Warum Lidl in England eine Schule auf einen Supermarkt baut


Auf den ersten Blick sieht es aus, als würde auf der Baustelle in der Richmond Road im britischen Twickenham ein ganz normaler Supermarkt entstehen. Doch auf den zweiten Blick zeigt sich, dass der deutsche Discounter Lidl hier ein spannendes Experiment gestartet hat.

Denn über den Regalen des nagelneuen 1100-Quadratmeter-Marktes mit Joghurts, Nudeln und Konserven soll auf der ersten und zweiten Etage eine Grundschule gebaut werden, die „Deer Park School“. In 14 Klassenräumen werden künftig 420 Schüler büffeln – und können sich dann in der Pause unten eine Milch oder einen Müsliriegel holen.

Doch nicht um die Pausenversorgung der Schüler und Lehrer zu sichern, wagt Lidl diese ungewöhnliche Kombination. Den Discounter treibt die pure Not, künftig noch Genehmigungen für attraktive, große Standorte zu bekommen. Nur wenn das Unternehmen die Stadtverwaltungen mit gemischten Immobilien inklusive Schulen, Wohnungen oder Studentenappartements lockt, gibt es Chancen.


Seit 2008 schon baut Lidl in England immer mal wieder auch Wohnungen, rund 300 sind so mittlerweile entstanden. Doch nun gewinnt die Entwicklung deutlich an Fahrt. Mehr als 3000 neue Wohnungen sollen in den kommenden Jahren entstehen, auch Hotels und Büros sind geplant.

Viele Supermarktbetreiber haben angesichts der knappen Platzverhältnisse in den Innenstädten die Vorteile der gemischt genutzten Immobilien entdeckt. Und das nicht nur in England. Auch in Deutschland entstehen immer mehr Wohnungen oder Büros über Supermärkten und Discountern. Und auch hierzulande ist Lidl dabei führend.

„Aktuell sind bereits Projekte unter anderem in Frankfurt, Hamburg, München und auch in Berlin in der Vorbereitung", sagt Alexander Thurn, Geschäftsleiter Immobilien Lidl Deutschland, dem Handelsblatt. „Es werden mit Sicherheit deutlich mehr als 2000 Einheiten sein.“

Aldi baut in Berlin viele Wohnungen

Der Hintergrund: Die Kunden sind künftig immer weniger bereit, zu Supermärkten außerhalb der Städte zu fahren. Ihre täglichen Einkäufe wollen sie vor der Haustür erledigen, den Rest besorgen sie sich übers Internet. „Wer den Menschen in der Stadt in Zukunft Lebensmittel in einem stationären Lebensmittelmarkt verkaufen will, der muss dort sein, wo die Menschen sind“, beobachtet Markus Wotruba von der BBE Handelsberatung in München.


Was das bedeutet, zeigt anschaulich das Beispiel Berlin. Hier baut Aldi Nord 200 Wohnungen in den Stadtteilen Neukölln und Lichtenberg. Jeweils im Erdgeschoss der Wohnkomplexe werden neue Discountmärkte entstehen. „Mit den Leuchtturmprojekten wollen wir den Startschuss für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Stadt Berlin setzen", sagte Jörg Michalek, Geschäftsführer der Aldi Immobilienverwaltung. Geplant sind mindestens 30 solcher Standorte in der Hauptstadt.

Während in Deutschland die Discounter diese Entwicklung treiben, sind in England die großen Supermarktketten die Pioniere. So hat beispielsweise die Kette Tesco schon Hunderte von Wohnungen gebaut, auch Sainsbury’s und Morrisons folgen dem Trend, um sich gute Standorte zu sichern.

Da kann Lidl nicht zurückstehen. Mindestens 50 neue Märkte will der Händler in Großbritannien in diesem Jahr eröffnen, zugleich will er vorhandene kleine Geschäfte an größere Standorte umsiedeln. Da könnte dann auch bald wieder eine neue Schule über einem Lidl entstehen.