Leichtathletik-WM: Usain Bolts Finale: Ein letztes Mal saubere Lichtgestalt

Usain Bolt ist der erfolgreichste Leichtathlet der Geschichte und ein Segen für Fans und die Vermarktung des ansonsten in vielerlei Hinsicht angeschlagen Sports. Die Zweifel sprinten aber auch bei der WM 2017 in London mit. Auch, oder gerade weil der Jahrhundertsportler nach diesen Titelkämpfen zurücktritt.

Usain Bolt ist der erfolgreichste Leichtathlet der Geschichte und ein Segen für Fans und die Vermarktung des ansonsten in vielerlei Hinsicht angeschlagen Sports. Die Zweifel sprinten aber auch bei der WM 2017 in London mit. Auch, oder gerade weil der Jahrhundertsportler nach diesen Titelkämpfen zurücktritt.

Nicht der erste Olympiasieg 2008 in Peking. Nicht die bis heute gültigen Fabel-Weltrekorde der WM 2009 in Berlin. Nicht eines der zahlreichen "Triples" bei weiteren Welttitelkämpfen oder olympischen Spielen. Usain Bolt wird nicht müde zu betonen, dass sein wichtigstes Rennen eines gewesen sei, das heute selbst eingefleischte Leichtathletik-Fans kaum noch auf ihrer inneren Festplatte abgespeichert haben. Und wenn doch - dann irgendwo weit hinten in einem verstaubten Regal des eigenen Oberstübchens.

Das Finale über die 200 Meter bei der Junioren-Weltmeisterschaft 2002 im heimischen Kingston, der jamaikanischen Hauptstadt.

Dort deklassierte der 15-jährige Schlacks seine drei bis vier Jahre älteren Konkurrenten in 20,61 Sekunden. Anschließend skandierten mehrere tausend Einheimische minutenlang: "Lightning Bolt", "Lightning Bolt", "Lightning Bolt".

Trotz der Euphorie: Damals malten sich wohl die lautesten Fans nicht aus, dass dieser "Blitz" Jahre später eine ganze Generation an Weltklasse- Läufern beherrschen, gar düpieren sollte über 200 ebenso wie über 100 Meter. Nach seiner siebten WM, die vom 4. bis zum 12. August im Londoner Olympia-Stadion stattfindet, nach mindestens 13 WM-Medaillen und "nur noch" (dazu gleich mehr) acht olympischen Medaillen wird der Modellathlet aus Jamaica seine Spikes an den Nagel hängen. Seine sagenumworbene Karriere wird überall auf der Welt in Erinnerung bleiben - die Zweifel an der Ehrlichkeit der Ergebnisse vorerst auch.

Usain Bolts surrealer Vorsprung in Peking entfacht Diskussion

Seit jenem Tag, an dem er den Druck des "Local Hero" standgehalten hat, umweht ihn eine ganz besondere Aura samt Ausstrahlung. Diese Ausstrahlung fand ihren vorläufigen Höhepunkt an der Startlinie des 100-Meter-Finals der olympischen Spiele in Peking 2008. Wobei, wenn der Standort des Höhepunkts exakt auf den Meter genau beziffert werden soll, dann war es wohl an der 80-Meter-Linie. 20 Meter vor seinem bis dato größten Erfolg war Bolts Vorsprung surreal groß. Der Youngster breitete die Arme aus und ließ den Lauf eine gefühlte Ewigkeit lang austrudeln. Im Ziel war der Vorsprung dennoch riesig. Und die Zeitmessung hielt mit 9,69 Sekunden einen neuen Weltrekord fest.

Bolt war schlecht gestartet und hatte die letzten 20 Meter nicht beschleunigt. Es dauerte keine weiteren zehn Sekunden bis die Diskussionen begannen: Wie schnell hätte er wirklich laufen können? Und war diese Leistung mit sauberem Training darstellbar? Der 1,95 Meter große Sprinter hatte immerhin erst im selben Jahr damit begonnen überhaupt in der Königsdisziplin zu starten.

Die Zweit- und Drittplatzierten Richard Thompson (Trinidad/9,89) und Walter Dix (USA/9,91) glichen wie der Rest des Feldes einer Ansammlung von Kindern, die sich ihre Teilnehmerurkunden beim örtlichen Sportfest abholen dürfen. Ausgiebiger wurde über Usain Bolts Schnürsenkel diskutiert. Die waren offen gewesen, wie aufmerksame Kameraleute einzufangen wussten.

Usain Bolts erstes Triple aberkannt

Vier Tage später schnappte sich Bolt auf seiner eigentlichen Sahnestrecke über 200 Meter in 19,30 Sekunden den Weltrekord von Michael Johnson (Olympia 1996, 19,32 sek). Es folgte Gold mit der Staffel. Sein erstes von eigentlich drei olympischen "Triples". Eigentlich.

2016 wurde Bolt und der jamaikanischen Sprintstaffel von Peking der Sieg aberkannt. Teamkollege Nesta Carter, der Bolt ebenfalls in London 2012 und weiteren WM-Staffeln assistierte, wurde bei Nachtests positiv auf das Stimulansmittel Methylhexanamin getestet. Schon einige Wochen zuvor ereilte die jamaikanische Frauenstaffel von Peking das gleiche Schicksal. Müßig zu erwähnen, dass in Peking Asafa Powell, der Ex-Weltrekordler, mitsprintete. Dieser war 2013 positiv auf ein anderes Stimulans getestet und zunächst 18 Monate gesperrt worden, musste aber letztlich nur sechs Monate aussetzen.

Die jamaikanische Anti-Doping-Agentur stand damals wie heute wegen zu lascher und vorhersehbarer Tests in der Kritik. Der Vorwurf: Athleten und Trainer können bei der Trainingssteuerung ungestört schalten und walten - und helfen in der Aufbauphase mit illegalen Präparaten nach.

Jamaikanisches Team um Bolt 2008 mit Clenbuterol?

Verstärkt wird dieses Bild durch Anschuldigungen, die im Frühjahr 2017 öffentlich wurden. Das IOC soll laut einem ARD-Bericht Dopingproben mit der verbotenen Substanz Clenbuterol von mutmaßlich jamaikanischen Sprintern verschwiegen und die Fälle nicht weiter verfolgt haben. Die angeblich positiven Nachtests der Olympischen Spiele 2008 in Peking seien trotz der Dopingbefunde als negativ angesehen worden. Namen wurden bis heute nicht übermittelt.

Wer Angel Heredias Geschichte kennt, den überrascht das nicht. Der mexikanische Ex-Diskuswerfer, Sohn eines Chemieprofessors, entwickelte sich nach einer mittelmäßigen Sportlerkarriere mit Akribie zum Dopinglieferanten- und Berater Nummer eins in der Leichtathletikszene. Bis ihm 2008 160 abgehörte Telefonate und mehrere Überweisungen zum Verhängnis wurden. Anschließend kooperierte er mit den Ermittlern und gab im Spiegel-Interview vor neun Jahren seltene Einblicke in eine dunkle Welt der Topsprinter.

"Einen sauberen Olympiasieger über 100 Meter werden wir nicht erleben. Nicht mal einen sauberen Teilnehmer. Von acht Läufern im Finale werden acht gedopt sein", erklärte er kurz vor den Wettkämpfen in Peking 2008. "44 Sekunden über 400 Meter? Undenkbar. 71 Meter mit dem Diskus? Niemals. Es kann vorkommen, dass einer mit Rückenwind einmal 100 Meter in 9,8 Sekunden läuft. Aber zehnmal im Jahr unter 10 Sekunden, bei Regen oder Hitze? Nur mit Doping", führte der Insider weiter aus. Der Unterschied zwischen 10,0 und 9,7 Sekunden seien damals die Drogen gewesen.

Mexikanischer Doping-"Berater" lieferte an Jamaikaner und die USA

Seine Athleten, das ergaben die Ermittlungen, gewannen 26 olympische Medaillen. Seine Kunden: Unter anderem die Jamaikaner Raymond Stewart, Beverly McDonald und Brandon Simpson. Und die US-Athleten, unter anderem Tim Montgomery, Marion Jones, wohl auch Maurice Greene und Justin Gatlin.

Gatlin saß 2008 noch seine vierjährige Sperre als Wiederholungstäter ab und wurde später, zurück im Geschäft, zum Erzfeind von Usain Bolt. Die Medien spielten gerne das Gut-gegen-Böse-Spiel. Ein Spiel, das der böse (überführte!) Doper jedes Mal gegen den guten (sauberen?) Athleten verlor.

Jener Athlet, der 2009 die Leichtathletik-Welt bei der WM in völlige Extase versetzte. Usain Bolt blieb unberührt von all den Vorwürfen. Auf den Tag genau ein Jahr nach seinem ersten Olympiasieg zog Bolt auf der markanten blauen Tartanbahn des Berliner Olympiastadions an der 80-Meter-Marke nicht die imaginäre Handbremse. Er sprintete mit einer Höchstgeschwindigkeit von 44,7 Kilometern pro Stunde ins Ziel. 9.58 Sekunden. Bis heute Weltrekord.

Usain Bolts Fabel-Weltrekorde bei der WM 2009 in Berlin

Es folgte die ein Jahr zuvor von Bolt initiierte "To-Di-World"-Geste, die bis zum heutigen Tag Markenzeichen des globalen Sportstars ist. In jener Berliner WM-Woche erreichte Bolt seine Höchstform. Er verbesserte noch seinen 200-Meter-Weltrekord auf 19,19 Sekunden und holte erneut Gold mit der Staffel. Das Triple nacheinander bei Olympia und der WM zu ergattern war vor Bolt noch niemandem gelungen.

Bolt stieg zum globalen, perfekt vermarkteten Star auf und behielt zum großen Jubel seiner Fans stets seine Authentizität. Die half ihm dabei Dopinganschuldigungen wegzulächeln, als etwa Landsmann Yohan Blake, den er in Berlin düpiert hatte, in Dopingnot geriet. "Ich kann immer nur wieder betonen, dass ich sauber bin. Ich werde ständig getestet", sagte Bolt mehr als einmal.

Bis zum heutigen Tag weist Usain Bolts Karriere keinen Makel auf. Kein positiver Test, keine nachweisbaren Verbindungen. Damit gehört er unter den Topsprintern zu einer seltenen Minderheit.

Im Jahr 2017, seinem selbst auserkorenen letzten Karrierejahr hat der erfolgreichste Sprinter andere Sorgen. 15 Jahre Spitzensport haben an dem ohnehin empfindlichen Ausnahmekörper Spuren hinterlassen.

Vor WM 2017: Angeschlagener Bolt bei Müller-Wohlfahrt

Der lange Dünne unter den Sprintern litt bereits in jungen Jahren unter starken Rückenschmerzen und häufigen Muskelverletzungen, die ihn ein ums andere Mal ausbremsten. Erst als Dr. Wilhelm Müller-Wohlfahrt bei ihm eine deutliche Skoliose ausmachte und Bolt zu regelmäßiger Krankengymnastik verdonnerte, bekam er diese Probleme peu a peu unter Kontrolle.

Doch ein Jahr nach seinem letzten großen Erfolg in Rio klagt er erneut über Rückenschmerzen. Ein Besuch bei seinem Lieblingsarzt in München, der Bolt auch vor Rio wettkampffit bekam, sollte Linderung verschaffen. Den entscheidenden Durchbruch brachte die Behandlung diesmal aber wohl nicht. So pirschte er sich bei seinem letzten Auftritt in Kingston dieses Jahr nur mühsam an die 10-Sekunden-Grenze heran. Der Jubel beim Abschied vor 30.000 Zuschauern kannte dennoch keine Grenzen.

Unter 10 Sekunden blieb Bolt lediglich beim Meeting in Monaco vor zwei Wochen (9,95 Sekunden). Ganze sieben Läufer liegen damit in der Weltjahresbestenliste vor dem Wundersprinter. Für die Highlights sorgten andere: Christian Coleman (USA) führt die Bestenliste mit 9,82 Sekunden an, der Olympiazweite Andre de Grasse (Kanada) erzielte bereits windunterstützte 9,69. "Ich bleibe unbesiegt, und das seit 2013", sagte Bolt in Monte Carlo: "Das ist wichtig. Aber wichtiger ist es, die 100 Meter in London zu gewinnen." Mit der Absage von Grasse hat er jedenfalls einen Konkurrenten weniger.

Bolt: "Immernoch der schnellste Mann der Welt"

Dass schnellere Läufer, etwa in der Startliste für Monaco, aussortiert worden sein sollen? Geschenkt. In der Welt von Usain Bolt existiert ohnehin nur Usain Bolt selbst. Auf einer perfekt inszenierten Pressekonferenz in einer zur Veranstaltungshalle umfunktionierten Brauerei gab er in dieser Woche daher den unverletzlichen, selbstbewussten Superstar.

"Ich bin immer noch der schnellste Mann der Welt. Das wisst ihr alle, daran gibt es einfach keinen Zweifel. Wenn ich da rausgehe, dann bin ich bereit. Wenn ich bei einem Wettbewerb antrete, dann bin ich voller Selbstvertrauen." Wie er auf den Punkt eigentlich immer topfit wurde, das hat er nie gänzlich verraten. Auch nicht in seiner eigenen Dokumentation.

Sein letzter Lauf. Samstagabend, 22.45 Uhr deutscher Zeit im Olympic Stadium London bei seiner letzten Leichtathletik-WM. Bolt und sein Management promoten seit Monaten dieses sekundenschnelle Karriereende. Den Druck als lebende Legende den perfekten Abschied nehmen zu können, den hat Bolt gewiss.

Viele Experten urteilen aber, dies werde sein wichtigstes Rennen. Dabei vergessen sie: Das hat Bolt bereits 15 Jahre hinter sich. Genauso wie eine unvergleichliche Karriere. Nicht nur, was die Erfolge angeht.

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