Lassana Diarra bei PSG: Ein Nomade zurück auf den Spuren einer Legende

HINTERGRUND

Es gibt im Fußball vereinzelt diese merkwürdig anmutenden Transfers, die bei Fans und Experten gleichermaßen Unverständnis hervorrufen. Im vergangenen Sommer etwa rieb sich die Fußballwelt verwundert die Augen, als der FC Barcelona scheinbar verzweifelt mit den Neymar-Millionen um sich warf und den einst in England gescheiterten Mittelfeldspieler Paulinho von GZ Evergrande aus China verpflichtete.

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Paulinho hatte noch keine Minute gespielt, schon wurde den Verantwortlichen der Katalanen der Fußballsachverstand abgesprochen. Ein Akt der puren Verzweiflung sei dieser Transfer gewesen, ein panischer Kauf. Kaum jemand hätte damals damit gerechnet, dass dieser für einen Brasilianer eher grobmotorisch daherkommende Paulinho das fehlende Puzzleteil im Barca-Spiel sein könnte. Dass er sich zum Stammspieler, ja sogar zum Leistungsträger und Torjäger entwickeln würde.

Achtmal traf Paulinho dann allerdings in 22 Ligaspielen, transfermarkt.de hat seinen Marktwert inzwischen auf exakt jene 40 Millionen Euro angehoben, die Barca vor sechs Monaten nach China transferiert hat.

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Nun, in der Wintertransferperiode, gab es erneut so einen grotesk erscheinenden Wechsel eines Spielers, dessen Karriere in Europa eigentlich schon beendet schien. Einen Wechsel, der viele Fußballliebhaber einigermaßen ratlos zurückließ. Bloß generierte dieser Transfer nicht so viel Aufmerksamkeit wie der von Paulinho, was vermutlich einzig daran lag, dass er ablösefrei über die Bühne ging.

Lassana Diarra, früher bei Chelsea und Arsenal unter Vertrag, dann Zehner bei Real Madrid und zuletzt bei Olympique Marseille und Al-Jazira in Abu Dhabi aktiv, wechselte am 23. Januar zu Paris Saint-Germain. Was, fragte man sich, will das Starensemble um Superstürmer Neymar mit diesem 32-jährigen Auslaufmodell anfangen?

Motta-Verletzung als Hauptgrund für den Diarra-Transfer

Nun, zunächst einmal war die defensive Mittelfeldposition in der jüngeren Vergangenheit so etwas wie die Achillesferse im ansonsten hochkarätig besetzten Kader der Franzosen. Stabilisator Thiago Motta ist inzwischen 35 Jahre alt und immer häufiger verletzt. Marco Verratti denkt zu offensiv für die Sechserposition und auch Adrien Rabiot wird von Trainer Unai Emery als Achter und nicht als klassischer Aufbauspieler mit Abräumerqualitäten eingestuft.

So stark der Angriff um Kylian Mbappe, Edinson Cavani und Neymar sein mag, so sehr leidet mitunter die Defensive unter den Offensivkünstlern, die je nach Lust und Laune auch mal die Arbeit gegen den Ball vernachlässigen.

Speziell die Verletzung von Motta war es allerdings, die den schon zuvor von den Pariser Verantwortlichen gesehenen Handlungsbedarf zur Notwendigkeit hat reifen lassen. "Lassana ist ein Spieler mit sehr viel Erfahrung, er hat für Real Madrid gespielt und eine sehr gute Leistung gezeigt, als wir vergangene Saison gegen Marseille gespielt haben. Genau so jemanden brauchten wir nach der Verletzung von Motta auf dieser Position", erklärte Emery.

Als Makelele-Erbe gescheitert

In Frankreich wird Diarra seit jeher für seine Fähigkeiten als ordnender und lauf- sowie zweikampfstarker Sechser geschätzt. Beim FC Chelsea und in der Equipe Tricolore sollte er einst das Erbe von Claude Makelele antreten. Dessen Fußstapfen erwiesen sich jedoch als zu groß.

Lassana Diarra Chelsea

Es mag damals fußballerisch hier und da nicht gereicht haben, Diarra stand sich in seiner Laufbahn aber auch wiederholt selbst im Weg. Seine Ungeduld trieb ihn von Chelsea zu Arsenal und von Arsenal zu Portsmouth, sein Nomadismus zu Anzhi Makhachkala (2012), Lokomotive Moskau (2013) und Al-Jazira (2017). Diarra habe oft das Geld der sportlichen Perspektive vorgezogen, heißt es in Frankreich.

Diarra selbst erzählt eine andere Geschichte. Bei Arsenal etwa sei er mit Arsene Wenger nicht zurechtgekommen. "Ich habe nichts von ihm gelernt. Er brachte mir nur bei, an mir zu zweifeln - an allem zu zweifeln", sagte Diarra einmal. Seine Beziehung zu Wenger bezeichnete er als "nicht gut" und erklärte, dass Jose Mourinho ihn viel mehr gelehrt habe.

Über den Portugiesen berichtete er: "Er hat mir gezeigt, wie man kämpft. Er hat mir in die Augen gesehen und mit mir gesprochen. Und wenn wir ein Problem hatten, dann haben wir darüber diskutiert. Wenger dagegen hat kein Wort zu mir gesagt bis zu jenem Tag, an dem ich gegangen bin."

Bei den Gunners komplett außen vor, hatte es Diarra bei den Blues unter Mourinho aber auch nur vereinzelt geschafft, Mitspieler und Verantwortliche zu begeistern. Letztlich fehlten ihm mit Anfang 20 schlicht die Klasse und die Konstanz, sodass nach zwei Jahren bei Chelsea lediglich 13 Ligaeinsätze zu Buche standen. 

Durchbruch bei Portsmouth - Erfolg bei Real

Erst bei Portsmouth nahm seine Karriere Fahrt auf. In der beschaulichen Hafenstadt an der Südküste Englands konnte er sein Talent fernab vom Anspruchsdenken der Londoner Schwergewichte vollends entfalten, wurde schnell Stammspieler und reifte zum Leistungsträger.

Nach einem Jahr inklusive FA-Cup-Gewinns wurde Real Madrid auf ihn aufmerksam und schlug im Januar 2009 etwas überraschend zu. Dreieinhalb Jahre spielte Diarra letztlich für die Königlichen, zu großen Teilen als Stammspieler. Diarra absolvierte 116 Pflichtspiele, er gewann die Meisterschaft und den Pokal. Spätestens jetzt war er sportlich über jeden Zweifel erhaben.

Lassana Diarra Real Madrid

Gleichzeitig gilt Lass, wie es auf Diarras Trikot steht, als schwieriger Charakter, seine Vereine verließ er nicht selten im Streit. In Moskau etwa hat sich Diarra nach drei Platzverweisen binnen elf Ligaspielen mit Trainer Leonid Kuchuk überworfen und daraufhin die Teilnahme am Mannschaftstraining verweigert. Im August 2014 wurde er schließlich suspendiert und durfte aufgrund eines Vertragsstreits erst ein Jahr später bei einem neuen Verein anheuern.

In Marseille folgte schließlich die fußballerische Wiederauferstehung. Diarra überzeugte in der Saison 2015/16 - so sehr, dass er im Sommer 2016 sogar zum neuen Kapitän ernannt wurde. Nur sechs Monate später kam es jedoch zum Bruch zwischen Spieler und Klub. Wie der damalige Trainer Jose Anigo später behauptete, trug allerdings nicht Diarra sondern der damalige Präsident Vincent Labrune die Schuld, da er vertraglich zugesicherte Versprechen gebrochen habe.

Neymar: "Ich hoffe, ich kann von ihm lernen"

Nun jedenfalls ist Diarra zurück in Frankreich, zurück auf den Spuren jener Legende, die er einst beerben sollte. Wie Makelele spielte Diarra für Chelsea und Real, wie Makelele spielt auch er jetzt, im Spätherbst seiner Laufbahn, bei PSG.

Zweimal ist Diarra beim Versuch, wie Makelele eine prägende Rolle zu spielen, bereits gescheitert. Nun bekommt er seine wahrscheinlich letzte Chance auf höchstem Niveau.

Sein Start bei PSG verlief vielversprechend. Viermal stand Diarra bislang für die Emery-Elf auf dem Rasen, zuletzt zweimal von Beginn. Er forderte er die Bälle und ließ sich im Aufbauspiel zwischen die Innenverteidiger zurückfallen. In seinem zweiten Spiel steuerte er zum 3:0-Sieg in Lille sogar eine Vorlage bei.

Zwar fehlen noch ein paar Prozent Physis, in Ansätzen zeigt Diarra aber schon das, was sie in Paris von ihm sehen wollen. Für das Achtelfinal-Hinspiel bei Real Madrid am Mittwochabend (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) gilt er als heißer Kandidat für die Startelf.

"Lass ist ein großartiger Spieler, man kennt ja seine Laufbahn und seine Qualitäten. Er ist jemand, der aufgrund seiner Erfahrung respektiert wird. Ich hoffe, dass er uns weiterhin hilft und dass ich von ihm lernen kann", sagte Neymar neulich. Mbappe ergänzte: "Er ist ein sehr guter Spieler, der viel Erfahrung in unser Team bringt. Wir sind alle sehr glücklich, dass er hier ist."

In Paris sind sie also felsenfest davon überzeugt, dass sich Diarra als Glücksgriff entpuppen wird. Wie Paulinho für den FC Barcelona.