Die Lehren aus der Trump-Rede

Die Trump-Show beim Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums in Davos ist vorbei. Was bleibt, sind irritierte Europäer, wackelige Perspektiven für die Weltwirtschaft und eine verunsicherte Manager-Schar.

Er kommt, wie immer an diesen seltsamen zwei Davos-Tagen seiner Anwesenheit, durch einen Hintereingang. Dann steht er plötzlich auf der Bühne, schaut mit diesem Blick voller Selbstbewusstsein und Selbstgefälligkeit in den natürlich proppevollen Saal zu seinen Füßen. Und dann beginnt auch noch eine mehrere Dutzend Köpfe zählende Kapelle zu spielen. Was sie hier beim Weltwirtschaftsforum eigentlich nie machen, sei der Gast auch noch so prominent.

Aber es ist genau nach dem Geschmack dieses Ehrengastes: Donald Trump, der US-Präsident, schätzt den Pomp. Und so schreitet er sichtlich zufrieden ans Rednerpult – um doch nochmal gestoppt zu werden. Was ihn wirklich irritiert. Aber Weltwirtschaftsforums-Chef Klaus Schwab möchte noch das erste Wort haben. Er lobt Trump fast unterwürfig für seine Steuerpolitik. Schiebt dann aber nach, dass man schon auch auf freien Handel, Migration und Zusammenarbeit wert lege.

Trump macht sofort klar, wofür er hier steht. „Ich repräsentiere hier die Interessen der amerikanischen Bevölkerung.“ Und er scheint ein wenig die Ängste, die ihm entgegenschlagen, mit überzogenem Pathos nehmen zu wollen: „Amerika hofft auf eine Zukunft, in der alle wohlhabend werden können und jedes Kind frei von Krieg und Armut aufwachsen kann.“ Er wolle allen Amerikanern helfen, den amerikanischen Traum wieder zu leben. Und auf diesem Weg, findet Trump, ist er – natürlich – so weit vorangekommen wie keine Regierung in den vergangenen Jahrzehnten. Es folgt ein Teil, in dem Trump wirkt, wie sein eigener Chef-Statistiker. Viele Zahlen sollen Trumps Botschaft belegen, die er gut ein halbes Dutzend mal wiederholt: „Es gab nie eine so günstige Zeit, Geschäfte in Amerika zu machen.“ 

Trumps Rhetorik ist fast schüchtern

Trump ist an diesem Tag nicht gekommen, um das Establishment zu erschrecken. Seine Rhetorik ist fast schon schüchtern. Nur einmal klingt er nach dem Wahlkampf- und Pöbel-Präsidenten, als er sagt: „Weltweit gibt es eine Klasse an Bürokraten, die nicht gewählt sind, und den normalen Arbeitern das Leben schwer machen. In Amerika ist ihre Zeit vorbei.“

Ansonsten klebt er über weite Strecken an den beiden Telepromptern. Und entsprechend wenig polarisierend sind seine Kernbotschaften, die in einer Aussage münden: „Ich werde immer Amerika zuerst stellen, wie andere Regierungschefs das auch machen sollten. Aber Amerika zuerst heißt nicht, Amerika allein.“

Die Frage ist, warum Trump so gemäßigt auftrat? Sein Wunsch nach Anerkennung, dieser „bewundernswerten Konzernführer“, die Trump immer wieder betont? Das Mühen seines Stabs, dass Trump sich nicht unmöglich mache? Eine Politikwende?

Wie dem auch sei. Trotzdem lassen sich drei Schlüsse aus Trumps zwei Tagen in Davos ziehen:

Die Angst vor einem echten Handelskrieg ist übertrieben

Trump hat, anders als zum Teil seine Minister in den Tagen zuvor, eine moderatere Sprache gefunden, wenn es um seine Kritik am internationalen Handel geht. „Bisher ist es doch so“, sagt ein deutscher Manager. „In Sachen Protektionismus bellt diese Regierung laut, beißt dann aber nicht.“ Und nach der Trump-Rede sieht es nicht so aus, dass sich das dramatisch ändert.

„Wir sollten das internationale Handelssystem so reformieren, dass es für alle mehr Wohlstand verspricht, die nach den Regeln spielen“, sagt Trump. Von Abschaffung ist da keine Rede mehr. „Wir unterstützen freien Handel, aber er muss fair und in beide Richtungen attraktiv sein. Wir wollen ein Handelssystem, das nicht nur für die USA funktioniert, sondern für alle. Wir sind bereit, zu verhandeln. Und wir verhandeln mit einzelnen Ländern, aber vielleicht auch mit Gruppen von Ländern.“

Nur gegenüber einem Land gibt sich Trump unnachgiebig in Handelsfragen: China. Unmissverständlich an dessen Regierung gerichtet war ein Satz in der Rede: „Wir werden Industriespionage, Verletzung von Urheberrechten und staatliche Abschottung anderer Märkte nicht mehr tolerieren.“

Dennoch rechnet kaum einer in Davos damit, dass Trump ähnlich entschieden gegen den Rest der Welt die Handelsschranken senkt. Die Stimmung, die sich mittlerweile breit macht, fast Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, recht treffend zusammen: „Wir haben nach dem zweiten Weltkrieg eine Handelsordnung geschaffen, die darauf aufbaute, dass es Amerika besser geht, wenn es der Welt besser geht. Das kann man schon mal angucken, ob das noch aktuell ist.“ Zudem gelte immer noch: „Die USA sind der offenste Markt der Welt.“

Die Wirtschaft mag Trump nicht, arrangiert sich aber mit ihm

Die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit sollte eigentlich mit steigender Macht derjenigen sinken, die beides zusammenbringen wollen. Demnach müsste sie in Davos, wo ja die wirklich Mächtigen zusammenkommen, unglaublich klein sein. Dass sie das nicht immer ist, zeigt das Phänomen Donald Trump.

Der Wunsch: Tuschelthema Nummer eins war - seit der Abreise von Polit-Popstar Emmanuel Macron und der Ergründung des Geheimnisses seiner Strahlkraft - die Frage, bleib ich oder geh ich? Und zwar, wenn Donald Trump am heutigen Freitag seine Rede an das Weltwirtschaftsforum hält. So viele wollten ihm erklärtermaßen die kalte Schulter zeigen, dass man schon fast um einen Auftritt Trumps vor halb vollem Saal fürchtete. Ignorieren, wollen viele Manager damit sagen, ist wohl das beste. 

Die Wirklichkeit: Als Trump zum ersten Mal im Kongresszentrum sichtbar wird, bilden selbst gestandene Manager eine riesige Traube um ihn wie um einen Pop-Star, zücken die Handys zum Foto-Schuss und Winken. Auch bei einem Abendessen mit europäischen Konzernchefs ließen die sich wie Schüler vorführen, spielten die Trump-Inszenierung voll mit. Trump sprach später davon, an diesem Abend „neue Freunde“ gefunden zu haben. Und der Saal bei seiner Rede war natürlich zum Bersten voll.

Weltwirtschaftsforums-Gründer Schwab fühlte sich gar bemüßigt, Trump „im Namen aller Unternehmenslenker hier“ für seinen Impuls für weniger Steuern zu danken. Der einzige deutsche Vorstandschef, der Trump offen kritisierte, war Deutsche Post-Chef Frank Appel. Er bezweifelte, dass die radikalen Steuersenkungen Trumps für Unternehmen langfristig die gewünschten Effekte hätten. Andere, etwa Siemens-Chef Joe Kaeser, bedankten sich dagegen offen bei Trump für die Steuerpolitik. Auch wenn Kaeser dabei alles andere als vergnügt aussah. Aber das ist eine Linie, die sich herauskristallisiert: Man mag diesen US-Präsidenten nicht, macht aber pragmatisch mit ihm Geschäfte. 

Europa braucht nicht nur Widerstand – sondern einen Plan

So einfach es auch ist, Trump zu kritisieren, so schwer tun sich die Europäer damit, eine wirkungsmächtige Antwort zu finden. Kanzlerin Angela Merkel etwa sagt: Die Lehre aus den Desastern und Kriegen des 20. Jahrhunderts sei der Multilateralismus gewesen. Italiens Regierungschef Paolo Gentiloni sagt: Es gibt internationale Regeln und die müsse man verteidigen. Sogar Großbritanniens Premierministerin Theresa May sagt: „Wir bleiben der Anwalt des freien Handels.“ 

Doch vergleicht man das mit Trump, dann fällt etwas auf: Trump mag aus Sicht vieler Europäer Unsinn reden. Es ist aber konkreter Unsinn: Zölle auf Weiße Ware, Senken von Steuern, Fördern von Investments in den USA. Das alles kann man verwerflich, nationalistisch oder falsch finden. Es sind aber konkrete Schritte.

Trump sagt, was er will. Und macht dann auch, was er will. Die Europäer sagen auch, was sie wollen. Sagen dann aber nicht, wie sie es machen wollen. Sie errichten eine Hülle wohlklingender Forderungen, die aber nach innen hohl ist. Selbst Europas neuer Polit-Popstar Emmanuel Macron bleibt am Ende beim beschwören von „Wachstum“ und „Inklusion möglichst vieler“ stehen.

So lange das so bleibt, hat Trump einen Vorteil, der ihm nicht so leicht zu nehmen ist.