"Li-bu-da" - ein Mann wie eine Zauberformel

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"Li-bu-da" - ein Mann wie eine Zauberformel
"Li-bu-da" - ein Mann wie eine Zauberformel

Nach seinem ersten Bundesliga-Spiel war er gleich Tabellenführer, nach dem fünften schon Nationalspieler. Mit 19 Jahren debütierte er an der Seite von Wolfgang Overath im September 1963 beim 3:0 gegen die Türkei noch unter Sepp Herberger und die Fachpresse schrieb: “Reinhard Libuda feierte einen glänzenden Einstand. Ohne Nervenfieber legte er mit Zick-Zack-Dribbling gleich so beherzt los, als wenn er im Schalker Dreß stecken würde.”, war im Sport Magazin zu lesen. Und die WAZ titulierte ihn schon als den “Garrincha vom Schalker Markt”. Straßenfußballer waren schon vor 60 Jahren begehrt, wenn auch nicht so selten wie heute.

“Macht mir den Jungen nicht verrückt”, mahnte 04-Trainer Georg Gawliczek vergeblich, als ihm die Klub-Legenden Ernst Kuzorra und Fritz Szepan eine große Karriere voraussagten.

An Jesus kommt keiner vorbei - außer Libuda

Reinhard Libuda, den niemand Reinhard nannte, kam über die Bundesliga wie ein Wirbelsturm. Denn Wirbel machen, das konnte er am besten. Mit dem Ball am rechten Fuß schlug er seine unnachahmlichen Haken, die jeden Gegenspieler zur Verzweiflung brachten, jedenfalls wenn er einen guten Tag hatte. Leider hatte er davon ein paar zu wenig und so geht Libuda, den alle Welt “Stan” rief, als ein Unvollendeter in die Fußballgeschichte ein. Aber auch als Unvergessener, nicht nur am Schalker Markt.

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Schon wegen der einen Geschichte, für die er gar nichts kann und die doch jeder kennt: Dass eines Tages auf einem Werbeplakat des Predigers Werner Heukelbach unter der Überschrift “An Jesus kommt keiner vorbei” der handschriftliche Zusatz eines Fans stand: “Außer Libuda.” Bekannter ist zwar die Version, dass statt Jesus Gott auf dem Plakat stand, vielleicht weil es den Stan noch ein bisschen größer machte, aber so ist das mit Legenden. Sie halten nicht jeder genauen Prüfung Stand, sind aber nur schwer zu erschüttern.

“Stan” riefen sie ihn nach dem großen Engländer Stanley Matthews, der noch mit 50 Jahren für Stoke City spielte und den Trick, den Libuda liebte, uraufgeführt hatte. “Jede Putzfrau im Stadion hat gewusst, dass er nach außen antäuscht und dann nach innen geht oder umgekehrt, aber man konnte nichts dagegen machen” erinnerte sich vor Jahren Helmut Kremers, sein Weggefährte in Libudas zweiter und dritter Schalker Phase. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga)

Hochverrat: Libudas Wechsel zum BVB

Das allein sagt viel aus über diesen Mann: drei Mal Schalke. Wäre es nach ihm gegangen, hätte es die Pausen nie geben müssen. Aber als die Schalker 1965 sportlich abstiegen, da nahm er das Angebot von Borussia Dortmund an. Zwar war es damals schon Hochverrat, aber “Stan” war es wichtiger, dass er nicht umziehen musste. So blieb seine Adresse die Wittekindstraße 19 in Gelsenkirchen-Bismarck. Keine feine Adresse, aber Heimat. Dann wurde Schalke begnadigt und Libuda soll vor Wut das BVB-Trikot zerrissen haben. Eine der Legenden, die existieren und die niemand mehr zu entzaubern wagt. Für Schalke-Fans stimmt sie. Trotzdem schaffte er es als einer der ganz wenigen “Überläufer”, auch beim BVB zur Legende zu werden. Dafür genügte ein einziger Moment in seinen drei Dortmunder Jahren: Der Hampden-Park in Glasgow, 5. Mai 1966. Das Finale um den Europacup der Pokalsieger war schon in der Verlängerung, als Libuda ein Abpraller vor die Füße fiel. Das Tor des FC Liverpool war leer, der Weg war weit, also schoss er aus über 30 Metern und schwierigem Winkel. Der Ball flog an den Pfosten, dann an den Torwart-Nacken und so ins Netz.

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“Es ist unglaublich”, jauchzte ARD-Kommentator Ernst Huberty nach dem Tor, das den ersten Europapokalsieg einer deutschen Mannschaft überhaupt einbrachte. Auch sein zweitberühmtestes Tor schoss er nicht für Schalke. Am 22. Oktober 1969 behielt Libuda im Hamburger Nebel den Durchblick und erzielte das entscheidende 3:2 für Deutschland gegen die Schotten, das auch ihn selbst zur WM nach Mexiko brachte. Dort bestritt er sein bestes von 26 Länderspielen beim 5:2 gegen die Bulgaren. An vier von fünf Toren war er beteiligt, da gab der scheue Kerl auch mal ein Interview: “Ich glaube, es hat in meiner ganzen Laufbahn nur einmal so gut geklappt, vor drei Jahren in Dortmund, als wir gegen die Bayern aus einem 1:3 noch ein 6:3 gemacht haben.”

Kind des Ruhrgebiets

Es blieb sein einziges Turnier und das mag er nicht mal bedauert haben, denn aus Mexiko wollte er vor lauter Heimweh abreisen. Helmut Kremers wusste zu berichten: “Der Stan konnte eigentlich nur im Ruhrgebiet gut Fußball spielen. Zuhause hat er sich wohlgefühlt, aber wenn es in Auswärtsspielen Beleidigungen von den Rängen gab, dann konnte er das einfach nicht vertragen. Er war so sensibel.”

In der Glückauf-Kampfbahn hingegen riefen sie das langgezogene “Li-bu-da, Li-bu-da”, als wäre es die Zauberformel zum Sieg. Als er nach seinem letzten Spiel vor dem zweiten Wechsel, am 1. Juli 1972, den DFB-Pokal in Händen hielt, erschollen sie wieder, die “Li-bu-da”-Rufe. Wenn jemals ein Schalker ein Publikumsliebling war, dann er.

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Aber er ging wieder. Für 500.000 D-Mark Ablöse floh der wie alle Schalker in den Bundesligaskandal verwickelte 04-Kapitän zu Racing Straßburg. “Ich muss ehrlich sagen, ich bin ein bisschen traurig. Aber der Vorstand hat so entschieden.”, sagte er in die Mikrofone und gestand: “So viel wie ich in Straßburg bekomme, wollte Schalke mir nicht bezahlen. Da musste ich leider wechseln. Heimweh nach Schalke werde ich immer haben.”

Der Bundesligaskandal

Der Vertrag lief zwei Jahre, aber schon nach einem stand er wieder bei Schalke auf dem Trainingsplatz. Nur um sich fitzuhalten zunächst, denn der DFB hatte ihn lebenslang gesperrt – für den Fehler seines Lebens. Schalke hatte bekanntlich im April 1971 ein Spiel im Abstiegskampf manipuliert, für 2300 DM pro Kopf. Obwohl noch keine Beweise vorlagen, war seine Länderspielkarriere jäh beendet. Schalker wurden einfach nicht mehr nominiert.

Im Herbst 1972 kam alles heraus; Bielefelds Spieler Stockhausen gab vor dem Sportgericht zu Protokoll, Libuda habe ihm sozusagen einen Passierschein für den Schalker Strafraum gegeben: “Du kannst ruhig gehen, dir passiert nichts!”

Libuda dementierte und ging in Berufung, wie alle in den Skandal verwickelten Schalker ließ er sich Zeit mit der vollen Wahrheit. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga)

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In Straßburg hatte er seine Ruhe vor der Presse, aber kein Glück. Er blieb nur neun Monate, ein Wadenbeinbruch und die Sperre verleideten ihn das Leben im Elsaß. Seine Schalker holten ihn zurück, für 410.000 D-Mark wurde Racing besänftigt. Im Gegenzug wurde seine DFB-Sperre aufgehoben, am 5. Januar 1974 war Libuda wieder spielberechtigt für die Bundesliga. Fit war er nicht, aber Trainer Ivica Horvat stellte ihn wider besseres Wissen gegen den HSV auf: “Wenn Libuda spielt, kommen 10.000 mehr. Ich muss auch an die finanziellen Dinge des Vereins denken.” Tatsächlich strömten 46.500 an einem Januar-Tag ins neue Park-Stadion und sahen: Libuda war nicht mehr der Alte und wurde es nie mehr. Seine Karriere klang ruhmlos aus, bis September 1974 kam er auf 15 torlose Einsätze. Er konnte schlicht nicht mehr mithalten. Als 1975 dann Trainer Max Merkel kam und einen Fitness-Test mit Hindernissen auf der Laufbahn ansetzte, versteckte sich Libuda im Wassergraben und schloss sich der Gruppe erst in der letzten Runde an. Es wurde Zeit aufzuhören. Doch was nun?

Der tiefe Sturz nach der Karriere

Nach der Karriere war er ein hilfloser Mensch. Er machte Schulden, die Ehe ging kaputt und auch den Tabak-Laden, den er von Ernst Kuzorra übernahm, vermochte er nicht lange zu führen. Er musste verkauft werden. Eines Tages erschien in der Zeitung ein Bild, das ihn auf dem Weg zum Arbeitsamt zeigte. Hilfreicher als das Amt waren die Kontakte der Kameraden. In einer Druckerei fand Libuda auf Vermittlung seines früheren Mitspielers Rolf Rüssmann eine Anstellung. Als Reporter davon erfuhren und vorbeikamen, wischte er gerade einen Ölfleck vom Boden auf. Fertig war das Bild vom tief gestürzten Nationalspieler. (DATEN: Die Tabelle der 2. Bundesliga)

Es kam noch schlimmer: Libuda erkrankte 1992 an Kehlkopf-Krebs und verbrachte seine letzten Jahre im Haus seiner Mutter. Am 25. August 1996 verstarb er an den Folgen eines Schlaganfalls und der Pfarrer sagte auf der Trauerfeier: “Und an Gott kommt doch keiner vorbei.”








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