Letzte Chance genutzt: Isco auf dem Sprung zum Weltstar

Kerry Hau

Giampiero Ventura konnte nicht anders.

Auch wenn er dabei zusehen musste, wie seine Mannen von den Spaniern nach allen Regeln der Kunst vorgeführt wurden, klatschte Italiens Nationaltrainer inmitten des WM-Quali-Krachers Beifall für Gegenspieler Isco.

"Ich liebe einfach die schönen Momente des Fußballs. Und das war so einer", sagte Ventura im Anschluss an das deftige 0:3 über die kuriose Szene in der 68. Minute.

Isco hatte seinen Schützling Marco Verratti mit einem Tunnel düpiert. Ein Geniestreich, aber eigentlich nur die Kirsche auf der Sahnetorte, denn der Spielmacher von Real Madrid hatte schon in der ersten Halbzeit zwei Tore für die Galerie erzielt.


"Hätte gerne selbst applaudiert"

"Isco ist unglaublich, ein Weltklasse-Spieler. Als er mich tunnelte, hätte ich gerne selbst applaudiert", meinte Verratti über den Gala-Auftritt seines Kontrahenten.

Anders als der Mittelfeld-Star von Paris Saint-Germain kommen die Fans im Bernabeu regelmäßig in den Genuss von Francisco Roman Alarcon Suarez. So heißt der inzwischen 25 Jahre alte Isco mit bürgerlichem Namen.

In Madrid nennen sie den kleinen Magier aus Andalusien aber mittlerweile nur noch "Isco Potter". Freche Tricks wie der gegen Verratti zählen schließlich zur Tagesordnung, wenn der Spieler mit der Nummer 22 den Rasen betritt. 


Solche Tricks können aber auch den einen oder anderen Vorgesetzten oder Mitspieler zur Weißglut bringen. Vor allem dann, wenn dadurch die Spielgeschwindigkeit abhanden geht und das wirklich Zählbare ausbleibt. Genau das wurde Isco viele Jahre lang bei Real vorgehalten.

Er sei zu verspielt, ein Schönwetterfußballer, der ohnehin besser zur Tiki-Taka-Philosophie des FC Barcelona als zum vertikalen Fußball der Madrilenen passe, hieß es.

Ancelotti bevorzugte James

Ex-Real-Profi Ivan Helguera etwa fällte im Februar 2016 ein vernichtendes Urteil über den hoch veranlagten Rechtsfuß: "Er schießt keine Tore, gibt keine Torvorlagen, erobert keine Bälle und geht nicht zum Kopfball hoch. Er überzeugt mich nicht." 

Iscos Trainer schienen lange ähnlich zu denken. 2013 nach einer starken U21-Europameisterschaft für 30 Millionen Euro vom FC Malaga verpflichtet, kam der Edeltechniker in Madrid nur selten von Beginn an zum Zug.

Die Quittung: Spaniens damaliger Nationaltrainer Vicente del Bosque strich ihn aus dem Kader für die WM 2014. Ein schwerer Rückschlag, der an seinem Selbstvertrauen nagte.

Doch es sollte noch dicker kommen: Carlo Ancelotti, zu jener Zeit der starke Mann bei den Königlichen, setzte ihm mit James Rodriguez den Torschützenkönig der WM vor die Nase.

Der Kolumbianer wurde unter dem Italiener unverzichtbar, während Isco vom neuen Andres Iniesta zum Sorgenkind einer ganzen Nation verkam.

"Meine Schuld, wenn ich nicht spiele"

Selbst nach der Ära Ancelotti war zunächst keine Besserung in Sicht: Weder Rafael Benitez noch Zinedine Zidane fanden in ihren System Platz für einen Spielmacher.

Sie bauten im Dreier-Mittelfeld auf den kampfstarken Casemiro an der Seite von Toni Kroos und Luka Modric. Isco blieb - ebenso wie James - auf der Strecke. Und verpasste infolgedessen mit der EM 2016 ein weiteres großes Turnier.

Alles lief auf einen Abschied hinaus. Manchester City mit Ballbesitz-Fanatiker Pep Guardiola und sogar Erzrivale Barca klopften mehrfach bei ihm an. Zwei Mannschaften, in denen er prompt Stammspieler gewesen wäre.


Doch Isco suchte nicht den Fehler bei seinen Trainern, sondern bei sich: "Ich bin nicht dumm. Wenn ich unter Ancelotti, Benitez und Zidane nicht spiele, dann ist das meine Schuld."

Er gab sich eine letzte Chance bei Real. Und nutzte sie mithilfe von Zidane. Der Franzose stellte im Laufe der vergangenen Saison sein System vom 4-3-3 auf ein 4-1-2-1-2 um, nachdem sich Tempodribbler Gareth Bale verletzt hatte.

Zidane löst das Isco-Problem

Isco sollte in dieser Konstellation als eine Art Freigeist vor dem bewährten Dreier-Mittelfeld Casemiro-Kroos-Modric und hinter den Spitzen Karim Benzema und Cristiano Ronaldo agieren. 

Ein genialer Schachzug, denn Isco legte seinen Ruf als schlampiges Talent ab und lieferte in den großen Momenten endlich Tore und Vorlagen. Gleichzeitig verlieh der Ballkünstler Reals Spiel mehr Kontrolle und Unberechenbarkeit.

Das bekam auch der FC Bayern im Viertelfinale der Champions League zu spüren. Die Münchner wurden aber bei weitem nicht so sehr an die Wand gespielt wie Juventus Turin im Finale.


"Mit Isco ist Real fantasievoller, noch schwieriger zu durchschauen", hatte Juve-Coach Massimiliano Allegri seine Spieler schon vor dem Anpfiff gewarnt.

Es brachte nichts. Nach einer noch ausgeglichenen ersten Hälfte drehte Real auf und gewann 4:1. Isco zeigte dabei ähnliche Kunststücke wie jüngst im spanischen Nationaltrikot.

Allerdings wollte ihm an jenem Abend kein Italiener Beifall klatschen.