Die letzte Reise der insolventen Fluglinie

Für einen Tag öffnete das Essener Auktionshaus Dechow die Türen zu den Überbleibseln von Air Berlin. Besucher nutzten die Gelegenheit, um Abschied zu nehmen oder sich Flugzeugsitze für den Wintergarten auszusuchen.

Gabi Werner ist den Tränen nahe. Die 54-jährige schlanke, brünette Frau steht in einer Lagerhalle in einem Essener Industriegebiet. Vor ihr stehen Flugzeugsitze, Kabinentrolleys, alte Werbeplakate und Kindermalkoffer der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin. An den Wänden stehen Regale vollgepackt mit Kisten. In der Mitte des Raumes Tische mit unzähligen Rettungswesten, Luftballons und aufgerollten Anschnallgurten.

Werner steuert auf eine Reihe Flugzeugsitze zu. Langsam geht sie von Sitz zu Sitz, betrachtet das dunkelblaue Leder der Business-Class. Noch im vergangenen Herbst ging sie die Sitzreihen der Langstreckenflieger entlang und gab alles, um den Gästen einen schönen Flug zu bereiten.

30 Jahre verbrachte Gabi Werner ihre Arbeitszeit in der Luft als leitende Flugbegleiterin. Sie erzählt, sie sei Purser gewesen. Kurz hellt ihr Gesichtszüge auf. Purser, so nennen sie sich, die leitenden Flugbegleiter, die Chefs der Kabine. „Beim Betreten der Halle kamen alle Erinnerungen hoch. Ich dachte, ich hätte abgeschlossen, aber dem ist nicht so“, sagt sie. Ihr Blick schweift zu aufeinander gestapelten Servierwagen. Sie liegen in der Lagerhalle des Auktionshauses Dechow in Essen wie gestapelte Autos auf dem Weg zur Schrottpresse.


Das Auktionshaus hat an diesem Tag die Türen geöffnet für Besucher, die Interesse an den Überbleibseln von Air Berlin haben. Gabi Werner jedoch ist an diesem Tag nach Essen gefahren, um sich zu verabschieden. Sie verabschiedet sich von den Sitzen, den Trolleys, den Gurten und den Rettungswesten. „Wir hatten immer eine tolle Zeit im Flieger. Die wird jetzt nie wieder zurückkommen,“ sagt sie und senkt den Blick auf den grauen Boden der Lagerhalle.

Alles, was in den Lagern von Air Berlin zu finden war, wird seit dem 15. Januar über zwei Wochen hinweg online versteigert. Auf der Webseite des Auktionshauses boten schon am ersten Tag viele tausend Menschen für den Inhalt der Lagerhalle mit. Die Zahlungsbereitschaft für ein Stückchen Air Berlin steigt von Tag zu Tag. So liegen die Gebote für einen Doppel-Flugzeugsitz schon nach wenigen Tagen bei 1200 Euro, für 100 Schokoladenherzen werden über 300 Euro geboten.


Für Gabi Werner sind die Überbleibsel der Air Berlin keine unbedeutenden Gegenstände, die man sich als Deko in die Ecke stellt. Sie sind ein Teil ihres Lebens. Sie sind das, was für andere der Lieblingssessel ist. Besser gesagt, sie waren es. Der einst so lebendige Teil ihres Lebens scheint in der Lagerhalle des Auktionshauses zu verstauben. Wo andere nur kleine Falten im Leder oder die Spuren von unzähligen Rollkoffern und Servierwagen sehen, spürt Werner die Erinnerung an die Familien, Paare und Geschäftsreisenden, die regelmäßig mit Air Berlin abgehoben sind.


Ein paar Meter von Gabi Werner entfernt steht Nora Hoffmann. Sie betrachtet einen roten Smart mit dem Air Berlin Logo auf der Tür. „Das ist ein schicker Wagen“, sagt sie. Sie schaut sich um. Plötzlich grinst sie breit und sagt: „Mein Mann liebt diese Sitze!“ Sie wüsste auch schon einen Platz für so einen Doppelsitz. „Im Wintergarten würde er sich gut machen“, findet sie.

Ihre finanzielle Schmerzgrenze für einen Flugzeugdoppelsitz liege bei 1500 Euro. Für 100 Schokoladenherzen wäre sie bereit 500 Euro auf den Tisch zu legen. Diese Menge der kleinen roten Erinnerung wiegt zwei Kilo. 500 Euro für zwei Kilogramm Schokolade. Für die Flugbegleiterin Gabi Werner sind die Herzen immer ein Zeichen für einen sicheren Flug gewesen. Der emotionale Wert ist hoch.


Das geschieht mit den Erlösen

Doch reicht der emotionale Wert aus, um hunderte Euro für Schokolade oder einen Flugzeugsitz zu bieten? Jan Bröker, Leiter des Auktionshauses Dechow, ist sicher: „Schöne Erinnerungen öffnen das Portemonnaie.“

Auch für die Kabinentrolleys finden sich Interessenten. Sebastian Brüninghaus könnte sich den Trolley gut als Werkzeugschrank vorstellen oder – der Klassiker – als Minibar fürs Wohnzimmer. Seine Mutter Anne Brüninghaus, die in einem Flugzeugsitz Platz genommen hat, hätte gerne einen Trolley. Aber mit Geschirr. Und nur, wenn er nicht so teuer ist. „Die roten Wolldecken sind auch super“, erzählt sie und lacht schüchtern.

Doch das Blitzen in ihren Augen verschwindet schnell bei dem Gedanken an die letzten Monate. Persönlich verbinde sie keine Emotionen mit Air Berlin, doch das Schicksal der Mitarbeiter der insolventen Airline gehe ihr nah. „Es ist ja schon normal, dass eine Firma nach der anderen insolvent geht. Die Gesellschaft gewöhnt sich daran. Genau das ist das Schlimme“, sagt sie.


Die Air-Berlin-Mitarbeiter tun ihr merklich leid. Die Schicksale die an diesen Jobs hängen, treffen sie fast schon persönlich. Die grauhaarige Frau muss sich sammeln, bevor sie weiter spricht. „Diese Menschen haben so einen anstrengenden Job gemacht! Und jetzt landet alles hier auf einem Haufen wie bei einem Ausverkauf“, fährt sie fort. „So etwas ist immer Mist.“

Im August 2017 meldete Air Berlin Insolvenz an. Das Unternehmen war bereits länger am Boden, die Flugzeuge sind es seit Oktober auch. Die Mitarbeiter absolvierten ihre letzten Flüge, packten ihre Koffer und gingen. Alles, was übrig ist, steht jetzt im Auktionshaus Dechow und wartet darauf, online versteigert zu werden. Alles muss raus, scheint das Motto zu sein. Die Versteigerung dient nicht nur dazu, die Lagerhallen zu leeren: Der Erlös fließt in die Insolvenzmasse mit ein und wird an die Gläubiger ausgeschüttet.

Das Sortiment reicht vom Air-Berlin-Absperrband bis zu einem Modell eines Air-Berlin-Fliegers, stolze sechs Meter lang. Doch egal wie viel Geld zusammen kommt, Air Berlin wird den Kredit der staatlichen KfW-Bank höchstens zur Hälfte zurückzahlen können. Das bestätigte ein Sprecher des Insolvenzverwalters.


Letzten Endes leiden also nicht nur Gabi Werner und ihr Team unter der Insolvenz, sondern auch Gläubiger und Steuerzahler. Genau das enttäuscht auch Wolfgang Hütges, als er durch die Lagerhallen schlendert. „Ich habe einen dicken Hals, weil Air Berlin das Geld nicht zurückzahlt“, sagt er. Beim Anblick eines Trolleys ist sein Gram schnell vergessen. „So ein Kabinentrolley würde gut in mein Wohnmobil passen!“, sagt der 58-Jährige. „Es wäre ein cooles Gadget.“

Obwohl es der einzige Tag ist, um die Air-Berlin-Devotionalien während der Versteigerung zu begutachten, ist die Halle sehr leer. Die Schalen auf den Kaffeetischen sind bis oben gefüllt mit Air-Berlin-Herzen, die Stühle um die Tische sind nicht besetzt. Ab und an nimmt jemand ein Herz. Doch am Ende des Tages ist noch immer ein großer Haufen Herzen übrig. Sie liegen dort und warten, abgeholt zu werden.

Im Oktober 2017 begleitete Gabi Werner ihren letzten New-York-Flug. „Bei den Ansagen ist mir die Stimme weggeblieben“, sagt sie. Sie ist bemüht, deutlich zu sprechen, bemüht, ihre Stimme zu behalten. „Durch meinen Job ist New York mein zweites Zuhause geworden. Jetzt werde ich vielleicht nie mehr dort hinkommen“, sagt sie. Ihre Augen sind gerötet, ihre Stimme brüchig. So steht sie da zwischen Kindermalkoffern, Schokoladenherzen und Flugzeugsitzen.

Die ehemalige leitende Flugbegleiterin Gabi Werner wird für keine der angebotenen Dinge mitbieten. Sie möchte diese Sachen nicht als Deko zuhause haben, „weil sie mich immer wieder an alles erinnern würden“, sagt sie mit leiser werdender Stimme. Dann dreht sie sich um und verlässt die Halle.

KONTEXT

Das ist Air Berlin

Boom der Billigflieger

Die 1978 gegründete Fluggesellschaft Air Berlin ist mit dem Boom der Billigflieger groß geworden. Erfolg hatte Deutschlands zweigrößte Airline zunächst mit Flügen von Berlin nach Mallorca. 2002 nahm sie Linienflüge in europäische Städte ins Programm.

Zu viel gewollt

Nach einem radikalen Expansionskurs geriet das Unternehmen in eine Krise. Seit 2008 schreibt Air Berlin - mit einer Ausnahme durch den Verkauf des Vielfliegerprogramms - rote Zahlen. Im Jahr 2016 betrug der Verlust rund 782 Millionen Euro, der Schuldenberg wuchs auf knapp 1,2 Milliarden Euro. Jahrelang hielt der arabische Großaktionär Etihad, der 29,2 Prozent der Anteile besitzt, die Airline mit Finanzspritzen in der Luft.

Flug in die Insolvenz

Im August 2017 zieht Etihad die Reißleine: Der Hauptaktionär erklärt, keine weitere finanzielle Unterstützung zur Verfügung zu stellen. Air Berlin stellt daraufhin beim zuständigen Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung.