Libysche Küstenwache ruft um Hilfe


Die Sonne brennt auf den Hafen der sizilianischen Küstenstadt Trapani. Vor Anker liegt das Rettungsschiff „Aquarius“, auf dem SOS Mediterranee und Ärzte ohne Grenzen gemeinsam auf Mission gehen. An Bord wuselt alles durcheinander. Polizisten, Journalisten, Flüchtlinge, Mitarbeiter des italienischen Roten Kreuzes und anderer Hilfsorganisationen. Menschen in weißen Overalls und Mundschutz im Gesicht desinfizieren das Schiff auf dem es nach Fäkalien riecht.

An diesem Tag bringt die „Aquarius“ 371 Migranten mit. Die meisten von ihnen haben die Organisationen unweit der libyschen Küste, westlich der Hauptstadt Tripolis, aus Schlauchboten geborgen. Darunter sind 56 Frauen, sieben Kinder unter fünf Jahren und 48 unbegleitete Flüchtlinge. Laut SOS Mediterranee hat die libysche Küstenwache, die die Bergung durchführen sollte, ausdrücklich um den Einsatz der „Aquarius“ gebeten. Ein Boot der Küstenwache habe sich zwar in unmittelbarer Nähe befunden, sei aber nicht groß genug gewesen, um die Menschen aufzunehmen.


„Es ist das erste Mal, dass uns die libysche Küstenwache um Hilfe gebeten hat“, sagt Madeleine Habib, Koordinatorin der Such- und Rettungseinsätze von SOS Mediterranee an Bord der „Aquarius“. Dennoch ist der Hilferuf der Küstenwache bemerkenswert, da sie Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) in der Vergangenheit dafür verantwortlich gemacht hatte, mit Schleppern zu kooperieren. Im August soll die Küstenwache die „Golfo Azurro“, das Schiff der spanischen Hilfsorganisation Proactiva Open Arms, zwei Stunden lang festgehalten haben. Andere NGOs berichten sogar von Schüssen auf ihre Schiffe.

Die Einsätze der Retter beschäftigen mittlerweile auch schon Gerichte: An diesem Dienstag legt die Hilfsorganisation Jugend Rettet Einspruch gegen die Beschlagnahme ihres Rettungsschiffs ein. Den privaten Seenotrettern, die nach eigenen Angaben seit Juli 2016 rund 14.000 Menschen auf dem Mittelmeer gerettet haben, wird vorgeworfen, illegale Migration begünstigt zu haben. Das Schiff „Iuventa“ liegt derzeit in Trapani, wo der Fall nun verhandelt wird.

Die „Iuventa“ war Anfang August im Zuge der Ermittlungen von italienischen Behörden auf Lampedusa durchsucht und anschließend beschlagnahmt worden. Der Staatsanwaltschaft zufolge sollen Teile der Besatzung mehrmals Migranten an Bord genommen haben, die nicht in Seenot und noch in Begleitung von Schleppern gewesen sein sollen. Die Ermittler schlossen aber aus, dass Jugend Rettet Teil einer kriminellen Vereinigung sei, einen koordinierten Plan mit Schleppern habe oder mit diesen zusammengearbeitet zu haben, um Profit daraus zu schlagen.


Andere haben von sich aus die Einsätze gestoppt. Mitunter aus Sorge um ihre Besatzungen zogen NGOs wie Ärzte ohne Grenzen (MSF), Sea-Eye oder Save the Children ihre Schiffe zwischenzeitlich ab. Vorangegangen ist eine Ankündigung der libyschen Küstenwache, ihre Such- und Rettungszone auf internationale Gewässer auszuweiten – verknüpft mit Drohungen gegenüber Hilfsorganisationen. Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags hält die Ausweitung der libyschen Marine, die mit der EU zusammenarbeitet, für völkerrechtswidrig.

Inzwischen ist die „Sea-Eye“ wieder im Rettungseinsatz. Die Prudence der MSF liegt zwar vor Anker. Doch sind Ärzte ohne Grenzen weiter auf der von SOS Mediterranee gecharterten „Aquarius“ unterwegs. Sie hält aktuell Kurs auf Libyens Küste und wird bis Ende September im Abstand von 25 bis 30 Seemeilen nach Menschen in Seenot suchen.


Weiterhin wagen Tausende Menschen die Flucht nach Europa. Wie riskant die Überfahrt ist, zeigen Zahlen der International Organization for Migration. Danach sind allein zwischen Januar und Ende August 2017 etwa 2410 Menschen bei der Fahrt über das Mittelmeer ums Leben gekommen.