Lauf: Der schnelle Held von Sparta

Die Bilder sind verwaschen, grobkörnig, ein analog gedrehter, mehr als 30 Jahre alter Film, der nachdigitalisiert wurde. Zu sehen ist er auf Youtube. Titel: "In the Footsteps of Pheidippides". Ein Heldenepos, für Sportmuffel langweilig, schließlich sind eine halbe Stunde lang nur laufende Menschen zu sehen, sie rennen, gehen, krümmen sich auch vor Erschöpfung, dann wieder flitzen sie mit strahlenden Gesichtern, rudern mit den Armen. Sonst passiert nichts. Für Laufsportler, vor allem für solche, die Extremläufe lieben, ist das Video dagegen aufregend, wachrüttelnd, eine Entdeckung. Achtung: Es besteht Ansteckungsgefahr.

Dokumentiert wird der erste Spartathlon, der 1983 in Griechenland stattfand. Und der seither alljährlich stattfindet, immer am letzten Septemberwochenende. Die Laufstrecke ist fast sechs Mal so lang wie ein normaler Marathon. Zu laufen sind 246 Kilometer, und das nonstop und in maximal 36 Stunden. Die Strecke führt quer durch die griechische Küstenlandschaft, von Athen nach Sparta. Ziel ist die Leonidas-Statue.

Der Kölner Alfons Everz war 1983 beim ersten Mal dabei, als einziger Deutscher unter etwa 50 Teilnehmern. Er wurde Vierter, brauchte 28 Stunden. Heute ist er 70 Jahre alt und denkt mit Wehmut an seine Vergangenheit als Leistungssportler zurück. In seinem Reihenhaus in Esch hat er Erinnerungsstücke aufbewahrt, verblichene Farbfotos, einen von Mitläufern bekritzelten Deutschlandwimpel, die Plakette, die ihn automatisch zum Ehrenbürger Spartas machte. Die Wehmut ist auch deshalb so groß, weil ihm das Laufen seit einiger Zeit schwerfällt, die Hüfte ist lädiert.

Das Geräusch von schnellen Schritten ist im Film zu hören, dann setzt Musik ein, Fanfarenstöße, die Akropolis erscheint im Bild. Wer ungeduldig ist, spult vor: Genau bei Minute 21.28 taucht Everz auf. Ein ausgemergelter Mittdreißiger, mit Schnurrbart. Bekleidet ist er nur mit Achselhemd und Shorts, auf dem Kopf hat er ein Sonnenhütchen, in der Hand einen gelben Schwamm. Er lacht in die Kamera. Es ist heiß, sehr heiß. Die Hitze habe ihm gewaltig zugesetzt, erzählt Everz. Dass er damals ausgerechnet die Läufernummer 11, die kölsche Zahl, zugeteilt bekommen hatte, sei purer Zufall gewesen, aber ein schöner. Vor ihm sind drei Läufer, Yiannis Kouros, der spätere Sieger, dann noch ein Jugoslawe, Dusan Mravlje, und der Engländer Alan Fairbrother.

Zusammen stehen sie am Ende auf dem Treppchen. Kouros sollte noch drei Mal den Spartathlon gewinnen. "Als Grieche hatte er Heimvorteil, er kannte die Strecke in- und auswendig", meint Everz. Er selbst fuhr damals zwei Tage vorher mit seinem Team im Auto die Route ab, versuchte, sich ein Streckenbild einzuprägen, das musste reichen. Ohnehin war er zur Teilnahme gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Zehn Tage, bevor der Spartathlon starten sollte, fragte ihn sein Trainer von der Turn- und Fechtgemeinde (TFG) Nippes, ob er Lust habe, mit nach Athen zu fliegen. Es war jemand ausgefallen. Everz, ein erfahrener Langstreckenläufer, sagte zu: "Ich wusste, dass ich das schaffe."

Er war gerade Vater geworden, sein Sohn Daniel kam im Mai 1983 zur Welt. Seine Frau Dorothea gab daher ihre Zustimmung nur unter der Bedingung, dass er vorher sein Testament machte. "Ich besitze es noch, das erste und einzige Testament meines Lebens", sagt Everz und grinst. Er wusste, dass es eine Auszeichnung war, nominiert zu sein: "Die besten Langstreckenläufer der Welt sind mitgelaufen."

Liest man aktuelle Laufsportratgeber, kann man sich kaum vorstellen, wie ohne akribische Vorbereitung der Spartathlon überhaupt nur durchzustehen ist. So wird empfohlen, ein Bergtraining zu absolvieren. Auch wenn es Everz locker anging, der Lauf an sich sei wirklich hart gewesen, erzählt er.

Um das Erlebnis zu verarbeiten, setzte er sich nach seiner Rückkehr an die Schreibmaschine und verfasste einen fünfseitigen Bericht. Wach hielt er sich zum Beispiel, so ist zu lesen, indem er es sich zur Aufgabe machte, sich vor jedem Heiligenbildchen am Wegesrand zu bekreuzigen. Selbst, als die sich häuften, hielt er das Ritual durch - es stärkte die Konzentration. Gegen die Hitze wusch er sich mit dem Schwamm ab. Seitenstechen bekam er mit Massage und Atemübungen in den Griff.

Es gab Wegstrecken, da lief er allein auf weiter Flur, nachts, ausgerüstet mit einer Taschenlampe, deren Gewicht wie tausend Zentner drückte. Der schwierigste Teil des Spartathlons ist der Sangas-Pass. Im Dunklen erfolgt der 30 Kilometer lange Anstieg, beim Abstieg lösen sich Steine aus dem Geröll. Everz machte sich Mut angesichts des "phantastischen griechischen Sternenhimmels".

Im Youtube-Video sieht man ihn beim Zieleinlauf: Wie aufgezogen rennt er auf die Leonidas-Statue zu, wirft sein Hütchen in die Luft, springt hoch, umarmt sie, stellt sich in Triumphpose. Frauen in griechischen Gewändern reichen ihm die Wasserschale. Den Lorbeerkranz drückt er sich selbst auf den Kopf. Er wirkt wie von Sinnen. "Ich habe sogar drei Mal Kölle Alaaf gerufen", erinnert er sich, "dann kam der Krankenwagen, ich sollte in einen Rollstuhl, wollte nicht, musste mitfahren, aus dem Krankenhaus bin ich abgehauen." Der Körper könne enorm viel aushalten, beflügelt von Endorphinen, stellt er fest. "Auch hatte ich ein super Team."

Noch viele Jahre danach ist er dem Laufsport treu geblieben. Schon als Kind habe er sich dafür begeistert, sagt Everz. Endgültig seinen Ehrgeiz stachelte seine Frau an. Jung verheiratet, befand sie, er sei zu dick, solle Sport treiben. Da war er 27. Es traf sich gut, dass gerade die Trimm-Dich-Bewegung rollte, Everz, der als Elektrotechniker bei einer Firma in Düsseldorf arbeitete, schloss sich einem Lauftreff an. Seinen ersten Marathon bestritt er 1977 in Essen. Als er es übertrieb und jedes Wochenende 100 Kilometer herunterriss, drohte seine Frau mit Scheidung. Die Ehe habe aber gehalten, sagt Everz lachend.

Laufen sei seine Lebensphilosophie. Der Kopf wurde frei, es gab ihm Selbstbewusstsein, nahm ihm Angst. "Ich bin dadurch jemand geworden, der öffentlich den Mund aufmacht, wenn ihm etwas nicht passt." Noch zwei Mal, 1984 und 1985, war er beim Spartathlon dabei, nie wieder gelang ihm eine so gute Platzierung wie beim ersten Mal. Immer hatte er vor, auch als Tourist Griechenland zu besuchen, es kam nicht dazu. "Wir hatten vor Jahren mal einen Urlaub gebucht", so Everz, "das Reisebüro machte Pleite, wir konnten die Reise nicht antreten, schade."

Botenläufer Pheidippides brauchte für die Strecke im Jahr 490 vor Christus rund 36 Stunden

Pheidipiddes war ein griechischer Botenläufer. Im Jahr 490 v. Chr. wurde er aus Athen losgeschickt, um Sparta um Hilfe zu bitten; die Stadt sah sich von den Persern bedroht. Pheidippides lief morgens los und erreichte Sparta anderntags gegen Abend. Er hatte für die 246 Kilometer rund 36 Stunden gebraucht. Am nächsten Morgen lief er zurück, um die Zusage zu überbringen. Athen konnte die Perser am Ende allein in die Flucht schlagen, unter Führung von Leonidas. Die Laufleistung von Pheidippides war so phänomenal, dass sie ins Reich der Mythen verwiesen wurde. Der britische Langstreckenläufer John Foden beschloss, die Legende in der Realität zu überprüfen. Am 8. Oktober 1982 startete er von Athen, benötigte 36,5 Stunden - der Beweis, dass die historische Darstellung stimmen könnte. Darauf gründete Panagiotis Tsiakiris den Ultralaufverein ISA in Athen. Seither wird der Spartathlon jährlich veranstaltet - der diesjährige findet am nächsten Wochenende statt. (kaw)

www.spartathlon.gr

https://youtu.be/Cq8hjFq-UAM

Die Erinnerungsplakette hat Alfons Everz aufbewahrt. Foto: kaw...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta