Lauterbach bei Maybrit Illner: "Man kann nicht mit Ungeimpften sprechen wie mit kleinen Kindern"

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"Entweder es gelingt uns, deutlich mehr Ungeimpfte noch zur Impfung zu bringen, oder wir werden eine massive Welle von Erkrankungen sehen", mahnte Karl Lauterbach. (Bild: ZDF)
"Entweder es gelingt uns, deutlich mehr Ungeimpfte noch zur Impfung zu bringen, oder wir werden eine massive Welle von Erkrankungen sehen", mahnte Karl Lauterbach. (Bild: ZDF)

Neigt sich die Pandemie nun dem Ende zu? Nicht wirklich, lautete das Fazit der gestrigen Talkrunde bei Maybrit Illner. Unter anderem diskutierten dort Karl Lauterbach und Boris Palmer über Themen wie Impfpflicht, 2G und Präsenzunterricht.

Ach stimmt, da war ja noch was: Während noch vor wenigen Monaten in den meisten Talkshows über kaum etwas anderes diskutiert wurde als die Corona-Pandemie, erscheint das Thema kurz vor der Bundestagswahl in vielen Sendungen mehr wie eine Randnotiz, die irgendwie abgearbeitet werden muss. Doch noch ist das Virus - auch Lockerungen in ganz Deutschland ein anderes Bild zeichnen - nicht verschwunden. Davor warnte zuletzt auch RKI-Chef Lothar Wieler, der angesichts der stagnierenden Impfquote eine "fulminante vierte Welle" befürchtet. "Ist die Pandemie etwa vorbei?", wollte am Donnerstagabend nun Maybrit Illner von ihren Gästen wissen.

"Nein, die Pandemie ist nicht vorbei. Wir sind mittendrin", antwortete der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek von der CSU. Zu Gast waren außerdem SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer von den Grünen, Intensivmediziner und Pneumologe Stefan Kluge sowie die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger. Obwohl Holetschek vor einer vierten Welle warnte, gab er sich aber sicher: "Es wird keinen Lockdown mehr geben für Geimpfte und Genesene."

Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek versicherte, dass es keinen Lockdown mehr für Geimpfte und Genesene geben werde. (Bild: ZDF)
Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek versicherte, dass es keinen Lockdown mehr für Geimpfte und Genesene geben werde. (Bild: ZDF)

Lauterbach: "Man kann nicht mit Ungeimpften sprechen wie mit kleinen Kindern"

Der ungeimpfte Teil der Bevölkerung jedoch war es, der die Runde im ZDF-Studio am Donnerstagabend am meisten beschäftigte. "Entweder es gelingt uns, deutlich mehr Ungeimpfte noch zur Impfung zu bringen, oder wir werden eine massive Welle von Erkrankungen sehen", mahnte etwa Karl Lauterbach. Uneinigkeit herrschte allerdings bei den Strategien, mit denen man Skeptiker zur Impfung bewegen könne. So sprach sich der SPD-Gesundheitsexperte für Aufklärung aus: Viele Impfgegner hätten "vollkommen falsche Vorstellungen, wie gefährlich der Impfstoff ist und wie gefährlich die Erkrankung". Aus diesem Grund müsse man ins Gespräch gehen und auch versuchen, die Gegenseite zu verstehen: "Man kann nicht mit Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, sprechen wie mit kleinen Kindern."

Boris Palmer hingegen befürwortete eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen, etwa Pflegepersonal. Wer sich dann trotzdem nicht impfen lassen wolle, müsse sich Urlaub nehmen, um zu Hause zu bleiben. "Dann stellt man sie unbezahlt frei, und wenn es dann immer noch nicht greift, ist auch mit Abmahnung und Entlassung im Notfall arbeitsrechtlich alles möglich", so der Grünen-Politiker. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, hielt wenig von dieser Idee. Es gebe ohnehin bereits einen Personalmangel in der Intensiv- und Altenpflege, so Kluge. "Wenn wir nur zehn Prozent der Pflegekräfte nach Hause schicken, haben wir ein Problem", mahnte der Mediziner.

Der live zugeschaltete Oberbürgermeister Tübingens, Boris Palmer, sprach sich für eine teilweise Impfpflicht aus. (Bild: ZDF)
Der live zugeschaltete Oberbürgermeister Tübingens, Boris Palmer, sprach sich für eine teilweise Impfpflicht aus. (Bild: ZDF)

Keine Lohnfortzahlung für Ungeimpfte? Lauterbach: "Wird nicht stattfinden"

Klaus Holetschek brachte eine andere Idee ins Spiel und plädierte dafür, Ungeimpften im Krankheitsfall die Lohnfortzahlung zu streichen. Dies sei ohnehin bereits im Infektionsschutzgesetz geregelt. "Für mich hat das nichts mit Druck zu tun, sondern das ist eine Konsequenz", so der CSU-Politiker. Einer derartigen Maßnahme stand Karl Lauterbach skeptisch gegenüber. "Du zahlst zuerst aus eigener Tasche den Test, um danach keine Lohnfortzahlung zu bekommen? Das wird nicht stattfinden", kritisierte der SPD-Politiker. Außerdem sehe er ein weiteres Problem einer solchen Regelung: "Was wird denn passieren bei denen, die glauben, dass sie sich infiziert haben? Die werden sich gar nicht erst testen lassen!" Stattdessen müsse man vermehrt auf 2G setzen, besonders im Hochrisikobereich, so Lauterbach.

Einigkeit herrschte vor allem in Bezug auf Schülerinnen und Schüler. Der Präsenzunterricht an Schulen müsse unbedingt fortgeführt werden. "Das wollen wir mit allen Mitteln durchsetzen", so Klaus Holetschek. "Die Schäden für Kinder durch die Pandemie sind immens", pflichtete auch Stefan Kluge bei. Man müsse unter allen Umständen weitere Lernrückstände verhindern, sagte auch Boris Palmer: "Das ist so gravierend, dass wir weitere Schulschließungen gar nicht in Erwägung ziehen dürfen." Karl Lauterbach sprach sich dafür aus, Präsenzunterricht durch häufige Tests und kurze Quarantänemaßnahmen für infizierte Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen.

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