Es lebe die LTU!

Die Düsseldorfer Fluggesellschaft LTU hat deutsche Luftfahrtgeschichte geschrieben. Seit zehn Jahren ist die Traditionsmarke verschwunden. Eine Gruppe von Nostalgikern will sie wiederbeleben.

Holger Schmitt* erinnert sich noch genau an den Moment, als ein Betriebsrat während einer Mitarbeiterversammlung der Fluggesellschaft LTU aufstand und sagte: „Das Geld reicht noch für vier Wochen.“ Als er sich an diesen Tag zurückerinnert, stockt Schmitt kurz, ehe er mit seiner tiefen Stimme und dem leichten rheinischen Einschlag weitererzählt. Wenig später kam er morgens zum Dienst und erfuhr von einem Kollegen, dass LTU von Air Berlin gekauft wurde. Er hatte ja gewusst, dass es Schwierigkeiten gab. Aber dass er so vor vollendete Tatsachen gestellt wurde – das überraschte ihn dann doch. Schmitt hatte sich bei der Fluggesellschaft über Jahre hochgearbeitet. Zuletzt erstellte er die Flugpläne für Piloten, die Langstrecken flogen.

Mehr als zehn Jahre ist das nun her. Zu diesem Zeitpunkt war Martha Hansen* schon längst nicht mehr Teil der LTU. Traurig war sie trotzdem, als sie vom Ende der Airline erfuhr. In den Neunzigern hatte die Mittvierzigerin im Marketing des Ferienfliegers gearbeitet. „LTU war eine sehr emotionale Marke“, sagt Hansen. Unter den Mitarbeitern habe es einen starken Zusammenhalt gegeben. „Wir hatten alle gute Gehälter, es herrschte eine tolle Stimmung.“ Auch nach ihrem Wechsel in eine Werbeagentur fühlte sie sich dem Unternehmen noch verbunden, nahm an Ehemaligen-Treffen teil – bis heute.

Sven Scholten ist ein stämmiger Mann mit schwarz-umrandeter Brille und raspelkurzen, braunen Haaren. Zwei Jahre lang arbeitete der 29-Jährige als Flugplaner bei LTU. „Alle waren sehr stolz, dort zu arbeiten, für viele war es ein Kindheitstraum. Das habe ich bei keinem anderen Arbeitgeber so erlebt“, sagt er. Jahre später, als er schon längst für eine andere Fluggesellschaft arbeitet, träumt er noch immer davon, dass die LTU irgendwann wieder abhebt. Im Oktober vergangenen Jahres gründet er spontan eine Facebook-Gruppe. Er nennt sie „LT* Fluggesellschaft Neugründung“. Innerhalb von drei Tagen wächst die Gruppe auf 1.000 Mitglieder an.


Drei Menschen, die eines verbindet: Sie vermissen ihren ehemaligen Arbeitgeber LTU. Alle drei sind Mitglied in Sven Scholtens Facebook-Gruppe, deren erklärtes Ziel es ist, die Fluggesellschaft wiederzubeleben. Mittlerweile haben sich fast 3.000 ehemalige Mitarbeiter und Sympathisanten von LTU in der Gruppe zusammengefunden. Sie diskutieren über mögliche neue Designs für Flugzeuge, planen neue Fernstreckenziele oder schwelgen in Nostalgie beim Anblick von LTU-Stewardess-Uniformen aus den achtziger Jahren.

LTYou statt LTU

Für Sven Scholten sind das mehr als Träumereien. Gemeinsam mit zwei Mitstreitern hat er Mitte Dezember die „LTYou UG“ gegründet. Die Rechte am Originalnamen LTU hält noch der Insolvenzverwalter von AirBerlin. Einige Investoren hätten bereits Interesse an LTYou angemeldet, sagt Scholten. Und zwei eigene Flugzeuge besitzen die Gründer bereits: Einer der Gründer, der Pilot Karlheinz Sonder, besitzt zweimotorige Propellermaschinen in einem Airpark in Florida. Mithilfe der leidenschaftlichen LTU-Fan-Community wollen Scholten und Sonder die tote Marke LTU wieder auferstehen lassen.

Ein waghalsiges Unterfangen angesichts des harten Konkurrenzkampfs in der Branche. Tatsächlich aber zeigt die Facebook-Gruppe noch viel mehr: Die LTU-Nostalgiker wollen zurück ins goldene Zeitalter der Luftfahrt. Ihre Geschichte ist ein Lehrstück darüber, wie Menschen mit dem Verlust ihres Arbeitgebers ein Stück ihrer Identität verlieren – und steht damit für ein Problem, das in Zukunft immer mehr Branchen betreffen wird.


Nummer 2 nach der Lufthansa

Die LTU war einst eins der Vorzeigeunternehmen in Nordrhein-Westfalen. 1955 als „Lufttransport-Union“ gegründet und vom Mülheimer Bauunternehmer Kurt Conle aufgebaut, war sie die erste Chartergesellschaft, die Düsenflugzeuge einsetzte. Die LTU-Crews brachten jahrzehntelang Millionen Passagiere vom Düsseldorfer Flughafen in Urlaubsregionen auf der ganzen Welt. Die Flotte rückte zwischenzeitlich zur zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft nach der Lufthansa auf. Jeder kannte die Marke mit den rot-weißen Flugzeugen – nicht zuletzt wegen der bundesweit bekannten LTU-Arena im Düsseldorfer Norden, in der Stars wie Madonna, Linkin Park und Bon Jovi auftraten.

Dann kam der Absturz: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gingen die Passagierzahlen dramatisch zurück. Nur durch eine Landesbürgschaft konnte die Traditionsmarke 2001 gerettet werden. Danach hatte sie mit der wachsenden Konkurrenz von Billigfliegern zu kämpfen. 2006 stieß die Rewe-Gruppe ihre Beteiligung an LTU ab, zuletzt war der Ferienflieger mehrheitlich im Besitz des Textilunternehmers Hans-Rudolf Wöhrl, 45 Prozent hielt der LTU-Geschäftsführer Jürgen Marbach. 2007 verkauften die beiden das Unternehmen an Air Berlin.

Vom Glanz der LTU-Ära ist nichts mehr übrig geblieben. Die LTU-Arena trägt mittlerweile den Namen ihres neuen Sponsors Esprit. Die ehemalige Firmenzentrale am Düsseldorfer Flughafen ist zu einem anonymen Büropark geworden. Und die Flugzeuge mit den drei weißen Großbuchstaben auf rotem Grund wurden in Air Berlin-Optik umlackiert. Spätestens seit der Insolvenz von Air Berlin im Sommer vergangenen Jahres ist LTU endgültig Geschichte. 


Geblieben sind die Menschen und ihre Erinnerungen. Menschen, die nie richtig Abschied nehmen konnten von ihrer Airline, weil sie einfach irgendwann in Air Berlin aufging. Die Fluggesellschaft legte die LTU ab wie ein altes Kleidungsstück. Einige Mitarbeiter haben das dem Berliner Mutterkonzern nie verziehen. „Für mich war die AB nur ein Zerstörer der LTU. Mehr nicht!“, schreibt ein Mitglied der Facebook-Gruppe, die für die Neugründung der LTU eintritt.

Ein Stück Identität

Obwohl viele LTU-Mitarbeiter nach dem Verkauf zu Air Berlin wechselten, sahen sie sich weiterhin als Team der LTU. Immer wieder wurden Rufe laut, die LTU irgendwann wiederzubeleben. Die Ex-Mitarbeiter sehnen sich nach den goldenen Zeiten der Luftfahrtindustrie: einer Zeit ohne Billigflieger und schlechten Service. Einer Zeit, in der Fliegen noch etwas Besonderes war und die Tickets ein paar Euro mehr kosteten. Eine Zeit, in der „der Urlaub schon im Flieger begann“ – ein häufig gepredigtes Credo der Airline. Pilot und Flugbegleiter waren damals Traumberufe. Längere Zwischenhalte in Miami oder New York gehörten bei Langstreckenflügen dazu.


Sven Scholten will diese Zeit zurückbringen. Und er meint es ernst. Sobald die Rechte an der Marke LTU wieder frei sind, will er seine „LTYou“ umbenennen. Derzeit lässt er in einer Marktanalyse von externen Beratern ermitteln, welche Kundengruppen und welche Flugstrecken für seine Airline interessant sein könnten. Erst danach will er einen konkreten Businessplan entwickeln. Das Startkapital für „LTYou“ stamme aus Spendenaufrufen in der Facebook-Gruppe und dem Privatvermögen der drei Gründer. Karlheinz Sonder war geschäftsführender Gesellschafter einer Dortmunder Pressevertriebsgesellschaft, verkaufte 1996 seine Anteile und wanderte nach Florida aus. Der dritte im Bunde, Rainer Janz, ist Handwerker. Sonder und Janz waren selbst nie bei der Airline beschäftigt, waren aber regelmäßige Passagiere. In der Facebook-Gruppe rufen sie die Mitglieder dazu auf, sich in verschiedenen Arbeitsgruppen in einem externen Forum zu beteiligen, um das Projekt „LTU-Wiederbelebung“ voranzutreiben.



Ein realistischer Plan?

Nicht alle in der Gruppe nehmen das Projekt ernst. Aber davon lässt sich Scholten nicht beirren. Es gehe ihm darum, eine Airline zu gründen, in der gehobener Standard und freundlicher Service an erster Stelle stehen – wie früher bei LTU eben. „Heute muss man im Flieger für jede Dienstleistung extra zahlen, die früher ganz normal dazugehörte“, klagt er. „Bei uns wird ein Flug vielleicht 200 Euro mehr kosten, aber dafür wollen wir deutlich mehr Qualität bieten.“

Um eine Fluggesellschaft zu gründen, brauchen Scholten und sein Team eine Genehmigung des Luftfahrtbundesamts. Dafür müssen sie den strengen Sicherheitsregularien der Luftfahrt entsprechen und ausreichende finanzielle Reserven mitbringen. Hinzu kommt die Herausforderung, Start- und Landerechte für den verkehrsstarken Düsseldorfer Flughafen zu bekommen. Die Gründer müssen entscheiden, ob sie selbst weitere Flugzeuge anschaffen oder ob sie diese leasen wollen. Ein Grund für die Beliebtheit der LTU war auch, dass diese ihren Mitarbeitern überdurchschnittliche Gehälter ausgezahlt hat. Scholten und seine Kollegen müssen festlegen, ob sie an diese Tradition anknüpfen wollen – und wie sie diese finanzieren wollen. Auch der Vertrieb, die Schulung der Mitarbeiter oder steuerliche Besonderheiten dürften erhebliche Investitionen und hohen Planungsaufwand erfordern. Für all das ist ein hohes Startkapital nötig. Wie genau sie die noch anstehenden Hürden meistern wollen – darüber schweigen sich Scholten und seine Kollegen derzeit noch aus.

LTYou – Träumerei oder realistischer Plan?

Jürgen Marbach war sechs Jahre lang Geschäftsführer der LTU. Der Duisburger verließ das Unternehmen ein Jahr nach dem Verkauf an Air Berlin. Noch immer ist er als Investor in der Touristikbranche tätig, steht in regelmäßigem Kontakt zu Hans-Rudolf Wöhrl. „Wir haben immer mal wieder darüber nachgedacht, wieder ins Luftfahrtgeschäft einzusteigen. Die Fliegerei hat uns nie ganz losgelassen“, sagt er. Wöhrl gab denn auch im Air Berlin-Insolvenzverfahren ein Gebot ab, Marbach beteiligte sich jedoch nicht.


Von Scholtens Plänen hat Marbach gehört. Er hält die Wiederbelebung der LTU nicht grundsätzlich für abwegig. Allerdings gibt er zu bedenken, dass mit der Gründung einer neuen Airline hohe Risiken und Kosten verbunden sind. Die Gründer bräuchten vor allem eine vernünftige Vermarktung und Kooperationen mit Reiseveranstaltern. Hinzu kämen die hohen Anschaffungs- und Wartungskosten für die Flugzeuge. Mindestens „25 Millionen frei verfügbarer Liquidität“ müsse man für den Anfang schon einplanen, so Marbach. Für Langstrecken liege der Kapitalbedarf noch einmal deutlich höher.

Eine weitere Schwierigkeit sieht er im starken Konkurrenzdruck der Branche. „Ich glaube nicht, dass es auf Dauer möglich ist, gegen Billigflieger wie Easyjet zu bestehen.“ Die Gründer sollten sich eine Nische suchen und von Anfang an auf Qualität zu setzen: „Erst die Passagiere besorgen, dann die Flugzeuge.“ Wer ihn reden hört, könnte meinen, er habe selbst Lust, die LTU wiederzubeleben. Aber Marbach winkt ab. „Ich wünsche den Gründern alles Glück der Welt. Aber ich leide derzeit nicht unter Arbeitsmangel.“

Auch Hans-Rudolf Wöhrl hat laut einem Bericht des Express dem Projekt „LTYou“ bereits eine Absage erteilt. Das Risiko sei ihm zu hoch. Er signalisierte aber, dass er durchaus beratend zur Seite stehen wolle.

Deutlichere Worte findet der ehemalige LTU-Mitarbeiter Holger Schmitt. „Für mich sind das Hirngespinste“, sagt er. Er glaubt: Viele Mitglieder der Gruppe sind nostalgische Ex-Passagiere, die sich den Service der LTU zurückwünschen. Aber: „Wenn sie die Wahl haben, nehmen sie dann doch lieber den günstigen Preis statt den tollen Service.“


Schmitt arbeitet heute für eine andere Fluggesellschaft. Auf dem Weg zum Flughafen fährt er manchmal durch den beschaulichen Düsseldorfer Stadtteil Angermund. An der Hauptstraße, zwischen einer Fahrschule und einem Zeitschriftenkiosk, gibt es ein kleines Reisebüro, dessen Schaufenster mit Plakaten von Pauschalreisen vollgeklebt ist. Über dem Eingang hängt noch ein altes LTU-Werbeschild. Es leuchtet längst nicht mehr.  

Hans-Egon Funke, ein älterer Herr mit weißen Haaren und wachem, freundlichem Blick, wundert sich nicht, wenn er auf das Schild angesprochen wird. „Das passiert regelmäßig“, sagt der Mitarbeiter des Reisebüros. Einige ehemalige LTU-ler hätten gefragt, ob sie ihm das Schild abkaufen dürften. Aber Funke schüttelt jedes Mal den Kopf. Das Schild bleibt hängen – aus Nostalgie.

 *Zwei ehemalige LTU-Mitarbeiter wollten ihren Namen lieber nicht öffentlich nennen.