Lieber Fuckups präsentieren statt lauter Eigenlob auf Linkedin, meint diese Gründerin

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Gründerin Madlen Thorwarth schaut trotz Mist-Jahr zuversichtlich auf 2022.
Gründerin Madlen Thorwarth schaut trotz Mist-Jahr zuversichtlich auf 2022.

Kurz vor Neujahr war Madlen Thorwart genervt. Vor allem von diesen ganzen Success-Storys auf Linkedin, erzählt sie. Solche der Art, „Wir waren eine 🚀!" und die ganzen anderen Posts, von Leuten, die geschrieben hätten, alle Zahlen übertroffen zu haben und so dankbar zu sein für alles, was sie 2021 erreicht hätten. „Ich habe auch ein paar wenige Fail-Posts gelesen, aber die waren mir nicht deep genug“, sagt die Gründerin im Gespräch mit Gründerszene. „Und am Ende stand da dann immer noch: Trotzdem hatten wir diese und jene großen Erfolge.“ Also fasste sie den Beschluss, selbst etwas zu schreiben. Und zwar die Wahrheit, die nackte und ungeschönte, so hart und hässlich sie auch sei. Titel: „Meine Fuckups aus 2021“. Und dann legt Thorwarth los:

Im zweiten Quartal rauschten die Verkaufszahlen ihres Schmuck-Startups rapide nach unten. Thorwarth, eigentlich Innenarchitektin, hatte Concrete Jungle gemeinsam mit ihrem Verlobten vor fünf Jahren gegründet – zunächst als einen Handwerksbetrieb für Betonarbeiten. Sie fertigten Arbeitsplatten und Theken für Bars an, Möbel aus Beton, Deko-Gegenstände. Schmuck aus Beton machte sie zunächst nur für sich selbst. Allerdings war der schnell gefragt. „Und er war am skalierbarsten: Du brauchst keine riesigen Lagerflächen, die Werkstatt muss nicht so groß sein, du kannst deine Designs immer und immer wieder reproduzieren.“ 2019 wurde aus dem Betonhandwerksbetrieb ein E-Commerce Unternehmen, das Betonschmuck verkauft, über den eigenen Online Shop, aber auch über andere Händler – Otto, Amazon und Avocadostore. „2020 und Q1 2021 liefen richtig Bombe“, erzählt Thorwart. Dann krachte der Absatz ein. "Da wir aber sehr viel Vorlauf durch die Inhouse-Produktion brauchen, hatten wir unsere Jahreseinkäufe, Planzahlen und Mitarbeiteraufstellung basierend auf Q1 aufgebaut."

Und dann sei für sie und ihren Partner noch das Lieferkettenproblem hinzugekommen: „Durch die Rohstoffkrise waren ab Q2 zwei wichtige Bestandteile unserer zwei Betonmischungen auf einmal nicht mehr lieferbar. Dadurch konnten wir knapp sechs Monate keine neuen Produkte rausbringen.“ Das habe sie enorm zurückgeworfen. „Eine unserer Hauptkollektionen können wir bis heute nicht nachproduzieren“, sagt Thorwarth. Es folgte ein iOS Update, nach dem die Performance in den Keller ging, Marketingaktionen, die zum Flop wurden, ein Produktrückruf und schließlich ein enttäuschend lahmes Weihnachtsgeschäft. Alles auch privat eine Belastung für das Gründerpaar, Mitte des Jahres sei Thorwarth wegen einer schweren Erschöpfungsdepression für ein paar Monate schachmatt gewesen.

Und dann? Wie geht man mit solchen Rückschlägen um?

Thorwarth beschloss für sich, daran zu wachsen. „Wirklich, 2021 war für mich das Jahr des Wachstums – des persönlichen.“ Das Schwierigste an all den Problemen sei gewesen, dass Thorwarth und ihr Unternehmen ihnen mehr oder weniger ausgeliefert gewesen seien. Dass sie nichts dafür konnten für Rohstoffknappheit und Systemupdates. „Ganz sicher haben wir auch dieses Jahr Fehler gemacht – aber vieles lag nicht in unserer Hand. Wenn man bei sich selbst das Problem findet, kann man sagen: Jetzt weiß ich, was ich ändern und besser machen kann. Aber so muss man erstmal sehen, wie man damit klarkommt.“

Scheitern gehöre zum Erfolg, sagt Thorwarth. Und ihre Learnings aus 2021 zieht sie auch: Marketingsaktionen gebe es künftig nur noch, wenn das Budget locker sitze. Produkte würden länger und besser getestet, ehe sie auf den Markt kommen. Und außerdem ist ihr erklärtees Ziel für 2022, unabhängiger vom Weihnachtsgeschäft und Performance-Marketing zu werden. Auch wichtig: „Zeit für sich zu nehmen ist produktiv“, Gründerpaar-Beziehungen sind Arbeit und Pandemien bleiben unberechenbar. „Wir lassen und nicht unterkriegen“, sagt die Gründerin und kündigt Kampfgeist für 2022 an.

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