Lattek und Bayerns Alkohol-Verdunstungsstunde

Ben Redelings
·Lesedauer: 5 Min.

Udo Lattek. Der ehemalige Lehrer für Sport und Englisch war eine der schillerndsten und erfolgreichsten Persönlichkeiten der Bundesliga-Geschichte - und nie um ein offenes Wort verlegen.

"Die großen Trainer haben schließlich alle gesoffen: Weisweiler, Happel, Zebec. Und ich gehöre ja auch zu den Großen", hat Udo Lattek einmal gemeint. Am 34. Spieltag der Saison 1973/74 sollte dieser Satz eine ganz besondere Note erhalten. Denn damals feierten die Bayern den dritten Bundesligatitel in Folge und den Gewinn des Europapokals der Meister auf eine äußerst ungewöhnliche Art und Weise.

Es ist fast nicht zu glauben, aber der FC Bayern München musste an diesem Maitag des Jahres 1974 tatsächlich unmittelbar nach dem Triumph von Brüssel im Nachholspiel gegen Atlético Madrid auf dem Gladbacher Bökelberg antreten.

FC Bayern spielt zweimal binnen 17 Stunden

Zwischen dem Ende der Partie im Landesmeister-Finale in der belgischen Hauptstadt und dem Anstoß in Mönchengladbach lagen gerade einmal 17 Stunden - aber Gott sei Dank auch nur knapp 180 Kilometer.

Bereits in der Nacht nach dem Gewinn des Pokals hatte Torhüter Sepp Maier gewohnt gut gelaunt gescherzt: "Wenn ich morgen in Gladbach im Tor stehe und drei Bälle sausen auf mich zu, nehme ich immer den in der Mitte!" Dass das schließlich doch nicht ganz so souverän klappte, wie es sich der spätere Weltmeister-Keeper im Jubel-Übermut vorstellte, konnten die Münchner problemlos verschmerzen.

Und so meinte nach der 0:5-Schlappe bei Borussia Mönchengladbach der immer noch ausgesprochen prächtig aufgelegte Trainer Udo Lattek mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht: "Dieses Spiel war für uns eine Alkohol-Verdunstungsstunde!" Und weiter ging die Party!

Da wollte sich auch der sonst so seriöse Manager der Bayern, Robert Schwan, nicht lumpen lassen. Ihn streckten seine Gefühle sogar auf den grünen Rasen des Bökelbergs nieder. Um 1.000 Mark hatte er mit seiner Mannschaft gewettet, dass er vor dem Spiel einen Purzelbaum schlagen würde.

Zur Belustigung aller tat er dies tatsächlich – und kassierte das Geld. Vermutlich, um es augenblicklich in ein paar weitere Fläschchen edlen Champagners zu investieren.

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Lattek muss den FC Bayern verlassen

Was die Bayern in dieser Spielzeit ahnten, aber noch nicht endgültig wussten: Die Mannschaft und ihr Trainer hatten ihren Zenit bereits überschritten. Was folgte, war die bis dahin schlechteste Bundesliga-Saison der Münchener. Ein halbes Jahr nach den Feierlichkeiten von Mönchengladbach musste Udo Lattek die Bayern verlassen. Ein im Nachhinein schmerzhafter Verlust - nicht zuletzt an der Stimmungsfront.

Udo Lattek hat einmal über sich gesagt: "Ich bin der Hans Albers der Bundesliga. Der konnte saufen wie ich und auch arbeiten." Und Uli Hoeneß erzählte im Rückblick über die erste Zeit des trinkfreudigen Übungsleiters in München: "Der Lattek hat in den beiden letzten Wochen seiner Amtszeit mit den Bayern-Spielern mehr Alkohol verkonsumiert als ein Normalsterblicher in vier Jahren."

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Hoeneß holt Lattek zurück

Acht Jahre später holte Uli Hoeneß, nun mehr nicht mehr Spieler sondern Manager der Bayern, seinen ehemaligen Trainer zurück an die Säbener Straße. Und das hatte einen ganz einfach Grund: Lattek war trotz aller Eskapaden ein zuverlässiger und unglaublich erfolgreicher Coach.

Oder wie er es selbst einmal sagte: "Ich habe gerne Alkohol getrunken. Ich habe gerne Bier getrunken, auch mal ein Schnäpschen. Aber mir kann keiner vorwerfen, dass ich jemals irgendwo versagt habe, dass ich irgendwo mal nicht beim Training war oder irgendwo nicht topfit war."

Und wie Hoeneß es schon sagte, genehmigten sich unter Lattek auch die Spieler gerne mal einen. Ihr Trainer wusste sich das zunutze zu machen: "Einmal bin ich rein gekommen, am Tag vor dem Spiel, im Trainingslager und die Spieler hatten vergessen, die Tür abzuschließen. Ich mache die Tür auf und bleibe erst einmal stehen. Die Spieler dachten, jetzt gibt’s ein riesengroßes Donnerwetter … Ich bin ans Telefon, hab die Rezeption angerufen - noch vier Weißbier bitte, die Gläser sind alle leer. Da war das Eis gebrochen. Am nächsten Tag sind die gerannt wie die Hasen."

Auslaufen? "Wir gehen zum Aussaufen!"

Lattek erinnert sich: "Die hatten oft ein derart schlechtes Gewissen wegen ihres lockeren Lebenswandels, dass sie beim Spiel nur an eines dachten: Enttäuscht ja nicht den Lattek. So einen wie den kriegen wir niemals mehr!"

Das Motto war damals nicht selten: "Auslaufen? Die anderen sollen auslaufen, wir gehen jetzt zum Aussaufen!" Oder wie am legendären 34. Spieltag der Saison 1973/74, als kurzerhand das komplette Spiel in eine "Alkohol-Verdunstungsstunde" umgetauft wurde.

Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Sein aktueller Bestseller "Das neue Buch der Fußballsprüche" verkauft sich sprichwörtlich wie das gut gekühlte Stadionbier. Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die "Legenden des Fußballs" und "Best of Bundesliga".

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