Versicherung modern – Wie Insurtechs klassische Anbieter angreifen


Bisher gibt es nur eine bonbonfarbene Website. Doch in wenigen Wochen plant Coya, mit nicht weniger als „der Versicherung der Zukunft“ an den Start zu gehen, wie das junge Unternehmen selbstbewusst formuliert. Ziel ist es, „Europas führender digitaler Sach- und Unfallversicherer“ zu werden.

Die nötige Lizenz, um Versicherungsgeschäfte in Eigenregie zu betreiben, haben die Berliner gerade von der Finanzaufsicht erhalten. Außerdem gelang es ihnen, im Vorfeld mit dem Silicon-Valley-Investor Peter Thiel einen renommierten Geldgeber von den Zukunftschancen des Unternehmens zu überzeugen.

Coya ist ein Technologie-Start-up aus der Versicherungsbranche – ein sogenanntes Insurtech. Der Markt für digitale Angebote in diesem Sektor boomt. Vor drei Jahren entstanden die allerersten Insurtechs, mittlerweise gibt es schon über 100 Anbieter. Verbrauchern begegnen dabei drei Arten von Start-ups: Makler, die einen Preisvergleich anbieten, der auch traditionelle Anbieter einschließt. Vermittler, die Lücken in den bisherigen Angeboten etablierter Versicherer ausgemacht haben und daher eigene Tarife für Produkte bei Versicherern kreieren, oder eben alteingesessene Versicherer mit einer langen Historie.


„Die erste Welle der Insurtechs drängte besonders in den Vertrieb, nun verlagert sich der Fokus stärker auf Angebot und Betrieb“, beobachtete Simon Nörtersheuser, Co-Autor des „Insurtech-Radars“ und Chef von Policen Direkt, einem Zweitmarkt für Lebensversicherungen. Doch das Problem dieser neuen, jungen Firmen: Wie kommt ein unbekanntes Start-up an seine Kunden?

„Versicherungen sind für viele Kunden ein Bereich, für den sie sich bislang wenig interessieren“, analysiert Dietmar Kottmann, ebenfalls Co-Autor des „Insurtech-Radars“ und Versicherungsexperte bei Oliver Wyman. In der Regel würden Policen nur einmal abgeschlossen. Lediglich im Schadensfall suchten die Versicherten den erneuten Kontakt mit dem Assekuranzunternehmen. Als entsprechend gering bezeichnet Kottmann die Bereitschaft zum Wechseln – von wenigen Ausnahmen wie der Kfz-Versicherung abgesehen.

Insurtechs als Makler

Kostenlose Makler-Apps wie Clark, Knip, Feelix oder Wefox gehören heute zu den bekanntesten Start-ups der Branche. Dass Clark aus Frankfurt mit der kleinen Anzahl von 100 000 Kunden schon zu den größten Insurtechs Europas gehört, zeigt jedoch auch, dass die Start-ups bisher nur ein Nischenpublikum überzeugen konnten.

Bei Feelix & Co. können die Versicherten ihre bestehenden Verträge digitalisieren, so dass keine Ordner mit Versicherungen auf Papier die Ordner in den Wohnungen mehr füllen. Die App analysiert die bestehenden Verträge und Vertragsbedingungen und schlägt nach einem Preisvergleich bessere und günstigere Angebote von traditionellen, aber auch von neuen Anbietern vor. Außerdem wird das Insurtech zum Ansprechpartner im Schadensfall.

Das funktioniert, da die Kunden dem Start-up eine Maklervollmacht erteilen müssen, um die App nutzen zu können. In den Bewertungen im App-Store ist das auch der Hauptkritikpunkt. Wird die App zum Makler gemacht, erlischt der bestehende Vertrag mit dem möglicherweise langjährigen, gut vertrauten Versicherungsmakler um die Ecke. Unschuldig an dem Ärger sind die Apps nicht.


Viele von ihnen meiden das Wort „Makler“ in ihrer Werbung. Clark beispielsweise nennt sich selbst lieber „Versicherungsmanager“ oder sogar Robo-Advisor. Feelix spricht von „Finanzplaner“. Aus Verständlichkeitsgründen, wie es zur Begründung heißt. Es gibt aber auch Apps wie Feelix oder Asuro, die sich auch ohne Maklervollmacht nutzen lassen.

In der Regel verdienen die Makler sowohl an den Bestands- als auch an Vermittlerprovisionen. Dass sie unabhängig beraten, soll beim Insurtech Knip beispielsweise sichergestellt werden, indem die dort angestellten Versicherungskaufleute per Festgehalt bezahlt werden, wenn sie Angebote erstellen. Clark, die mit Banken wie der DKB, 1822direkt oder N26 zusammenarbeitet, macht die Provisionen als Alternative transparent. Wichtig zu wissen: Nicht alle Versicherer kooperieren mit Maklern.

In einer Untersuchung der Zeitschrift „Finanztest“ (10/2017) schnitten Knip und Clark als Testsieger insgesamt mit „gut“ ab, die Beratungsqualität der beiden war jedoch nur „befriedigend“. Ted und auch Feelix waren hier besser. Den „Finanztest“-Experten zufolge seien die Apps eher für informierte Kunden geeignet, die wenig Beratungsbedarf haben und gerne alles per Chat und Telefon regeln. „Eine reine Beratung über das Internet zum Teil auf Algorithmen basierend ist oft nicht bedarfsgerecht. Hier gibt es Grenzen im Vergleich zu einem persönlichen Berater, der den Kunden selbst erlebt und nicht nur einen Standard-Fragenkatalog durchgeht“, erklärt Kerstin Becker-Eiselen von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Vom klassischen Maklermodell will sich das Insurtech Gonetto absetzen. Das Start-up vermittelt die sogenannten Nettotarife, also den Betrag ohne Provision, gegen eine fixe Gebühr von einem Euro pro Monat und Police – allerdings gilt das bisher erst für Haftpflicht-, Hausrat- und Wohngebäudepolicen. Das soll eine neutrale Beratung garantieren. Auch bereits abgeschlossene Tarife kann der Kunde Gonetto zur Verwaltung übertragen und erhält Provisionen zurück, die einen Euro pro Monat übersteigen, was die Prämie dauerhaft reduziert.


Die Prämie ebenfalls drücken können Versicherte mit dem Angebot von Friendsurance. Anders als Gonetto behält der Makler die Provision der Versicherungsfirma zwar für sich. Doch winkt den Kunden eine Rückzahlung, falls binnen eines Jahres kein Schaden etwa mit dem Auto entsteht. Ermöglicht werden die Erstattungen von angeblich bis zu 40 Prozent. Es werden hier immer Verträge von zehn Kunden zusammengefasst.

Der Makler verändert den gebuchten Tarif, indem er die Selbstbeteiligung des Versicherungsnehmers im Schadensfall heraufsetzt, so sinkt der Beitrag. Der Kunde zahlt jedoch weiter wie bisher, und die Ersparnis fließt in einen Topf. Aus dem werden alle Schäden der Zehnergruppe bezahlt, bleibt etwas übrig – und nur dann –, erhält jeder einen Bonus.

Auf der Suche nach Lücken

Eine zunehmende Zahl von Insurtechs meint, Lücken in den bestehenden Versicherungsangeboten am Markt zu erkennen. Diese Start-ups entwickeln und vertreiben neue Tarife, wobei die Absicherung ein klassischer Versicherer übernimmt, der im Hintergrund agiert. Getsafe beispielsweise – einst als Makler gestartet – bietet eine Haftpflichtpolice, die auf Check24 sogar eine Spitzenbewertung erhält. Ebenfalls im Angebot sind bei Getsafe Zahnzusatzversicherungen.

Getsurance versucht sich an einer digitalen Berufsunfähigkeitsversicherung. Diese zu beantragen gilt im Normalfall als besonders komplex. Getsurance hingegen berechnet aus nur elf Gesundheitsfragen wie jenen nach Körpergewicht, psychischen Vorerkrankungen oder Grad der Behinderung das Angebot. Innerhalb von „fünf Minuten“ soll der Vertrag im Mail-Postfach landen.

Doch „Schnell, schnell!“ ist nicht alles, warnt Makler Matthias Helberg: „Zeitgewinn ist beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung der völlig falsche Ansatz.“ Vor der Suche nach einem geeigneten Tarif müssten die Kunden schließlich eine Reihe von Informationen zu Vorerkrankungen zusammenstellen.


Das Problem dabei: Gesetzlich Versicherte erfahren selten, welche Diagnosen ihr Arzt an die Krankenkasse übermittelt hat. Doch genau dies Angaben müssen sie bei der Prüfung durch den Versicherer offenlegen. Die exakten Daten zu beschaffen ziehe den Beratungsprozess in die Länge, so Helberg. Wurde ein Antrag „nicht wahrheitsgemäß“ ausgefüllt, droht die Gefahr, dass die Versicherung die Zahlung verweigert.

Drei Tarife bietet Getsurance an, doch nur eine entpuppt sich als echte Berufsunfähigkeitsversicherung: Den Tarif von „Job Premium“ bezeichnet Beate Bextermöller von „Finanztest“ als „relativ gut“. Allerdings decke er Berufsunfähigkeit infolge von Bergsteigen oder ähnlich gefährlichen Hobbys nicht ab.

Einige Insurtechs sind der Meinung, dass sie am besten alles selbst können, und beantragen eine eigene Versicherungslizenz wie jüngst Coya. Zuvor gründete die Makler-App Wefox bereits ihren eigenen Versicherer One, an dem unter anderem US-Schauspieler Ashton Kutcher beteiligt ist. One ist seit einigen Monaten am Markt und hat zuerst eine Privathaftplicht und eine Hausratversicherung aufgelegt, die beide beim Vergleichsportal Check24 mit der Note „sehr gut“ abschneiden. „Die Qualität der neuen Versicherer ist schwer zu beurteilen. Aufgrund der vielen neuen und jungen Kunden lässt sich der Umgang mit Schadensfällen erst in ein paar Jahren beurteilen“, warnt jedoch Verbraucherschützerin Becker-Eiselen.

One kündigte vor Kurzem noch eine Zusatzfunktion an, mit der sich der jeweilige Nutzer analysieren lassen kann, zum Beispiel über eine Standorterkennung. One bietet ihm danach zeitlich begrenzte Versicherungen beispielsweise für eine Reise an und gibt Tipps, um das persönliche Schadensrisiko zu mindern. Allerdings: „Die Preisersparnis gegenüber klassischen Angeboten muss mit Daten bezahlt werden“, warnt Becker-Eiselen.

Neugründungen von Versicherungen

Schon im Juni 2017 hatte Ottonova eine neue private Krankenversicherungslizenz der Finanzaufsicht Bafin erhalten. Frank Thelen, Investor bekannt aus der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“, und die Debeka sind hier beteiligt. Das Insurtech aus München bietet Vollversicherungen, Beihilfetarife für Beamte, eine Versicherung für Ausländer, die in Deutschland arbeiten („Expats“), sowie eine Zahn- und Krankenhauszusatzversicherung an, die allesamt von der Versicherungsratingagentur Assekurata mit „sehr gut“ bewertet werden. Einen „Einsteigertarif“ mit geringem Monatsbeitrag, aber hohem Selbstbehalt gibt es bei Ottonova, anders als bei anderen Versicherern, allerdings nicht.


In der Ottonova-App sind nicht nur alle wichtigen Unterlagen hinterlegt. Sie erinnert auch an Vorsorgeuntersuchungen und berät die Kunden im Krankheitsfall sogar medizinisch. Außerdem arbeitet Ottonova am größten Ärgernis für Privatversicherte: So soll hier künftig die Direktabrechnung möglich sein. Der Arzt und Ottonova regeln die Rechnung unter sich, der Kunde muss nicht mehr in Vorleistung gehen und keine Rechnungen mehr einreichen.

Ähnlich wie bei Getsurance sehen Experten kritisch, dass es sich bei privaten Krankenversicherungen ebenfalls um ein sehr komplexes Produkt handelt, bei dem falsche oder fehlende Angaben im Antrag zum Verlust des Versicherungsschutzes führen können.

„Insurtechs sprechen die junge Generation an, die sich nicht tief mit Versicherungen befassen wollen und schnell entscheiden“, beobachtet Verbraucherschützerin Becker-Eiselen. Doch Schnelligkeit könne zu Fehlentscheidungen führen, mahnt sie, weil der Verbraucher vorab Grundüberlegungen treffen muss. Er muss sich überlegen, was er überhaupt alles absichern muss. Einen ersten Anhaltspunkt zum richtigen Versicherungsbedarf in jeder Lebensphase gibt es im Internet unter: www.vzhh.de/wann-welche-versicherung.