Wo sind die Leichen? Tausende protestieren für vermisste Migranten in Tunesien

In der tunesischen Küstenstadt Zarzis haben erneut Tausende gegen das Vorgehen der lokalen Behörden nach einem Bootsunglück protestiert.

Das Flüchtlingsboot mit 18 tunesischen Migranten an Bord, die illegal die italienische Küste erreichen wollten, war in der Nacht vom 20. auf den 21. September verschwunden. Fischer fanden später mehrere Leichen, die unidentifiziert beigesetzt wurden.

Von mehreren Migranten fehlt aber immer noch jede Spur. Die Demonstranten forderten eine intensivere Suche nach den Vermissten und einen würdevollen Umgang mit den Toten. "Diebe unseres Landes, Mörder unserer Kinder", skandierten die rund 3.000 Protestierenden am sogeannten "Tag des Zorns".

Am 18. Oktober war die 75.000 Einwohner zählende Küstenstadt bereits durch einen Generalstreik lahmgelegt worden, um eine Untersuchung des Schiffsunglücks zu fordern, die Suche zu intensivieren und gegen eine überstürzte Beerdigung einiger Opfer zu protestieren.

Auf dem falschen Friedhof beerdigt

Die lokalen Behörden hatten versehentlich vier tunesische Migranten auf dem Privatfriedhof "Le Jardin d'Afrique" beerdigt, der normalerweise für die Leichen von Migranten aus Subsahara-Afrika vorbehalten ist, die nach Schiffsunglücken in der Region aufgefunden werden.

Unter dem Druck mehrerer Protestbewegungen wurden die Leichen ausgegraben, identifiziert und auf Familienfriedhöfen beerdigt. Präsident Kais Saied wies das Justizministerium an, eine Untersuchung einzuleiten, um die Verantwortlichen zu ermitteln.

Von Frühjahr bis Herbst verstärkte sich aufgrund des günstigen Wetters das Tempo die Zahl der Überfahrten von Migranten aus Tunesien und dem benachbarten Libyen nach Italien, die oftmals in tödlichen Schiffbrüchen enden.

2022 beeits 1.765 Migranten im Mittelmeer verschwunden

Seit Anfang des Jahres sind laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) 1.765 Migranten im Mittelmeer verschwunden, davon 1.287 im zentralen Mittelmeer, der gefährlichsten Migrationsroute der Welt.

Angesichts des Migrationsdrucks und wegen unzureichender Mittel haben die tunesischen Behörden Schwierigkeiten, Migranten abzufangen oder zu retten, wie Beamte der Seewache gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP erklärten.

Mehr als 22.500 Migranten wurden laut offiziellen Angaben seit Anfang des Jahres vor der tunesischen Küste aufgegriffen.