Traditionswechsel bei der Bundeswehr eingeläutet: Das ändert sich jetzt

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat einen Traditionswechsel eingeläutet.

Die Bundeswehr soll sich in Zukunft in der Traditionspflege auf ihre eigene Geschichte berufen: Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) unterzeichnete am Mittwoch einen neuen Traditionserlass, der die "reiche Geschichte" der Bundeswehr in den Mittelpunkt der Erinnerungskultur der Truppe stelle. Die Ministerin benannte zudem eine Kaserne nach einem in Afghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten um.

Auslöser für die Debatte um die Tradition der Bundeswehr und auch die Frage einer möglichen Umbenennung von Kasernen war die Festnahme des Oberleutnants Franco A. im April vergangenen Jahres, der einen rechtsradikal motivierten Anschlag geplant haben soll. Seither wurde vor allem um Kasernennamen gestritten, die etwa nach umstrittenen Offizieren aus der Zeit des Nationalsozialismus benannt sind.

Im Zentrum des neuen Traditionserlasses der Bundeswehr soll die Auseinandersetzung der Truppe mit ihrer eigenen Vergangenheit stehen. "Wir wollten die deutsche Militärgeschichte in ihrer ganzen Breite in den Blick nehmen, aus ihr schöpfen, bewerten, was daraus für uns heute vorbildlich und sinnstiftend ist", sagte von der Leyen.

Die Aufnahme der Wehrmacht "als Institution in unseren Traditionskanon" sei aber grundsätzlich ausgeschlossen. Genauso verhalte es sich mit der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR, betonte von der Leyen. Die Verteidigungsministerin erinnerte daran, dass die Bundeswehr selbst bereits vor über 60 Jahren gegründet wurde. Diese "reiche Geschichte" wolle sie in den Mittelpunkt der Erinnerungskultur stellen. "Sie wird zum zentralen Bezugspunkt unserer Tradition." Der vorherige Traditionserlass stammt aus dem Jahr 1982.

Erstmals Kaserne nach gefallenem Bundeswehrsoldaten benannt

In Hannover benannte von der Leyen außerdem die bisherige Emmich-Cambrai-Kaserne in Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne um. Otto von Emmich war ein General im Ersten Weltkrieg. Tobias Lagenstein war 2011 in Afghanistan getötet worden.

Traditionen zu pflegen, bedeute Vorbilder für das Heute und das Morgen zu setzen, sagte von der Leyen. "Hauptfeldwebel Tobias Lagenstein ist ein solches Vorbild. Ich kann mir deswegen keinen besseren Namensgeber für diese Kaserne denken."

Der Bundestags-Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels (SPD) begrüßte den neuen Erlass, rief aber zu Augenmaß beim Traditionswechsel auf. "Es geht nicht darum, alle Erinnerungsstücke an frühere Zeiten und ganze Sammlungen wegzuräumen", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Donnerstagsausgabe).

Der Skandal um Franco A. brachte den Stein endlich ins Rollen

Im vergangenen Jahr wurden Wehrmachtsdevotionalien in Kasernen entdeckt und hatten eine Debatte über rechtsradikale Tendenzen in der Bundeswehr befeuert. Bartels sagte, es sei wichtig, historische Gegenstände einzuordnen und für das Lernen zu nutzen, ohne sich in dessen geistige Tradition zu stellen.

Der Linken-Verteidigungspolitiker Tobias Pflüger kritisierte, dass die Aufnahme einzelner Wehrmachtsangehörige in das "Traditionsgut der Bundeswehr" nicht grundsätzlich ausgeschlossen wird, sondern im Einzelfall weiterhin möglich ist. "Hier hätte ein wirklicher Bruch vollzogen werden müssen", erklärte der Bundestagsabgeordnete. Auch würden die Wehrmacht und die NVA gleichgesetzt. "Dies verharmlost die Verbrechen der Wehrmacht erheblich", bemängelte Pflüger.

Die Grünen-Fraktionsvize Agnieszka Brugger erklärte dagegen, der Erlass mache deutlich, "welche Traditionen keinen Platz in der Bundeswehr haben und gibt den Rahmen für ein modernes Selbstverständnis". Sie mahnte jedoch, dass von der Leyen dafür sorgen müsse, "dass der Erlass nicht nur ein Stück Papier bleibt und Tag für Tag mit Leben gefüllt wird".

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