Der letzte Flieger landet, das Chaos wächst

Mit dem Flug AB 6210 von München nach Tegel endet am Freitagabend die Ära Air Berlin. Zeit für Sentimentalität bleibt nicht. Die Probleme fangen jetzt erst richtig an.


AB 6210 ist jetzt schon Kult. Die Tickets für den Flieger, der am Freitagabend um 21:35 Uhr startet und 1 Stunde und 10 Minuten später in Berlin landen soll, waren lange im Voraus ausverkauft. Zu hohen Preisen.

Das Regional-Fernsehen hat eine Sonderberichterstattung über die Landung des Airbus A 320 angekündigt. Auf der Besucherterrasse in Tegel und via Livestream werden viele Menschen zuschauen. Die Flughafen-Feuerwehr hat wohl einen Salut mit Wasserfontänen geplant.

AB 6210 ist der letzte Flug der insolventen Air Berlin. Er markiert das Ende einer Geschichte von rasantem Aufstieg, Größenwahn, gravierender Management-Fehler – und einem bitteren Niedergang.




Das Ende dieser Ära wird von vielen betrauert – ganz unabhängig von der kalten, wirtschaftlichen Realität. „Die Fluggesellschaft mit dem Namen Berlin auf ihren rot-weißen Maschinen war auf der ganzen Welt ein sympathischer Botschafter unserer Stadt“, sagt Berlins Bürgermeister Michael Müller. „Am Anfang steht das Lächeln der Flugbegleiter und zum Abschied gibt es das rote Schokoherz“, schreibt Air Berlin selbst in einer der letzten Pressemitteilungen.

Das klingt zwar alles sehr traurig, doch Zeit für viel Sentimentalität bleibt nicht. Ein kurzer Blick auf die Schlagzeilen der vergangenen Tage zeigt, welches Chaos die deutsche Luftfahrtbranche in den nächsten Monaten erwartet – und wie schwer diese Zeit für viele Menschen wird.

- Tausende Mitarbeiter stehen mit dem Ende des Flugbetriebs ohne Job da. Insbesondere für Bodenpersonal, Techniker und Verwaltungsmitarbeiter sind die Aussichten schlecht. Flugbegleiter und Piloten haben bessere Chancen, müssen aber unter Umständen Abstriche bei den Konditionen machen. „Statt zuverlässiger Informationen der alten und neuen Besitzer gibt es keine Details, wie es nun weiter gehen soll. Statt eines geregelten Übergangs von Arbeitsplätzen gibt es für viele Mitarbeiter nur die Möglichkeit, sich erneut auf ihre eigenen Jobs, aber zu schlechteren Konditionen zu bewerben“, wettert Markus Wahl, Sprecher der Piloten-Vereinigung Cockpit. Aufatmen können die Piloten, die bei Eurowings landen. Die Lufthansa-Billigtochter hat sich laut Informationen der dpa mit den Piloten auf einen Tarifvertrag geeinigt, wie Eurowings mitteilte. Dies ermögliche "das angekündigte schnelle Wachstum durch Neueinstellung von Personal in Deutschland umzusetzen". Hierdurch würden zusätzliche Arbeitsplätze für Cockpitpersonal mit Erfahrung geschaffen und Perspektiven für das Bestandspersonal eröffnet. Die jeweiligen Gremien beider Seiten müssen der Einigung noch bis zum 6. November zustimmen. "Bis dahin haben beide Tarifpartner Stillschweigen vereinbart."



- Bis zu 3000 der ehemals rund 8000 Air-Berlin-Mitarbeiter sollen bei der Lufthansa unterkommen. Eine große Lösung für eine Transfergesellschaft über rund 50 Millionen Euro für etwa 4000 Mitarbeiter ist allerdings gescheitert. Für die rund 1200 Beschäftigten des Bodenpersonals soll es eine Auffanglösung gehen, die Air Berlin selbst und der Berliner Senat finanzieren wollen.

- Zumindest die Bundesregierung zeigt sich optimistisch. Nach Informationen der dpa rechnet das Wirtschaftsministerium fest mit der Rückzahlung des 150-Millionen-Euro-Kredits. Den Kredit gewährte die staatliche KfW-Bank der Airline, damit diese den Flugbetrieb aufrechterhalten konnte, nachdem sie Mitte August Insolvenz angemeldet hatte. Der Generalbevollmächtigte im Insolvenzverfahren, Frank Kebekus, hatte bereits vor einigen Tagen zugesagt, dass der Kredit sehr wahrscheinlich inklusive einer zehnprozentigen Verzinsung zurückgezahlt werde.

- Lufthansa, eigentlich naturgemäß der Gewinner des Niedergangs des ärgsten Konkurrenten, wird durch die Übernahme des Großteils von Air Berlin unter Druck gesetzt. Kunden der bald verantwortlichen Billigtochter Eurowings können sich schon einmal auf einen holprigen Prozess einstellen, räumen führende Lufthanseaten ein.




- Dass Lufthansa tatsächlich alle Air-Berlin-Strecken übernehmen darf, ist ausgeschlossen. EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager hat bereits gewarnt, dass die Linie dann auf einigen Strecken „einen sehr hohen Marktanteil oder sogar ein Monopol“ haben werde. Zu Recht, wie eine Analyse der WirtschaftsWoche zeigt. Um steigende Preise und Nachteile für Reisende zu verhindern, werden die Kartellwächter die Lufthansa zwingen, Strecken abzugeben. Das Geschacher darum wird erst in den kommenden Wochen so richtig beginnen.

- Wer außer der Lufthansa die Reste der Airline bekommt, ist trotz langer, langer Verhandlungen noch immer nicht klar. Condor und Easyjet sind nach wie vor im Rennen. „Hoffentlich innerhalb der nächsten Tage“ solle Vollzug gemeldet werden können, sagt der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus.

- Was das Ergebnis der Verhandlungen mittelfristig für die Vergabe der Start- und Landerechte einer Fluggesellschaft bedeutet, steht dann nochmal auf einem anderen Blatt.

- Gewiss ist: Vorerst wird es riesige Lücken im Flugplan geben. Ab Samstag werden von den einst rund 140 Air-Berlin-Maschinen „80 bis 90 am Boden“ bleiben, erklärte Lufthansa-Chef Carsten Spohr bereits. Eine Auswertung des Branchenmediums Airliners.de zeigt, dass auf einigen der meist beflogenen innerdeutschen Routen große Kapazitäten fehlen dürften. Einige Verbindungen auf Strecken wie Berlin-Köln/Bonn entfallen demnach in der Folge zumindest übergangsweise ersatzlos.

- Und: Weil viele Flüge nicht gehen, erwarten etwa die Berliner Flughäfen eine Wachstumsdelle.

Dieses Durcheinander in den Griff zu bekommen, für Mitarbeiter und Reisende, wird lange dauern. Als die erste Air-Berlin-Maschine am 28. April 1979 von Berlin Richtung Mallorca startete, war sie ein Zeichen des Aufschwungs.
Wenn der letzte Flieger nun – 38 Jahre und 6 Monate später – landet, ist es das Signal für die Krisenbewältigung.




KONTEXT

Die Chronik von Air Berlin

Sonderrechte im geteilten Berlin

Vor 38 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch dann folgte eine jahrelange Krise.

1970er- bis 90er-Jahre

1978: Gründung als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Erstflug am 28. April 1979 von Berlin-Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasst zwei Maschinen.

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004

Einstieg zu 25 Prozent bei der österreichischen Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda.

2006

Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba.

2007

Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge.

2008

Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.