Seine Lehrer empfahlen ihn nur für die Hauptschule: Heute forscht der Astrophysiker Akin Yildirim als einziger Deutscher am neuen NASA-Teleskop

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Die NASA wird gemeinsam mit der Europäischen Weltraumorganisation ESA in diesem Jahr das mit neuer Technologie ausgestattete „James Webb“ -Teleskop ins All bringen. Das neue Teleskop soll mit seinen fortschrittlichen Sensoren und Spiegeln, die zehnmal mehr Licht sammeln können, Daten aus dem Universum noch besser aufnehmen. Tausende Bewerbungen aus aller Welt wurden für den von der NASA ausgeschriebenen Forschungswettbewerb eingereicht.

Der Astrophysiker Akın Yıldırım, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am deutschen Max-Planck-Institut für Astrophysik arbeitet, ist einer von den weltweit etwa 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, der an dieser neuen Mission mitarbeitet - und der einzige aus Deutschland.

Der Großvater kam als Gastarbeiter aus der Türkei, der Enkel promovierte in Astrophysik

Wenn alles wie geplant verläuft, kann der in Stuttgart geborene Wissenschaftler die drei Milliarden Jahre entfernte Galaxie im Mai 2022 mit dem neuen NASA-Teleskop etwa zehn Stunden lang beobachten. Dabei will Yildirim eine Antwort auf die Frage finden, wie sich die Materie im Universum zusammensetzt, sprich wie viel davon aus „dunkler Materie“, „dunkler Energie“ und „sichtbarer Materie“ besteht, in dem er die Geschwindigkeit der Galaxien im Universum bestimmt und wie schnell diese sich voneinander entfernen. Momentane Messungen weisen darauf hin, dass es im Universum 74 Prozent Dunkle Energie, 22 Prozent Dunkle Materie und etwa vier Prozent sichtbare und wahrnehmbare Materie gibt.

Die Familie von Yıldırım stammt aus der Ostanatolischen Stadt Tunceli in der Türkei und zählt zu der ersten Generation von Gastarbeitern, die in den 60er Jahren nach Deutschland auswanderte. Der Großvater kam als erstes nach Deutschland und arbeitete jahrelang bei Daimler am Fließband. Er holte später die Familie nach. Die Eltern von Yıldırım arbeiteten auch in Fabriken der Autozulieferer, bis sie sich selbständig machten.

Seit seiner Kindheit interessiert sich der Stuttgarter Physiker für das Universum. Dabei spielt auch der Standort Deutschland eine Rolle. „Wir haben das Glück, dass es uns in Deutschland gut geht und man hier Möglichkeiten gegeben bekommt, um alles zu erreichen, was man möchte.", so Yildirim im Gespräch mit Business Insider. "Das ist in vielen anderen Ländern nicht selbstverständlich und ich finde es umso trauriger, wenn man diese Chancen nicht ausnutzt, um seine Träume zu verwirklichen.“

Die Lehrer wollten ihn die Hauptschule schicken, die Eltern hielten dagegen

Ursprünglich wollten seine Lehrer den heutigen Astrophysiker auf eine Hauptschule schicken. Doch die Eltern hielten dagegen. Letztendlich ging es doch aufs Gymnasium, dann ins Studium. Nach Abschluss seines Physikstudiums in Stuttgart, promovierte er an der Universität Heidelberg über Astrophysik an Schwarzen Löchern. 2016 begann Yildirim am Max-Planck-Institut als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu arbeiten.

„Unsere Generation ist stark davon betroffen, dass man aufgrund der Sprachbarriere im Elternhaus nicht die optimale Hilfe bei den Schularbeiten bekommen hat. Deswegen war es umso wichtiger, die optimale Unterstützung von den Lehrern zu bekommen“, erzählt Yıldırım.

Eine andere Hürde sind "unsichtbare Hindernisse". Yıldırım: „Wir haben leider in Deutschland noch unsichtbare Hindernisse wegen unserer Namen“. Bevor er seine Stelle beim Max-Planck-Institut antrat, hat Yıldırım viele Bewerbungen geschrieben: „Ich hatte mindesten 100 bis 150 Bewerbungen abgeschickt und nicht eine einzige Antwort bekommen. Das ist auch in anderen Bereichen nicht anders.“ Wenn er sich aber mit Freunden, die eher europäischen Namen haben, unterhält, hört er von derartigen Problemen so gut wie gar nichts.

Er findet, dass der Physik- und Wissenschaftsbereich das beste Beispiel ist, dass man nicht nach Nationalität, sondern nach der Qualität bewertet wird. „Mein Professor an der Uni war Holländer und meine jetzige Chefin ist Taiwanesin und da schauen wir nicht, wie wir heissen, sondern was wir gemeinsam leisten können.“

Sein Traum ist die Erforschung des Universums - und von der erzählt Yıldırım gern: „Wir wissen, dass sich die Galaxien im Universum nach dem Urknall ständig voneinander entfernen. Die Gravitation wirkt jedoch diesem Bestreben entgegen. Dank der Hubble-Konstante können wir die Geschwindigkeit berechnen, mit der das Universum expandiert." Das wiederum ist wichtig für die Berechnung der verschiedenen Anteile an Materie.

Das neue Teleskop als Hoffnung, mehr über das frühe Universum zu erfahren

Und dabei wiederum ist das neue Teleskop wichtig. „Während man vor 10 Jahren mit der Kamera von Mobiltelefonen Fotos in 2-Megapixel-Qualität aufnehmen konnte, können wir heute Fotos in 16- oder 32-Megapixel-Qualität aufnehmen. Genau so können wir mit dem neuen Teleskop die Tiefen des Weltraums viel klarer und detaillierter sehen“ so Yıldırım. Er glaubt, dass das neue Weltraumteleskop der NASA es ermöglichen wird, bessere Informationen über das frühe Universum zu erhalten.

Das James Webb Teleskop der Nasa
Das James Webb Teleskop der Nasa

Mit dem neu entwickelten Teleskop werden die vom NASA auserwählten Astrophysiker die Galaxie „RXJ1131-1231“ beobachten, weil sich hinter dieser Galaxie ein Schwarzes Loch befindet. Yıldırım: „Wenn ein Schwarzes Loch eine Galaxie oder einen Planeten verschlingt, sendet es eine Art Licht aus, das wir „Quasar“ nennen. Das von diesem Schwarzen Loch emittierte Licht geht durch die von uns beobachtete Galaxie.“ Obwohl dieses Licht von einer einzigen Quelle stammt, soll es aufgrund der Gravitationen auf vier verschiedene Arten um die Galaxie erscheinen. „Durch diese Berechnungen der Gravitation der Galaxie kann man den Abstand zwischen dem Schwarzen Loch und der Galaxie, sowie die Geschwindigkeit bestimmen.“ , so Yıldırım.

Das James Webb-Teleskop (JWST) wird voraussichtlich näher an der Welt positioniert als das vorherige Hubble-Teleskop. Auf diese Weise soll die Datenübertragung schneller erfolgen. Das neue Teleskop sammelt Daten überwiegend im Infrarotbereich, es erkennt jedoch auch visuelle Elemente im sichtbaren Lichtspektrum. Daher können die Forscher mit JWST einen weiteren Blick in die Vergangenheit des Universums werfen.