Leitfaden zur Bundestagswahl: Börsen-Gewinner und -Verlierer

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(Bloomberg) -- Die Bundestagswahl gibt Anlegern viel Grund zur Hoffnung und ein paar Anlässe für Besorgnis.

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Die Umfragen lassen keine deutlichen Gewinne für populistische oder extreme Parteien erwarten, welche die Märkte nachhaltig stören könnten. Sollten die Wahlforscher nicht komplett falsch liegen, wird die nächste Regierung von einer Volkspartei angeführt, auch wenn bis dahin noch Monate vergehen könnten.

Die parteiübergreifende Unterstützung für mehr Investitionen und eine strengere Klimapolitik könnten sich als Segen für Aktien erweisen, insbesondere für Unternehmen, die auf den Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft setzen.

“Die Bundestagswahl könnte ein Katalysator für Energiewendeunternehmen sein”, meint Roland Kalojan, Leiter europäische Aktienstrategie bei Societe Generale SA. “Wir werden wahrscheinlich eine Regierung mit einem starken Mandat für die Umwelt haben.”

Hier ein Leitfaden zu potenziellen Gewinnern und Verlierern an den Aktienmärkten.

Erneuerbare Energien, Versorger

“Alle großen politischen Parteien haben erklärt, dass sie eine ambitioniertere Klimapolitik wollen”, meinen die Strategen von Barclays Plc. Der sich abzeichnende Konsens wird Aktien wie Eon SE, RWE AG und Encavis AG stützen. Barclays empfiehlt diese überzugewichten.

Auch die Strategen der Societe Generale empfehlen einen Aktienkorb, der von der Dekarbonisierung Europas profitieren dürfte. Sanford C. Bernstein zählt Vestas Wind Systems A/S, Siemens Gamesa Renewable Energy SA und Nordex SE zu wahrscheinlichen Gewinnern der Wahl.

Sogenannte grüne Aktien könnten die Unterstützung gut gebrauchen: 2021 war bisher glanzlos für sie.

Technologie, Telekommunikation

Die großen Parteien sind sich außerdem einig, dass Deutschland mehr Investitionen braucht. In den Programmen von SPD, CDU/CSU, Grünen und der Linken werden Bahn, ÖPNV, Ladestationen für Elektroautos und Internet-Infrastruktur als Bereiche genannt, in die mehr Geld fließen soll.

Investitionsgüter- und Technologie-Hardware-Unternehmen wie Infineon Technologies AG könnte davon profitieren, so Felix Hüfner von der UBS Group AG.

Während SPD und Grüne den jährlich benötigten Mehrbedarf der öffentlichen Kassen mit rund 50 Milliarden Euro beziffern, setzen CDU/CSU und FDP eher auf Bürokratieabbau und Anreize für private Investitionen.

Die FDP will “Gigabit-Gutscheine”, was für die Telekommunikationsbranche ein Plus darstellen könnte, zum Beispiel für die Deutsche Telekom AG oder Vodafone Group Plc, so Barclays. Die Societe Generale glaubt, die Gewinner der Investitionspläne finden sich unter kleineren deutsche Unternehmen aus SDAX und MSCI Deutschland Small Cap.

Europäische Peripherie

Eine von der SPD geführte Regierung wird die drakonische Haushaltsdisziplin der Union womöglich lockern, was zu Kursgewinnen an südeuropäischen Aktienmärkten führen könnte. Denn eine Regierung unter Olaf Scholz “wäre wahrscheinlich auch anderswo in Europa gegenüber den öffentlichen Finanzen eher nachsichtig”, so Wolfgang Bauer, Rentenfondsmanager bei M&G Investments.

Die Partei würde auch eine weitere Europäische Integration unterstützen, was “Risikoanlagen in der europäischen Peripherie einen weiteren Schub verleihen könnte”, sagte Bauer. Anleger, die auf eine weitere Integration setzen möchten, könnten auf den italienischen Leitindex FTSE MIB setzen, so die Société Generale.

Eine rot-rot-grüne Regierung könnte sowohl in Deutschland als auch in der EU den Weg für weitere fiskalische Impulse ebnen. Neben höheren Ausgaben könnte dies allerdings auch zu höheren Steuern, mehr Regulierung und höherer Inflation führen, sagte Emmanuel Cau, Leiter europäische Aktienstrategie bei Barclays.

“Das Restrisiko ist eine linke Koalition”, so Cau. “Die Möglichkeit sollte man im Auge behalten, denn die könnte die größten Auswirkungen auf die Bondmärkte haben und auf die europäischen Aktienmärkte generell, insbesondere in der Peripherie.”

Autos, Konsumgüter

Ein solches Szenario wäre laut Barclays ein Schlag für die deutsche Autoindustrie, jedenfalls wenn es gleichzeitig eine deutliche Erhöhung des Mindestlohns, eine härtere Klimapolitik und breite Steuererhöhungen gäbe.

Berenberg sieht die Wahrscheinlichkeit für eine linke Koalition bei rund 20%. „Ein solches Bündnis könnte das Trendwachstum im Laufe der Zeit beeinträchtigen dadurch, dass Reformen rückgängig gemacht und eine Regulierungswelle verordnet wird”, so die Berenberg-Analysten.

Die Societe Generale sieht die Option entspannter. Ein höherer Mindestlohn würde nach Ansicht ihrer Experten Aktienwerte stützen, die vom Binnenkonsum profitieren. “Kleinere Koalitionspartner werden Zugeständnisse machen müssen und nicht in der Lage sein, die Politik maßgeblich zu ändern”, so SocGen-Analyst Kaloyan.

Luftfahrt, Immobilien

Ob die antikapitalistische Linke der nächsten Koalition beitritt oder nicht: die Luftfahrt dürfte nach der Wahl Gegenwind bekommen.

Für Kurzstreckenreisen dürfte ein Politikwechsel am härtesten werden, so Bernstein-Analysten um Daniel Roeska. Das dürfte Auswirkungen haben auf easyJet Plc, Ryanair Holdings Plc und Wizz Air Holdings Plc.

Barclays ist zuversichtlicher, wenn es um Immobilienunternehmen geht wie die Vonovia SE. Trotz einiger mietbremsender Ansätze sprächen sich weder die SPD noch die Grünen aktiv für einen bundesweiten Mietpreisstopp ein, so Analyst Sander Bunck.

Überschrift des Artikels im Original:A Stock Trader’s Guide to Germany’s Election: Winners and Losers

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