn. Er startet, quasi als Ausgleich, den Blog „Nur der FCM!“, in dem er sich Verein und Fanleben widmet. „Das hatte schon etwas selbsttherapeutisches“, schaut er heute auf jene Zeit zurück, in der er auch mit dem Gedanken spielt, hauptberuflich in den Sportjournalismus zu gehen.

Letztlich entscheidet Schnarr sich für die Zweigleisigkeit: Fußball und das Schreiben darüber als Hobby-Slash-Nebeneinkunft zur wissenschaftlichen Arbeit. Ein Projekt, das phasenweise neben dem eigenen Blog viel Raum einnimmt in seinem Leben, ist das Portal „120minuten“, in dem er mit Gleichgesinnten Longreads zu Fußballthemen schreibt und kuratiert. „Wir haben gute Sachen gemacht, davon bin ich immer noch überzeugt“, betont er.

Weil das Projekt aber den Sprung in die Monetarisierung nicht schafft – und sich zudem die Lebensumstände der leidenschaftlichen Macher*innen ändern – endet 120minuten im Februar 2020. Das Portal loszulassen, tut weh, auch wenn die Entscheidung sich richtig anfühlt, bis heute. Für Wehmut ist aber keine Zeit, denn für Alex Schnarr steht plötzlich etwas unerwartet ein völlig neues „Projekt“ im Zentrum, das sein liebstes überhaupt wird: Er ist jetzt Vater.

Viele lebensverändernde Themen fallen zusammen in den zwei Jahren ab Anfang 2020. Seine Familie – inzwischen ist er zweifacher Papa –, berufliche Neuerungen, Umzüge und natürlich, wie bei allen, die Pandemie. Für den jahrelangen Viel- bis Allesfahrer Schnarr ändern die leeren Ränge im Stadion alles, und in seiner Stimme klingt ein Kopfschütteln mit, wenn er von dieser Umstellung erzählt. „Mir wurde da ein Leben eigentlich genommen durch Corona.“

Viele Fans scheuen sich in der ersten Phase der Pandemie, das so klar auszusprechen. Weil die Gesellschaft an allen Ecken leidet unter Corona, weil Menschen alles verlieren, weil der Profifußball selbst privilegiert ist. Was seinen Fans in Sachen sozialer Räume genommen wird, als der wöchentliche Stadionbesuch plötzlich über Monate unmöglich ist, wird öffentlich sehr selten thematisiert. Schnarr beschreibt eindrücklich das Gefühl eines Kontrollverlustes.

Und heute? „Ich würde so weit gehen, zu sagen: Ich bin FCM-Fan, aber ob ich Fußballfan bin, in einem globaleren Kontext, was so den ganzen Profifußball betrifft, das könnte ich dir nicht mehr seriös beantworten.“ Die Pandemie hat Wunden hinterlassen, auch in den Kurven. Was nichts ändert an der Liebe zum Verein, immerhin. Die vielleicht schon bald vor einer neuen Wendung steht: Seine Kids mitzunehmen ins Stadion, darauf freut Schnarr sich sehr. Und da ist wieder dieses Lächeln in seiner Stimme, wenn er von diesen beiden Lieben erzählt.

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