Lauterbach, Dahmen und Co: Immer mehr Experten fordern härtere Corona-Maßnahmen für Herbst und Winter

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Der Schriftzug "Komm, wir gehen ins Kino" ist an einem Kino zu sehen.
Der Schriftzug "Komm, wir gehen ins Kino" ist an einem Kino zu sehen.

Es geht schon wieder los. Die Corona-Inzidenz in Deutschland liegt bei über 80, so hoch wie zuletzt im Mai dieses Jahres. Vor allem Kinder sind von Neuinfektionen betroffen. In der Altersgruppe bis 15 liegt die Inzidenz beispielsweise in einigen Regionen Nordrhein-Westfalens bei mehr als 500. Und auch die Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen der Krankenhäuser steigt: Am Freitag lag sie bei 1217, die Hälfte der Patienten muss künstlich beatmet werden.

Trotzdem werden die Corona-Maßnahmen in Deutschland zurzeit gelockert anstatt verschärft. Die Große Koalition möchte einen bundesweiten Lockdown per Gesetz ausschließen, das Bestimmen über die Corona-Regeln soll Ländersache werden. Das Land Berlin hat gerade die Kontaktnachverfolgung nach Infektionen an Schulen erheblich eingeschränkt. In Nordrhein-Westfalen hat die Landesregierung beschlossen, dass nur noch Sitznachbarn von infizierten Schulkindern in Quarantäne müssen. Die Politik verteidigt das, denn die Pandemie, so etwa die Erklärung von Gesundheitsminister Spahn, sei nunmehr "eine Pandemie der Ungeimpften". Und für Ungeimpfte, so die Botschaft, könnte es im Herbst daher neue Kontaktbeschränkungen.

"Wir haben leider erneut eine Situation, wo wir über harte Maßnahmen diskutieren müssen"

Diese fordert auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen im Gespräch mit Business Insider. "Angesichts der steigenden Zahl an Patienten in den Kliniken und auch auf den Intensivstationen brauchen wir flächendeckend 2G-Maßnahmen [Zugang zu Indoor-Aktivitäten nur für Geimpfte und Genesene, Anm. d. Red.], um die Fallzahlen und die Hospitalisierungsrate runter zu drücken", so Dahmen. Um einen Lockdown für alle Menschen zu vermeiden, brauche es mehr Schutzmaßnahmen bei ungeimpften Erwachsenen.

Diese wären vermeidbar gewesen, wenn im Sommer die 3G-Regeln konsequent umgesetzt worden wären, sagt Dahmen: "Bis heute ist 3G eine politische Fiktion, die kaum effektiv kontrolliert wird. So lässt sich die vierte Welle nicht bremsen." Der Grünen-Politiker fordert neue, einheitliche Maßnahmen: "Deutschlandweit 3G-Regeln für alle Indoor-Aktivitäten bis zu einem Schwellenwert der Inzidenz von 50. Darüber gilt 2G. Zur Kontrolle wird die Corona-Warnapp genutzt — und auch nur diese akzeptiert." Betriebe sollten zudem nachweisen müssen, ob und wie viel sie kontrollieren, fordert Dahmen. In Italien sei das schon gängige Praxis.

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Hoffnung, dass seine Forderungen bei der Großen Koalition Gehör finden, hat Dahmen wenig. "Die Bundesregierung hat sich komplett verrannt. Sie gibt sich sehr viel Mühe, den Ernst der Lage zu verschleiern und sich im Wahlkampf wegzuducken", sagt er. "Man hat wohl gehofft, das man die Dinge laufen lassen kann und es vor der Wahl schon nicht so schlimm wird. Aber jetzt zu sagen: Die Schulen sollen offen bleiben, niemand soll eingeschränkt werden, es darf aber auch niemand krank werden, aber eine Impfpflicht wollen wir auch nicht — das ist realitätsfern und zeigt wie unehrlich die Bundesregierung immer wieder Dinge versprochen hat, die absehbar gemeinsam nicht einzuhalten waren." Fakt sei, dass nun die Inzidenzen und die Einweisungen in die Krankenhäuser wieder steigen. "Wir haben jetzt leider erneut eine so ernste Situation, über harte Maßnahmen diskutieren zu müssen."

Ähnlich hart äußerte sich bereits der Leiter der Virologie an der Charité in Berlin, Christian Drosten. "Mit dieser Impfquote können wir nicht in den Herbst gehen. Das reicht absolut nicht aus", so Drosten bereits am Donnerstag. "Wir werden gesamtgesellschaftlich die Zahl der Kontakte wieder einschränken müssen." Die Virologin Melanie Brinkmann, Professorin an der Universität Braunschweig, warnte am gleichen Tag ebenfalls. "Wir rauschen gerade in eine ähnliche Situation wie im vergangenen Herbst", sagte Brinkmann der "Zeit". "Wenn man sich die Infiziertenzahl anschaut, dann ist die Wachstumskurve sogar steiler als vor einem Jahr. Entsprechend wird auch die Zahl der belegten Intensivbetten recht bald stark ansteigen. Das bedeutet nicht, dass wir zwangsläufig im Lockdown landen werden. [...] Aber es wird wieder deutlich mehr Erkrankte und Tote geben."

"Einen weiteren Lockdown halte ich nicht für notwendig"

Für härtere Maßnahmen ist auch Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD-Bundestagsfraktion. "Die Infektionszahlen steigen weiter und das ist besorgniserregend", sagt Lauterbach im Gespräch mit Business Insider. "Besonders bei Clubs, Restaurants und Kneipen, also dort, wo Superspreading-Ereignisse möglich sind, müssen wir strenger werden."

Es brauche in Deutschland mehr Mut, 2G-Maßnahmen einzuführen, so Lauterbach weiter: "Wenn die Zahlen weiter so steigen, müssen wir vermehrt 2G einführe — je früher, desto besser." Nur so sei es möglich, die Infektionskurve zu senken. "Einen weiteren Lockdown halte ich nicht für notwendig", sagt Lauterbach. "Die einzige Frage ist, wann und wo kommt 2G. Anders kriegt man die Zahlen nicht nach unten."

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