Lewis Hamilton: Wie er seinen Schanghai-2007-Kommentar gemeint hat

Stefan Ehlen
·Lesedauer: 3 Min.

Für Lewis Hamilton war es ein klassisches Deja-vu-Erlebnis: völlig heruntergefahrene Intermediates. Doch Mercedes-Fahrer Hamilton brachte eben diese Reifen beim Türkei-Grand-Prix sicher über die Distanz, obwohl er damit 50 von 58 Rennrunden absolvierte. Dabei habe ihm die Erinnerung an Schanghai 2007 geholfen, sagt er.

Was damals passiert ist? Der damalige McLaren-Fahrer Hamilton und sein Team warteten zu lange auf den Reifenwechsel, sodass Hamilton schließlich auf bereits aufgeplatzten Pneus in die Boxengasse abbog - und dort von der Strecke und ins Kiesbett rutschte. Er fiel aus und verlor die Weltmeisterschaft um einen Punkt an Ferrari-Mann Kimi Räikkönen.

Nun meint Hamilton: Die Lektion, die er 2007 in Schanghai gelernt habe, die habe ihm 2020 in Istanbul geholfen. Er erklärt: "Was mit dem Älterwerden kommt, ist, dass ich häufiger richtig liege mit meinem Bauchgefühl. Und immer häufiger liege ich mit meinem ersten Gedanken ebenfalls richtig, wenn ich eine Wahl zu treffen habe."

Hamilton: Als Neuling will man nicht zu fordernd sein

"Ich lerne daraus, mich nicht zu hinterfragen", sagt Hamilton. Das habe ihn die Erfahrung gelehrt. Doch eben jene Erfahrung habe er vor 13 Jahren, in seiner ersten Formel-1-Saison, einfach noch nicht gehabt.

"2007 war ich ein Rookie. Ich hatte ungeheuer viel Talent, aber nicht das Wissen und die Erfahrung, um ein Team anzuleiten, um dem Team zu sagen, was gebraucht wird", meint er.

"Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, dann hätte ich dem Team gesagt, ich komme rein. Damals aber wusste ich nicht, dass ich das dem Team hätte so sagen können. Ich lernte eben noch dazu, was ich mir herausnehmen durfte und was nicht."

Zweifel hat Hamilton noch immer - manchmal

"Bei den ganzen Erfolgen" - Hamilton stand bereits nach seinem ersten Rennen auf dem Podium und gewann erstmals in seinem sechsten Grand Prix - "spielte eben hin und wieder auch Zweifel mit. Das ist beim heutigen Lewis nicht offensichtlich."

Allerdings hat Hamilton bis zuletzt immer wieder die Teamstrategie in Frage gestellt, zum Beispiel beim Brasilien-Grand-Prix 2019 per Funk, weil er den Eindruck hatte, Mercedes habe für ihn keine optimale Reifentaktik gewählt.

In Istanbul aber sei er sich seiner Sache sicher gewesen. Als andere zum zweiten Mal zur Box abbogen, um dort noch einmal frische Intermediates zu holen, wollte Hamilton unbedingt weiterfahren. Das war der Schlüssel zu seinem Sieg im Türkei-Grand-Prix.

Viele Parallelen zu Schanghai 2007

"Man hat gesehen: Ich war mir ziemlich sicher, ich würde bis zum Ende durchkommen. Bei etwa 18 Runden vor Schluss dachte ich mir, ich probiere es durchzuziehen. Dann aber bekam ich Vibrationen in die Reifen."

"Ich schaute daher ständig auf meine Reifen und hoffte. Ich versuchte einen so runtergefahrenen Reifen wie 2007 zu entdecken, aber konnte in meinen Spiegeln wie 2007 rein gar nichts erkennen. Ich sah die Lauffläche nicht und hatte daher keine Ahnung, ob der Reifen so weit runtergefahren war."

Er habe sich daher auf die Beobachtungen seines Teams verlassen müssen. "Und deshalb musste ich die Reifen in den schnellen Passagen schonen. Der Schlüssel war, die Temperatur trotzdem hoch zu halten", erklärt Hamilton.

"Dabei kommt es auf die Bremsbalance an, auf das Herausbeschleunigen, auf die Linienwahl. Es gab ja noch ein paar feuchte Stellen. Triffst du die, fliegst du ab. Es ging also darum, clever zu sein. Doch je länger ich so fuhr, umso zuversichtlicher wurde ich."

Tatsächlich fuhr Hamilton in Istanbul in einer eigenen Liga: Im Ziel betrug sein Vorsprung auf Racing-Point-Fahrer Sergio Perez 31,6 Sekunden.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.