Mit der Tupperdose zur Käsetheke: Kölner Familie versucht ein Leben ohne Müll zu führen

Die vierköpfige Familie Klaus aus Nippes produziert fast keinen Abfall.

Die Wut an diesem warmen Spätsommertag vor fünf Jahren, Verena Klaus kann sie noch heute nachempfinden. Mit ihrem Freund, Orlando, ist sie damals nach dem Studium unterwegs, dreieinhalb Monate insgesamt. Anatolien, Asien, die letzten acht Wochen Indien.

In einem Linienbus mit Einheimischen sitzen sie und fahren die gut 400 Kilometer von Mysore in die südindische Millionenstadt Madurai. Dass die Abfallwirtschaft vor allem im größten Land Südasiens nicht funktioniert, das haben beide auf ihrer Reise gemerkt.

Indienreise als Auslöser

Aber als der Busfahrer auf Bitte des indischen Geschäftsmannes vor ihnen den Bus verlangsamt, an den Straßenrand fährt und dessen üppige Abfalltüte mit Resten des Mittagessens einfach in den Fluss gleiten lässt, da weiß Verena Klaus, dass sie das nicht mehr will.

„Eine hilflose Wut war das“, erinnert sie sich. „Da haben die Menschen so ein schönes Land und machen es einfach kaputt.“ Überall Müll. Der Boden war so verseucht, dass der Salat nur nach Desinfizierung mit Jod genießbar war. „Da haben wir dann zwei Monate keinen gegessen.“

In den letzten Wochen im Land lässt sie sich von ihrem Freund vor Mülleimern fotografieren, wenn sie ihren Abfall in einem der wenigen Behälter des Landes entsorgt. Um aufzurütteln. Um zu zeigen, dass es Alternativen zur rastlosen Vermüllung gibt.

Leben ohne Müll

Verena und Orlando Klaus beschließen nach ihrer Reise, etwas zu ändern. Fortan wollen sie leben, ohne Müll zu produzieren. So gut das eben geht.

Heute, etwa fünf Jahre später, an einem sonnigen Juni-Tag, öffnet Verena Klaus (33), eine schlanke Frau mit gepunktetem Oberteil, haselnussbraunem Haar und freundlichem Lächeln, die Tür ihrer Wohnung in Nippes.

Sie und ihr Mann Orlando (32) haben mittlerweile zwei Kinder bekommen, Hugo (3) und Kasimir (1), und leben mehr denn je „Zero Waste“. Das Prinzip geht auf die französische Bloggerin und Bestsellerautorin Bea Johnson zurück, die die fünf Regeln für null Abfall: refuse, reduce, reuse, recycle, rot (zu Deutsch: ablehnen, reduzieren, wiederverwenden, zur Wertstoffsammlung geben und kompostieren) vorlebt.

Mit der Tupperdose zur Käsetheke

Ihr folgen weltweit Zehntausende. Doch die anfängliche Umstellung fiel Verena Klaus schwer. „Ich wollte alles auf einmal verändern“, erinnert sie sich. Als das nicht funktionierte, begann sie mit kleinen Schritten. Sie sparte sich die Plastiktüten beim Einkaufen, ging mit dem Beutel zum Wochenmarkt und schließlich mit der Tupperdose an die Käsetheke.

Gerade Letzteres sei am Anfang schwer gewesen, bis sie es einfach eingefordert habe, sagt die Kostümbildnerin. Auch, als sie ihren Kindern Stoffwindeln anzog, rümpften viele die Nase. Verena Klaus stand darüber.

Überflüssiges loswerden

Man muss strikt sein in einer Gesellschaft, wo der durchschnittliche Bundesbürger über 600 Kilogramm Müll pro Jahr produziert, und es immer noch mehr werden. Also entrümpelte auch Familie Klaus ihre Wohnung und sortierte das aus, was sie nicht mehr brauchte.

Sie spendete oder verkaufte es auf dem Flohmarkt: Die Popcornmaschine zum Beispiel. In der hellen Dreizimmer-Wohnung findet man jetzt nur noch das Nötigste. Viel Holz, viel Platz, wenig Möbel, keinen Fernseher.

Shampoo aus Roggenmehl

Der Hausputz geht jetzt schnell. Gerade das Badezimmer wirkt dabei für eine vierköpfige Familie fast leer. Vier Zahnbürsten aus Bambus, ein Stahlrasierer. Die Kosmetik passt in ein Schränkchen. Deo macht Verena Klaus selbst aus Natron, Kokosöl, Bienenwachs und ätherischen Ölen.

Ihren Lidschatten fertigt sie aus Kurkuma, Zimt und Kakao. Fürs Shampoo rührt sie einfach lauwarmes Wasser und Roggenmehl zusammen. Probleme mit der Kopfhaut haben sie seitdem nicht mehr, sagt sie.

In der Küche dominieren Glasbehälter. Alles ist feinsäuberlich abgepackt. Ganz ohne Plastik kommt die Familie in ihrem Alltag dabei aber nicht aus; das sei auch völlig okay so, sagt Verena Klaus: „Wir wollen uns und den Kindern nichts verwehren.“

Nur im Notfall in den Supermarkt

Deswegen ist es auch in Ordnung, wenn die Spielsteine aus Plastik sind und die Colaflasche im Kühlschrank, die der Pizzabäcker am Vorabend dazugegeben hat, ebenfalls. Trotzdem geht sie nur noch in Notfällen in den Supermarkt.

Heute ist kein Notfall. Also macht Familie Klaus ihren Wocheneinkauf wie so oft beim Unverpackt-Laden „Tante Olga“ in Sülz.

Im November 2016 eröffneten Olga und Gregor Witt und Dinah Stark mit eigenem Kapital und Unterstützung eines erfolgreichen Crowdfunding-Projekts den ersten Unverpackt-Laden Kölns und bieten über 200 Produkte an, vor allem trockene Grundnahrungsmittel. Aus Spendern oder Boxen tut man sie ins Glas oder den Beutel und wiegt ab. Haferflocken, Zucker, Farfalle.

Am Ende sogar günstiger

Die Preise ähneln denen im Reformhaus. Dennoch kaufe sie am Ende günstiger ein, sagt Verena Klaus: „Wir nehmen hier genau die Mengen mit, die wir brauchen, kaufen keine Einwegartikel und werden auch nicht von Sonderangeboten gelockt.“

Das Konzept „Tante Olga“ erfreut sich steigender Beliebtheit und einem Kundenstamm, der immer diverser wird. Das Angebot soll wachsen, seit kurzem gibt es auch Getränke.

Einen weiteren Unverpackt-Laden gibt es in Ehrenfeld. Dort führen Ivana Louis und Bettina Brockmann-Heym den „Veedelskrämer“.

„Zero Waste“ – aus dem angloamerikanischen Raum entsprungen – wird in Deutschland immer populärer – und die Gemeinde wächst. Olga Witt hat gerade ein Buch darüber geschrieben, Verena Klaus bloggt regelmäßig auf simplyzero.de über ihr Familienleben ohne Müll.

Für sie ist es wichtig, das nicht mit erhobenem Zeigefinger zu tun. „Auf Müll zu verzichten, das ist für uns nicht der Lebensmittelpunkt, sondern Alltag“, sagt Verena Klaus. Missionieren will sie nicht. Nur zeigen, dass es auch bewusster geht....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta