Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Toto Wolff

Stefan Ehlen
·Lesedauer: 5 Min.

Liebe Leser,

er mag nur eine kurze Nacht gehabt und nach Champagner gerochen haben, aber Toto Wolff dürfte nach dem Emilia-Romagna-Grand-Prix in Imola am allerbesten geschlafen haben. Der Grund dafür liegt auf der Hand: der nächste totale Mercedes-Erfolg.

Mit einem Doppelsieg hat Mercedes im 13. von 17 Saisonrennen den Gewinn beider WM-Titel perfekt gemacht. In der Konstrukteurswertung liegt die Sternmarke uneinholbar vorne und in der Fahrerwertung wird entweder Lewis Hamilton oder Valtteri Bottas Weltmeister.

Die Erfolgsserie, sie dauert also an, seit 2014, im siebten Jahr nun schon. Und das hat es in der Formel 1 so noch nie gegeben. Ferrari hat in der Schumacher-Ära zwischen 1999 und 2004 schon mal sechs WM-Titel in Serie erzielt, aber sieben in Folge, das war bisher unerreicht. Mercedes hat das nun geschafft.

Die erstaunliche Mercedes-Bilanz

Und mehr: Von den 134 Rennen in der Turbo-Hybrid-Ära seit 2014 hat Mercedes jetzt exakt 100 gewonnen, und das bei 53 Doppelsiegen. Das entspricht einer Siegquote von fast genau 75 Prozent. Und bei praktisch jedem zweiten Mercedes-Sieg stand der jeweils andere Fahrer als Zweiter auf dem Treppchen.

So dominant war noch niemand in der Formel 1, nicht über einen so langen Zeitraum hinweg. Ferrari etwa hatte zwischen 1999 und 2004 insgesamt 63 Siege aus 101 Rennen erreicht, macht 63 Prozent. Und nur 40 Prozent davon, nämlich 26, waren Doppelsiege. Das "Double" aus Fahrer- und Konstrukteurs-Titel gelang Ferrari lediglich in fünf Jahren in Folge.

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All das hat Mercedes binnen weniger Jahre in den Schatten gestellt, und die Chancen stehen gut, dass das Kapitel, in dem diese Rekorde stehen, noch nicht abgeschlossen ist. Denn: Mercedes ist mindestens auch 2021 Favorit auf beide WM-Titel.

Und die nächsten Meilensteine warten schon

Schon jetzt hat der deutsche Hersteller mit Formel-1-Traditionsmarke Lotus gleichgezogen. Als nächstes warten McLaren mit acht und Williams mit neun gewonnenen Konstrukteurstiteln. Nur Ferrari mit 16 Gesamtsiegen ist weit enteilt.

Früher schon wird Mercedes in die Top 3 der ewigen Siegerliste vordringen. Nach Imola fehlt noch ein Grand-Prix-Sieg und man steht gleichauf mit Williams bei 114 Erfolgen auf P3, dann nur noch hinter McLaren (182) und Ferrari (238).

Die alleinige Nummer eins könnte Hamilton im nächsten Jahr werden, sollte er 2020 und 2021 den Fahrertitel gewinnen. Dann wäre er endgültig der erfolgreichste Formel-1-Fahrer und hätte Schumacher und Ferrari entthront. Mit Mercedes.

Der Anteil von Toto Wolff am Mercedes-Erfolg

Wie viel von all dem auf die Regie von Wolff als Sport- und Teamchef bei Mercedes zurückgeht, das ist schwerlich messbar. Fest steht aber: Seit er im Januar 2013 die Nachfolge von Norbert Haug angetreten hat, ist Mercedes auf Erfolg gepolt.

Sich bloß nie zu sicher fühlen, sich ständig hinterfragen, nichts als gegeben hinnehmen, höchstens vorsichtig optimistisch sein – das sind die Vorgaben, unter denen Wolff sein Team leitet. Verbunden mit der Pflicht, auf Fehler und Versäumnisse hinzuweisen, ohne eine Schuldzuweisung damit zu verbinden.

Dieses System funktioniert. Das beweist die bereits geschilderte Bilanz. Und wenn es auf der Strecke trotzdem einmal schiefgeht – was selten genug passiert –, dann ist es dieses System, das Mercedes nicht in ein Loch fallen, sondern gestärkt daraus hervorgehen lässt. Immer und immer wieder.

Der Vorteil durch den Antrieb

Ja, Mercedes ist mit einem großen Vorsprung in die Turbo-Hybrid-Ära gestartet und hat lange von diesem Vorsprung profitiert. Vielleicht profitiert Mercedes bis heute davon, von Anfang an den mutmaßlich besten Formel-1-Antriebsstrang gebaut zu haben. Natürlich tut es das.

Am erstaunlichsten aber ist: Das Team hat in all den Jahren seit 2014 nie nachgelassen, sondern immer noch eins draufgesetzt, weiter nachgelegt, die Grenzen neu definiert.

Das ist für mich die wahre Stärke dieses Rennstalls, für den nach wirklich jedem Grand Prix neu die "Stunde null" zu schlagen scheint: Sich nicht auf das Bisherige verlassen, alles neu denken und nur nicht glauben, es gäbe eine Garantie auf irgendwas.

So beschreibt Wolff selbst, wie sein Mercedes-Team tickt. Und nach inzwischen sieben Jahren Formel-1-Dominanz nehme ich ihm das auch ab: So konsequent hat noch niemand ein Formel-1-Team auf so anhaltenden Erfolg getrimmt. Irgendwas muss dran sein.

Warum Langeweile für Wolff und Mercedes spricht

Hinzu kommt die personelle Stärke des Rennstalls, der praktisch nur prominente Zu-, aber keine entscheidenden Abgänge zu verzeichnen hat. Und schon vor Jahren wurde gewitzelt: Bei Mercedes arbeiten mehr Technische Direktoren als im restlichen Feld zusammen!

Auch das ist ein Erfolgsfaktor: Viele wichtige Positionen sind mit ganz erfahrenen Personen besetzt. Man hat die Besten geholt, für die besten Ergebnisse.

Wolff scheint es wie keinem Teamchef vor ihm zu gelingen, all diese Individuen in Einklang zu bringen, immer neu anzuspornen, nie nachlässig zu werden. Das Ergebnis ist der Formel-1-Rekord, den Mercedes in Imola aufgestellt hat.

Dass für Außenstehende die Formel 1 deshalb langweilig geworden ist, weil am Ende (fast) immer nur Mercedes gewinnt, das ist nicht das Problem von Wolff oder Mercedes. Das ist nur der Beweis dafür, dass dieses Team unter seiner Führung sehr vieles sehr richtig macht. Und das ist in dieser Form einzigartig in der Formel 1.

Deshalb frei nach Niki Lauda: Hut ab!

Ihr
Stefan Ehlen

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