„Die letzte Meile ist die schönste“

Die Anlagestrategen der Deutschen Bank rechnen auch nach mehr als achteinhalb Jahren Börsenrally mit weiter steigenden Aktienkursen. Schwerer dürften es im nächsten Jahr dagegen Anleiheinvestoren haben.


Für das Anlagejahr 2018 rechnet die Deutsche Bank mit einem weiterhin soliden Wachstum der Weltwirtschaft und bleibt daher positiv für die Aktienmärkte gestimmt. Zugleich erwarten die Kapitalmarktexperten von Deutschlands größtem Geldhaus aber auch, dass die Schwankungen zunehmen werden – die größten Gefahren sehen die Anlageprofis dabei in einer stark steigenden Inflation und geopolitischen Risiken.

„Wenn der Preisdruck stärker als erwartet zunehmen sollte, könnten sich die Notenbanken zu einem aggressiveren Ausstieg aus ihrer nach wie vor expansiven Geldpolitik gedrängt fühlen“, sagte Stefan Schneider, Chefökonom für Deutschland bei Deutsche Bank Research, bei einer Pressekonferenz in Frankfurt. Für Unruhe könnten zudem eine Zuspitzung des Konflikts mit Nordkorea und die politischen Risiken in Europa sorgen.

Gleichwohl erwartet der Volkswirt Rückenwind für die Kapitalmärkte – und das vor allem aus einem Grund: den anziehenden Investitionen. War es bislang hauptsächlich der private Verbrauch, der das Wachstum trieb, gewinnen jetzt weltweit Investitionen in Maschinen und Ausrüstungen an Bedeutung. „Das Wachstum ist zwar nicht überbordend, aber stabiler als bisher, was die geografische Verteilung und die Wachstumstreiber betrifft“, meinte Schneider.


Das Weltwirtschaftswachstum soll demnach im Jahr 2018 bei knapp vier Prozent liegen. Die Euro-Zone dürfte dabei um zwei Prozent wachsen – trotz der Unsicherheiten rund um die Brexit-Verhandlungen, die anstehenden italienischen Parlamentswahlen im Frühjahr sowie der stockenden Regierungsbildung in Deutschland. Selbst der überraschende Abbruch der Jamaika-Sondierungsgespräche dürfte die deutsche Konjunktur nur begrenzt belasten. „Wir sehen nach wie vor eine realistische Chance, dass eine neue Regierung ohne Neuwahlen gebildet werden kann“, sagte Schneider.

Für die interessanteste Anlageklasse hält Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, auch im nächsten Jahr Aktien: „Wir glauben, dass die Kurse weiter steigen können, möglicherweise sogar über 2018 hinaus.“ Anziehende Unternehmensgewinne sind dabei mittlerweile der Haupttreiber für steigende Kurse. „Die Gewinnerwartungen für das kommende Jahr liegen weltweit im Schnitt bei soliden zehn Prozent“, erläuterte Stephan. Während die Gewinne in den USA um über zehn Prozent und in den Schwellenländern sogar noch etwas mehr wachsen könnten, seien es auch in Europa immerhin acht bis neun Prozent.


Dax-Stand bei 14.100 Punkten

Den Dax sieht Stephan Ende 2018 bei 14.100 Punkten stehen. Auch nach mehr als achteinhalb Jahren Rally sieht er aus aktueller Sicht noch Aufwärtspotenzial: „Die letzte Meile ist die schönste“, betonte er. Ähnliche Prognosen hatten bereits andere Institute abgegeben. Die Anlagestrategen der Unicredit rechnen beispielsweise damit, dass der Dax dann bei 14.500 Punkten steht. Die DZ Bank-Analysten liegen mit 14.000 Zählern nur knapp darunter. Weniger zuversichtlich sind die Experten der Landesbank Helaba. Sie sehen die Abwärtsrisiken derzeit stärker ausgeprägt als das Aufwärtspotenzial. Für den Dax sehen sie daher eine Kursspanne von 10.500 bis 13.500 Punkten.

In Bezug auf den US-Aktienmarkt zeigte sich Deutsche Bank-Experte Stephan unterdessen erstaunt, dass die Schwankungen im bisherigen Jahresverlauf so gering waren. Die Bewertungen seien zudem bereits vergleichsweise ambitioniert. „Aufgrund des niedrigen Zinsniveaus und der hohen Eigenkapitalrendite der Unternehmen halte ich sie jedoch nicht für ungerechtfertigt“, sagte er. Für den marktbreiten Index S & P 500 rechnet er am Jahresende 2018 mit einem Stand von 2.850 Punkten.


Die Deutsche Bank bevorzugt am Aktienmarkt Sektoren wie Technologie, Finanzen, Industrie und zyklischer Konsum. Anlagen auf dem Gebiet digitaler Trends wie zum Beispiel das Internet der Dinge, Big Data, Cloud-Computing und E-Payment bieten ihrer Ansicht nach Potenzial für Anleger. Stephan sieht auch in den Anbietern von Cyber-Security-Lösungen einen der Hauptprofiteure dieser Entwicklungen. „Während wir in Europa bei wichtigen Technologie-Themen wie den sozialen Medien im Rückstand sind, gelten wir als einer der Vorreiter bei der Automatisierung im Mittelstand“, betonte er. Die Zukunftschancen der E-Mobilität bewertet er dagegen vorsichtiger, da letztendlich noch nicht klar sei, welche Antriebstechnologie sich schließlich durchsetzen wird.

Auch bei anderen Trendthemen wie etwa Krypto-Währungen ist Stephan zurückhaltend: „Bitcoins kann ich Privatanlegern nicht empfehlen, solange der Markt unreguliert ist“, sagte Stephan. Er verstehe auch nicht, dass die Digitalwährung derzeit in Deutschland so einen Hype erfahre. Bei jeder Kundenveranstaltung werde er danach gefragt: „Die Deutschen sind immer noch zurückhaltend bei Investitionen in relativ sichere Dax-Aktien, wollen jetzt aber Bitcoins kaufen – das finde ich seltsam“, betonte er.


Empfehlungen spricht Stephan dagegen für japanische und chinesische Aktien aus. In Japan kletterte der Leitindex Nikkei zuletzt auf ein 25-Jahres-Hoch, und die Aussichten sind weiter positiv: „Trotz der starken Anstiege sind die Bewertungen moderat.“ Der Anlagestratege verweist vor allem auf die großen Bargeldreserven japanischer Unternehmen, die auf lange Sicht entweder über Dividenden und Aktienrückkäufe an Anleger fließen sollten oder für Investitionen genutzt werden könnten. Am chinesischen Aktienmarkt sei die zunehmende Liberalisierung spannend wie auch die Aufnahme Chinas in wichtige Börsenindizes. Zurückhaltender gibt sich Stephan hingegen bei lateinamerikanischen Aktien. Da in einigen Ländern wie Brasilien, Mexiko und Kolumbien Wahlen anstünden, seien die Aussichten unsicher.


Auslaufender Bullenmarkt bei Anleihen

Für Anleiheinvestoren gibt es im Jahr 2018 nach Ansicht der Deutschen Bank auch nicht viel zu holen. Laut Stephan sei es zwar verfrüht, auf anhaltend fallende Kurse zu setzen; der jahrzehntelange Bullenmarkt laufe aber aus.

„In der Euro-Zone ist zwar nicht mit deutlich steigenden Kapitalmarktzinsen zu rechnen“, so Stephan, „allerdings erwarten wir auch für deutsche Staatsanleihen anziehende Renditen: Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit sollten zum Jahresende 2018 bei rund einem Prozent liegen.“ Aus Renditesicht attraktiv seien noch Hochzins-Unternehmensanleihen aus den USA. „Für Anleger könnte es allerdings unangenehm werden, wenn es mal wieder zu Ausfällen kommt“, betonte Stephan. Eine bessere Alternative seien Anleihen aus den Schwellenländern. Anleger sollten dabei aber auf Hartwährungen setzen.


Von der Europäischen Zentralbank (EZB) erwartet der Experte, dass sie ihr Anleihekaufprogramm bis Ende 2018 auslaufen lässt. Leitzinserhöhungen hält Stephan dann Mitte 2019 für möglich. Bei der Fed rechnet die Deutsche Bank bis Ende 2018 mit vier Zinsschritten – inklusive der erwarteten Zinserhöhung im Dezember.

Die US-Geldpolitik könnte dem Dollar wieder zu mehr Stärke verhelfen. Sollte die EZB im zweiten Halbjahr erste Diskussion um Zinserhöhungen anstoßen, dürfte sich das Blatt abermals wenden. Nach einem zwischenzeitlichen Hoch der US-Währung von unter 1,15 Dollar je Euro erwartet die Deutsche Bank daher Ende 2018 einen wiedererstarkten Euro um 1,20 Dollar.