Prämieneinnahmen der Lebensversicherer sollen bis 2030 um sechs Milliarden Euro sinken

Der Deutschen liebste Geldanlage gerät in Bedrängnis: Nach einer Studie müssen sich die Versicherer auf massive Beitragsrückgänge in der Lebensversicherung einstellen. 


Markus Faulhaber geht mit gutem Beispiel voran. Er habe um die zehn Lebensversicherungen, darunter vier Verträge in der betrieblichen Altersversorgung mit Gehaltsumwandlung, bekannte der Chef des deutschen Marktführers im Lebensversicherungsbereich, Allianz Leben, kürzlich in einem Interview.

Doch der 64-jährige Topmanager wird mehr und mehr zur Ausnahme. Denn das einstige Vorzeigeprodukt der Branche, die Lebensversicherung, gerät in Deutschland immer mehr in die Defensive – und der Trend wird sich in den kommenden Jahren noch beschleunigen.

Nach einer am Mittwoch in Frankfurt vorgelegten Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma KPMG werden die Prämieneinnahmen der Lebensversicherer in Deutschland angesichts der demografischen Entwicklung bis zum Jahr 2030 um rund sechs Milliarden Euro sinken.

Es ist der schleichende Abstieg eines Prunkstücks. Früher war sie der Deutschen liebste Geldanlage: die kapitalgebundene Lebensversicherung mit Garantiezins. Rein statistisch gesehen besitzt jeder Deutsche mehr als eine solche Police, rund 95 Millionen Verträge wurden in der Bundesrepublik abgeschlossen.

Doch im Schatten der Niedrigzinsen und der sinkenden Überschussbeteiligung wirft der Altersvorsorge-Klassiker immer weniger Rendite ab – und wird zunehmend zur finanziellen Bürde für die Versicherer.

Bis zum Jahr 2060 könnten sich die Einnahmeverluste der Branche auf 15 bis 19 Milliarden Euro summieren, rechnen die Experten von KPMG vor. „Im Fall einer Inflation samt entsprechender Kostensteigerungen könnte die tatsächliche Summe sogar noch höher ausfallen“, betont Hendrik Jahn, Versicherungsexperte und Partner der Beratungsfirma.

Denn die Sprache der Demoskopie ist eindeutig: In den für die Lebensversicherer besonders wichtigen Altersgruppen zwischen 25 und 54 Jahren ist bis zum Jahr 2060 ein Rückgang um 10,7 Millionen Menschen in Deutschland zu erwarten, wie KPMG unter Verweis auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes darlegt.

Die geburtenstarken Jahrgänge würden dagegen nicht mehr in die Kasse einzahlen und wegen der insgesamt schrumpfenden Bevölkerungszahl werde die Zielgruppe für Neuverträge deutlich sinken. „Verkürzt könnte man sagen: Das größte Problem für die Branche sind nicht die Niedrigzinsen, sondern die nicht-geborenen Kinder in Deutschland“, erklärte Wadim Doulger, Senior Manager bei KPMG.


Die Branche muss sich nach Berechnungen der Beratungsfirma deshalb auf einen Rückgang des Prämienvolumens um bis zu 31 Prozent einstellen, was das Vorzeigeprodukt Lebensversicherung für die Branche zunehmend unattraktiv macht. Mehr und mehr versuchen die Versicherer darum, andere Produkte und Geschäftsfelder auszubauen.

Doch die Berater glauben nicht, dass das Neugeschäft im Biometriegeschäft, das im Wesentlichen die Absicherung gegen das finanzielle Todesfallrisiko sowie der Berufsunfähigkeitsschutz umfasst, diesen Absturz kompensieren kann. „Selbst ein Wachstum in diesem Bereich wird das nicht ausgleichen“, betont Jahn. „Das Neugeschäft im Biometriebereich müsste mehr als verdoppelt werden, um das heutige Beitragsniveau zu halten“, rechnet Doulger vor.

So versah die Ratingagentur Moody’s jüngst die deutschen Lebensversicherer bereits mit einem negativen Ausblick. Von fünf möglichen Stufen, wie gefährdet die Gewinne in dem Segment sein könnten, steht die deutsche Lebensversicherung bei den Ratingprofis inzwischen auf der untersten.

Kunden könnten profitieren

Für viele Kunden ist dies jedoch keine schlechte Nachricht. Für die Bestandskunden ändert sich dadurch zunächst einmal nichts – und um die sinkende Zahl von Neukunden dürfte sich der Wettbewerb noch verschärfen, sagen die Experten voraus.

Zwar würden einige Anbieter sich möglicherweise aus dem Markt zurückziehen und keine Neuaufträge mehr zeichnen, was in der Branche Run Off genannt wird. Die verbliebenen Assekuranzen würden jedoch umso intensiver um die geringer werdende Zahl von Neukunden werben, sagt Jahn voraus.

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„Die Rückgänge können nur teilweise aufgefangen werden, wenn die Branche mehr investiert, um die Versorgung mit privaten Altersvorsorgeprodukten zu erhöhen“, lautet das Fazit der Experten.

Dafür aber müsse die Branche stärker denn je auf Produkte setzen, die attraktiver und einfacher für die Kunden seien, mahnen die Experten. Noch immer seien viele Policen viel zu komplex und viele Angebote so flexibel gestaltet, dass der Aufwand dafür auf die Rendite drücke.

So lägen derzeit die Verwaltungskosten in der Lebensversicherung bei durchschnittlich 2,4 Prozent. In Zukunft müsse die Zahl jedoch auf ein Prozent sinken, um wettbewerbsfähig zu sein, schätzen die KPMG-Berater.

„Wenn die Branche solche Produkte hinbekommt, profitiert auch der Kunde“, glaubt Jahn. Top-Managern wie Faulhaber steht in den kommenden Jahren also noch einiges an Arbeit bevor.