Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat

Norman Fischer

Liebe Leser,

es wäre relativ einfach, Lewis Hamilton im Rahmen dieser Kolumne am besten schlafen zu lassen. Aber mal ehrlich: Wäre das nicht ziemlich langweilig? Lobhudeleien über den Briten können wir auf diesem Portal zur Genüge lesen - und außerdem war er erst in der vergangenen Woche Thema. Und da ich die Kolumne diesmal vom Kollegen Stefan Ehlen übernehme und ein Verfechter der Außenseiter bin, will ich einmal andere in das Rampenlicht rücken. In dem Fall: Pierre Gasly.

Der Franzose dürfte nach seinem sechsten Platz in Budapest mit einem fetten Lächeln im Gesicht eingeschlafen sein - und das zurecht. Wer den Toro Rosso in diesen Tagen in solch luftige Höhen katapultiert, der muss einfach eine besondere Leistung gezeigt haben. Man darf nicht vergessen: Eine Ausfallorgie gab es in Ungarn nicht! Den sechsten Platz hat sich Gasly vollkommen alleine erfahren.

Den Grundstein dafür legte er bereits am Samstag. Im verregneten Qualifying zeigte Gasly selbst den Kollegen vom Red-Bull-Team, wo der Hammer hängt. Nicht etwa der hochgehandelte Regenkönig Max Verstappen war im Nassen der Beste aus dem Bullenstall. Nein, es war Gasly, der mit Rang sechs eine formidable Leistung ablieferte. Und so viel Regen hat er in seinen 17 Grands Prix bislang nicht erlebt ...

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Sein Meisterstück zeigte der Youngster aber am Sonntag. Während der andere Überraschungs-Qualifyer Carlos Sainz von Rang fünf deutlich zurückfiel, konnte Gasly seinen Rang sogar halten. Nun mag vielleicht mancher kommen und sagen: Aber das ist ja kein Kunststück auf dem Hungaroring, wo man ohnehin nicht überholen kann. Mag sein. Doch Gasly hatte im Ziel überhaupt niemanden hinter sich, den er hätte aufhalten können.

Im Gegenteil: Die letzte Runde konnte der Toro-Rosso-Pilot eigentlich sogar austrudeln lassen, denn als einziger Fahrer der Nicht-Top-3-Teams wurde Gasly nicht überrundet. Und dabei hatten wir nicht einmal eine Safety-Car-Phase, die das Feld wieder zusammenführt. DAS ist in der heutigen Formel-1-Zeit schon ein Kunststück.

Und wenn Gasly nicht schon aufgrund seiner Leistung gut geschlafen hat, dann doch, weil die Umstände derzeit für ihn passen. Mit seinen sechs Zählern hat er dafür gesorgt, dass Verfolger Sauber jetzt schon zehn Punkte Rückstand hat. Zudem dürften seine Aktien innerhalb des Red-Bull-Teams deutlich gestiegen sein. Zwar ist der Aufstieg zu Red Bull erst einmal blockiert, allerdings muss er sich im Gegensatz zu vielen anderen Fahrern im Mittelfeld überhaupt keine Gedanken um sein Cockpit machen.

Red Bull findet derzeit ja nicht einmal Ersatz für Brendon Hartley, dessen Leistungen eigentlich eine Ablösung gerechtfertigt hätten. Doch von unten aus dem Juniorprogramm kommt überhaupt nichts nach, was Gasly gefährlich werden könnte.

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Die einzig realistische Alternative in naher Zukunft dürfte Formel-3-Pilot Daniel Ticktum sein, dessen Punkte für die Superlizenz aber nicht reichen: Sollte er die Formel-3-EM gewinnen, müsste er trotzdem noch in der japanischen Super Formula Dritter werden - bei null Punkten zu Saisonhalbzeit fast ausgeschlossen.

Stattdessen könnte Gasly mit guten Leistungen sogar Carlos Sainz Red-Bull-intern den Rang ablaufen. Der Spanier ist derzeit an Renault ausgeliehen, steht aber nach den Querelen zwischen Red Bull und Motorenpartner Renault vor einer ungewissen Zukunft - abgesehen davon, dass Sainz im Vergleich mit Hülkenberg nicht gerade gut aussieht.

Dass Toro Rosso bei guten Leistungen also keine Sackgasse sein muss, hat die Vergangenheit gezeigt. Und selbst wenn Gasly weiter bei den Jungbullen fährt, stehen die Zeichen auf Besserung: Motorenpartner Honda ist im Aufwind und bekommt 2019 mit Mutterrennstall Red Bull ein wichtiges Zugpferd. Bei der schwülen Nacht habe ich auf jeden Fall schlechter geschlafen als Pierre Gasly.

Wer sonst noch gut geschlafen hat:

Ach komm, es muss sein: Lewis Hamilton dürfte auch ohne Schäfchen zählen gut eingeschlafen sein. Wer nach dem Horror-Qualifying von Hockenheim hoffen muss, in der WM nicht den Anschluss zu verlieren und nach zwei überraschenden Siegen plötzlich 24 Punkte Vorsprung hat, der kann ganz relaxt vom Strandurlaub träumen! Wahrscheinlich träumt Toto Wolff neben ihm genauso gut!

Kimi Räikkönen sollte auch nicht unerwähnt bleiben. Wer bei mehr als 32 Grad Celsius das ganze Rennen ohne Trinken auskommen muss (Grüße gehen an den Dauer-Durstigen Marcus Ericsson) und eine so tadellose Leistung zeigt, der muss einfach abends zufrieden ins Bett fallen.

Und persönlich hoffe ich, dass auch die Verantwortlichen bei Force India nach den dauerhaften Finanzproblemen jetzt mit der feststehenden Insolvenz etwas besser schlafen können. Ich drücke die Daumen für eine erfolgreiche Rettung.

PS: Diese Kolumne ist das Schwesterformat zur traditionellen Montags-Kolumne auf unseren Schwesterportalen Motorsport-Total.com und Formel1.de. Dort hat sich mein Kollege Dominik Sharaf überlegt "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat". Und das ist wenig überraschend Renault!