Ich lebe seit sechs Jahren vegan: Hier sind Dinge, die ich von anderen nicht mehr hören kann

·Lesedauer: 7 Min.

Im Jahr 2016 entschied ich mich dazu, beim „Veganuary“ mitzumachen. Das heißt, ich verzichtete den ganzen Januar auf jegliche tierischen Produkte. Da ich bereits seit mehr als 20 Jahren Vegetarierin war, fiel mir die Umstellung leicht. Und so beschloss ich noch einen weiteren Monat dranzuhängen – und dann noch einen. Fast sechs Jahre später bin ich immer noch Veganerin und habe nicht die Absicht, das wieder zu ändern.

Es gibt viele Gründe, warum Menschen auf Tierprodukte verzichten. Ich setzte damals auf gesunde Ernährung und wollte mein Engagement für den Tierschutz verstärken. Bei anderen stehen gesundheitliche Gründe oder Umweltbelange im Vordergrund. Eines haben wir aber alle gemeinsam: Uns werden immer wieder die gleichen Fragen gestellt. Hier sind einige der Kommentare, die ich regelmäßig höre – und die Antworten, die mir dann jedes Mal durch den Kopf gehen.

„Was isst du überhaupt?“

Ich esse alles, was ihr auch esst. Nur eben ohne Fleisch! Nudeln, Suppen, Curry, Kuchen, Salate und so vieles mehr. Klar, manchmal muss ich in der Küche kreativer werden. Aber mittlerweile kann ich alles Mögliche machen – von frischer Pasta bis hin zu Paella, von Cheesecake bis Eiscreme. Ich habe mir sogar mal eine riesige vegane Käseplatte gemacht

Außerdem hat der Boom bei den pflanzlichen Produkten im Supermarkt es wesentlich leichter gemacht, sich eine schnelle und befriedigende Mahlzeit zu zaubern. Alles ist möglich.

„Vermisst du Bacon nicht?“

Einfache Antwort: Nein. Für mich ist Bacon einfach kein Essen.

Manche Veganer haben Fleischgeschmack früher vielleicht einmal geliebt und vermissen daher bestimmte Nahrungsmittel. Vielleicht läuft ihnen sogar noch das Wasser im Mund zusammen, wenn jemand in der Nähe ein Steak brät. Das trifft auf mich aber nicht zu – genauso wenig wie auf viele andere Menschen, die sich pflanzlich ernähren.

„Ich verstehe Fleischersatzprodukte nicht. Warum isst man dann nicht einfach Fleisch?“

Diese Frage höre ich dauernd. Aber wie schon gesagt: Manche Vegetarier oder Veganer mögen den Geschmack von Fleisch und haben sich aus anderen Gründen für ihre Ernährungsweise entschieden. Fleischersatzprodukte können ihnen daher den Übergang erleichtern. Sie verzichten auf Fleisch, müssen aber nicht auf den Fleischgeschmack verzichten.

Und obwohl diese Produkte oft mehr Natrium enthalten als echtes Fleisch, sind sie nach Ansicht von Experten immer noch die bessere Alternative. „Alle veganen Lebensmittel, einschließlich verarbeiteter Lebensmittel und veganer Fleisch- und Käsesorten, können Teil einer ausgewogenen, gesunden Ernährung sein“, sagt die Ernährungsberaterin Taylor Wolfram. Ich persönlich bin zwar kein großer Fan von Fleischersatz. Aber wenn vegane Würstchen und Burger-Patties mehr Menschen zum Fleischverzicht motivieren, bin ich dabei.

„Wo bekommst du dein Eiweiß, Kalzium, etc. her?“

Manche Menschen scheinen sich große Sorgen um meine Gesundheit zu machen, wenn sie erfahren, dass ich mich vegan ernähre. Vor allem Eiweiß ist für viele ein Knackpunkt. Aber vegane Bodybuilder und Profisportler haben gezeigt, dass es selbst bei einem sehr aktiven Lebensstil viele Möglichkeiten gibt, den Eiweißbedarf zu decken.

„Die beste Proteinquelle für Veganer sind Hülsenfrüchte“, sagt Wolfram. „Dazu gehören Bohnen, Erbsen, Linsen und Erdnüsse. Und: Sojabohnen sind auch Bohnen. Tofu, Tempeh, Sojamilch und Fleisch auf Sojabasis ‚zählen‘ also auch.“

Natürlich bedeutet die Umstellung auf pflanzliche Produkte nicht automatisch eine gesündere Ernährung. Ihr müsst die Lebensmittel klug auswählen, um genügend Vitamine und Mineralien zu erhalten. Sonst kann eine vegane Ernährung zu Nährstoffmangel führen – so zum Beispiel bei Kalzium, Vitamin B12, Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren, Eisen, Jod und Zink.

Eine Möglichkeit, euren Bedarf zu decken, ist eine abwechslungsreiche Ernährung aus pflanzlichen Lebensmitteln und aus mit Nahrungsergänzungsmitteln angereicherten Produkten. „Die besten Kalziumquellen für Veganer sind mit Kalzium angereicherte Milchalternativen, gekochter Grünkohl und Kohlgemüse sowie kalziumhaltiger Tofu“, rät Wolfram. „Andere Lebensmittel wie Mandelbutter, Tahini, Edamame, Tempeh und Pak Choi liefern ebenfalls Kalzium. Kalziumpräparate können helfen, eventuelle Lücken zu schließen.“

Ernährungswissenschaftler empfehlen Veganern auch die Einnahme eines B12-Ergänzungsmittels sowie den Verzehr von mit Vitamin D angereicherten Lebensmitteln und/oder eines Ergänzungsmittels. Auch für Jod und Omega-3-Fettsäuren empfehlen sich Nahrungsergänzungsmittel.

„Nach einer Weile sehnt sich dein Körper nach Fleisch. Das ist ganz natürlich.“

In manchen Kulturkreisen ernähren sich die Menschen seit Generationen fleischlos. Ich habe seit meiner Kindheit kein Fleisch mehr gegessen und es seither auch nicht vermisst. „Alle essenziellen Nährstoffe, die tierisches Fleisch liefert, können aus pflanzlichen Lebensmitteln gewonnen werden. Wenn also jemand vermutet, dass er auf aufgrund eines Nährstoffmangels Lust auf tierisches Fleisch hat – in der Regel ist das nicht der Grund für ein Verlangen, sollte er darüber nachdenken, wo er sein Eisen und Zink herbekommt“, sagt Wolfram.

Die Ernährungsberaterin Catherine Perez fügt hinzu, dass auch ein Proteinmangel der Grund sein könne. „Wenn ihr ein Steak durch einen großen Salat ersetzt und vielleicht zwei Esslöffel Bohnen hinzufügt (das habe ich schon oft erlebt), werdet ihr euch nicht lange satt fühlen“, sagt sie. „Anfangs vielleicht, weil ihr mehr Ballaststoffe esst. Aber nach einiger Zeit werdet ihr euch nach bestimmten Lebensmitteln sehnen, da ihr euch nicht ausgewogen ernährt. Damit will euer Körper den Mangel ausgleichen und verlangt nach Dingen, an die er sich erinnert.“

Veganer, die Lust auf Fleisch haben, mochten es vermutlich irgendwann mal. Manche Menschen vermissen zum Beispiel die zähe Konsistenz von Fleisch. Aber da können pflanzliche Proteine wie vegane Fleischalternativen oder Tofu helfen. Euer Essen muss auch gut gewürzt sein. Perez empfiehlt Paprika-Gewürz für den Rauchgeschmack hinzuzufügen sowie Kräuter, Zitrusfrüchte und Umami-Aromen.

„Ich könnte mich niemals vegan ernähren. Ich liebe Fleisch zu sehr.“

Ich habe Fleisch noch nie gemocht. Dieses Argument ist für mich also schwer verständlich. Und ich würde sagen, dass meine Liebe zu Tieren wichtiger ist als meine Geschmacksknospen.

Eine zugegebenermaßen produktivere Antwort auf diesen Kommentar wäre aber, einfach sein veganes Essen mit der Person zu teilen – und so zu zeigen, wie kreativ, lecker und sättigend es sein kann. Wenn Menschen ihren Fleischkonsum reduzieren wollen, aber nicht wissen, wo sie das anfangen sollen, würde ich sie zu kleinen Schritten ermutigen. Fleischlose Montage wären beispielsweise ein Anfang.

„Stell dir vor, du bist auf einer einsamen Insel. Würdest du Fleisch essen, um zu überleben?“

Ich habe das Glück, Zugang zu erschwinglichen pflanzlichen Lebensmitteln zu haben. Das ist nicht überall auf der Welt der Fall. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, dass ich mich in der extremen Situation wiederfinde, ein Tier essen zu müssen. Aber meine einfache Antwort: Wenn es auf dieser Insel Tiere gibt, was essen die, um zu überleben?

„Aber Tiere sind dazu da, gegessen zu werden. Sie sind unseretwegen am Leben.“

Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen darauf stolz sein sollten, Tiere für ein Leben voller Leid und Tod auf die Welt zu bringen. Das Bild der glücklichen Kuh, die auf einer saftig grünen Wiese gemolken wird, entspricht einfach nicht der Realität vieler Nutztiere, vor allem in der Massentierhaltung.

Ich verkneife es mir normalerweise, Fleischessern die allzu drastischen Details solcher Haltungsmethoden zu erklären – es sei denn, sie wollen es wirklich wissen. Gleichzeitig aber würde ich Nicht-Veganern empfehlen, noch einmal nachzudenken, bevor sie gegenüber Veganern das Leid von Tieren kleinreden.

„Du lebst vegan? Du tust mir leid.“

Diese Bemerkung ist ein Klassiker in den Kommentarspalten auf Facebook. Und sie macht mich rasend, was vermutlich auch die Absicht hinter den Kommentaren ist. Ich genieße meinen veganen Lebensstil, ich bin stolz darauf und ich kann alle möglichen leckeren Sachen essen. Es funktioniert also sehr gut für mich.

Es ist sehr leicht wütend zu werden, wenn sich jemand über deine Entscheidung lustig macht. Aber letztlich weiß ich, dass man dem mit Geduld entgegnen muss. Perez sagt, sie versuche sich dann immer an eine Zeit zu erinnern, als sie nicht vegan gelebt und selbst wenig Verständnis dafür gehabt habe.

„Jeder befindet sich an einem anderen Punkt in seinem Leben. Und obwohl wir uns durch solche Dinge durchaus angegriffen fühlen können, sollten wir uns daran erinnern, dass Mitgefühl und ein Leben nach den eigenen Werten und Idealen das Wichtigste ist“, sagt sie. „Ich zwinge anderen niemals meine Werte und Überzeugungen auf, sondern erzähle ihnen einfach von dem Essen, das ich liebe. Und ich zeige ihnen, dass es nicht darum geht, Gras zu essen“, fügt sie hinzu. „Und ihr werdet überrascht sein, dass manche Leute anfangen zuzuhören. Sie werden weniger defensiv und wollen sich eure Begründung anhören.“

Dieser Artikel wurde von Steffen Bosse aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.

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