Le-Mans-Sieg von Bernhard: "Auftrag erfüllt!"

Timo Bernhard hat sich einen Traum erfüllt: Sieg mit Porsche in Le Mans


Sieben Jahre nach seinem ersten Le-Mans-Sieg im Audi hat sich Timo Bernhard seinen ganz großen Traum erfüllt: Triumph mit Porsche an der Sarthe. Der erfahrene Saarpfälzer und seine Teamkollegen Brendon Hartley und Earl Bamber erlebten am vergangenen Wochenende eine Achterbahn der Emotionen, legten eine unglaubliche Aufholjagd hin und feierten am Ende auf dem Podest. Unter dem Podium jubelte Timo Bernhards Ehefrau Katharina, die beiden Söhne auf Rücken und Armen tragend.

"Meine Jungs sind völlig geflasht, vor allem der ältere. Seit er wieder daheim ist, spielt er mit seinen Kumpels immer Siegerehrung. So verarbeiten Kinder das", lacht Timo Bernhard im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. "Aktuell gibt es nach dem Sieg für mich natürlich viel zu tun. Dann folgt schon bald das WEC-Rennen auf dem Nürburgring. Ich glaube, ich selbst habe frühestens im August die Chance, so viel Abstand zu haben, dass ich das alles begreifen kann. Vielleicht ist das sogar erst am Jahresende möglich."

Das vergangene 24-Stunden-Rennen mit zahlreichen LMP1-Rückschlägen, LMP2-Führungsrunden und einer einstündigen Reparatur des siegreichen Porsche mit der Startnummer 2 beschreibt der 36-Jährige mit einem einzigen Wort: "Verrückt!" Nach einem Defekt am Elektromotor an der Vorderachse lagen Bernhard/Hartley/Bamber mit 19 Runden Rückstand zunächst ausichtslos auf dem 54. Gesamtrang.

Nach dem Defekt: Kurzanalyse mit Earl Bamber

"Die komplett unterschiedlichen Emotionen sind das, was bei mir bisher am meisten hängen geblieben ist. Nach der Anfangsphase waren wir guter Dinge, wir waren voll dabei. Aber dann kam sofort dieser brutale Rückschlag. Wenn dein Auto rückwärts in die Garage geschoben wird, dann ist normalerweise kein Sieg mehr drin. Das war schon heftig - nach nur dreieinhalb Stunden. Das war der Tiefpunkt", schildert Bernhard.

"2015 hatten wir durch eine Stop-and-Go-Strafe rund eineinhalb Minuten verloren. Das war ziemlich genau die Zeit, die uns am Ende auf den Sieg fehlte. Wenn man dann für über eine Stunde in die Box muss für Reparaturen, dann ist völlig klar, dass keine Chance mehr besteht", sagt er. "Ich habe dann mit Brendon und Earl gesprochen. Die Marschroute: Emotionen ausschalten. Es mag banal klingen, aber wir haben uns darauf geeinigt, immer nur auf die nächste Kurve zu schauen. Alles andere wurde erst einmal ausgeblendet."

"Als Brendon nach der Reparatur wieder herausgefahren ist, habe ich gemeinsam mit Earl eine Kurzanalyse gemacht. Bis zu jenem Zeitpunkt war es so, dass ein LMP1-Hybridauto in vier Stunden drei Runden auf die LMP2 gutmacht. Es wurde also schnell gerechnet. Das Ergebnis. Wir können die alle noch packen. Ab diesem Zeitpunkt haben wir nur noch Gas gegeben", so Bernhard. Das Trio ging ans Limit. Ein Zielfahren, um den führenden LMP2 erst in den letzten Rennminuten zu packen, war nicht möglich. Jederzeit hätte eine Safety-Car-Phase die Aufholjagd erheblich bremsen können.

Porsche-Ausbildung: Le-Mans-Sieg als ultimatives Ziel

"Wir haben einfach nur alles versucht. Dafür sind wir belohnt worden. Das ist für mich immer noch unglaublich", sagt der Porsche-Werksfahrer, der nunmehr seinen zweiten Triumph an der Sarthe feiern durfte. "2010 hatten wir den dritten Audi, wir waren die Underdogs. Im Vergleich zu den anderen beiden Fahrzeugen waren wir nicht die Topstars. Wir haben unseren Job gemacht, haben uns null Fehler erlaubt und wurden am Ende von den Ereignissen regelrecht erschlagen. Auf dem Siegerpodest wussten wir damals alle gar nicht, was da mit uns passiert."

"Es wird immer ein besonderer Sieg bleiben, weil es mein erster war. Ich wusste lange Zeit nicht, ob da noch ein zweiter folgen könnte. Jetzt mit Porsche sind zwei Sachen anders. Ich will damit nicht sagen, dass sie besser oder schlechter sind - einfach anders", so Bernhard. Das erste Element: Endlich reiner Genuss auf dem Podium. "Ich habe zu meinen 'Kiwi-Boys' (Teamkollegen Hartley und Bamber; Anm. d. Red.) gesagt, dass sie sich das einfach anschauen sollen. Da stehen tausende Menschen. Das muss man in sich aufsaugen und sich dabei vor Augen führen, dass das der Lohn für extrem harte Arbeit ist."

"Was noch anders war als 2010: Ich bin mit 18 Jahren zu Porsche gekommen, und im Grunde waren Starts und Erfolge als Porsche-Werksfahrer in Le Mans das Ausbildungsziel - schon damals. 1998 hatte Porsche den letzten Doppelerfolg in Le Mans gefeiert, im Folgejahr kam ich dorthin. Ich war sozusagen derjenige, den man für die nächste Ära ausbilden wollte. Dass ich das jetzt geschafft habe, ist Erfüllung eines Traums aber auch Erfüllung eines Auftrags gleichermaßen", erklärt der Langstrecken-Weltmeister von 2015.

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