Warum sich ein langfristiger Anlagehorizont an der Börse auszahlt


Ein Absturz an der Börse wie zuletzt bei den Technologieaktien ruft Glücksritter auf den Plan. Können sie hier den einen oder anderen schnellen Euro oder Dollar verdienen? Schließlich folgt auf einen heftigen Absturz oft eine kurze und ebenso heftige Gegenbewegung. Nachhaltig muss das nicht immer sein, dennoch kann eine derart kurzfristige Wette aufgehen. In den vergangenen Wochen gab es einige solcher Gegenbewegungen – neuerliche Rückschläge allerdings auch.

Wann also lohnt es sich, auf die schnelle Erholung zu setzen? Diese Frage würde sich Warren Buffett nie stellen. Der Superinvestor sagte einst: „Eine Aktie, die man nicht zehn Jahre zu halten bereit ist, darf man auch nicht zehn Minuten besitzen.“ Kurzfristige Spekulationen sind nicht seine Sache. Experten können dieser Börsenweisheit zwar einiges abgewinnen, teilen sie jedoch nicht uneingeschränkt.

Trotzdem sollten Privatanleger Buffetts Spruch beherzigen. „Wenn sie grundsätzlich von einer Aktie überzeugt sind, sollten sie sich von kurzfristigen Schwankungen an den Märkten nicht verunsichern lassen“, sagt Andreas Telschow, Anlageexperte bei Fidelity International. Sie seien ein natürlicher Bestandteil der Börse. „Es ist immer wichtig, nicht blind der Herde zu folgen, sondern die Ursachen und Gründe der Schwankungen zu hinterfragen und die langfristige Anlagestrategie nicht einfach über Bord zu werfen.“


Gleichwohl relativiert Telschow, dass es selbstverständlich auch zu Fehleinschätzungen von einzelnen Aktien kommen könne. „Wenn eine Aktie floppt, sollten Anleger nicht bedingungslos dran festhalten – hier kann man vorab Limits oder Stopp-Marken definieren“, rät der Experte.

Rendite entsteht nicht durch hektisches Kaufen und Verkaufen, sondern durch Ruhe und Gelassenheit in und bei der Geldanlage. Davon ist auch Christina Löper überzeugt, Vermögensberaterin bei der Sutor Bank. „Viel wichtiger, als jedem Trend am Markt hinterherzulaufen ist es, sich eine langfristige Vermögensstrategie, abgestimmt auf die eigene individuelle Lebenssituation, zuzulegen, und dieser dann auch treu zu bleiben – und zwar auch dann, wenn der Markt gerade mal wieder verrückt spielt“, sagt sie.

Deshalb kann sie Buffetts Börsenweisheit auch einiges abgewinnen. Dessen Botschaft ist klar: Aktien sind als Anlageinstrument für den langfristigen Vermögensaufbau geeignet. Natürlich sollten Anleger regelmäßig ihre Anlagen und ihre Strategie überprüfen und schauen, ob beides miteinander in Einklang steht. „Sie sollten dabei stets nur das Risiko eingehen, mit dem sie sich wohlfühlen“, ergänzt Telschow. Auch das gilt genauso für zehn Minuten wie für zehn Jahre.

Für Uwe Zimmer, Geschäftsführer des Fintechs Fundamental Capital, ist Buffetts Aussage zu pauschal. „Je nach Anlagehorizont, Investmenterfahrung und Know-how können beide Arten funktionieren“, sagt er. „Die Statistiken belegen aber, dass langfristige Anlagestrategien insbesondere für Privatanleger besser umzusetzen sind und eine bessere Rendite versprechen.“

Zumal ein längerer Zeithorizont auch dem ursprünglichen Zweck von Aktieninvestitionen entsprechen würde: Man stellt einem guten Unternehmen Kapital zur Verfügung, sodass es mit diesem Geld langfristig arbeiten kann und damit Mehrwert für die Aktionäre schafft.


Stefan Wallrich teilt die Aussage Buffetts nicht. Der Gründer der Vermögensverwaltung Wallrich Asset Management sieht durchaus Situationen an den Märkten, auf die sich kurzfristig spekulieren lässt, die deshalb aber noch lange nicht das sehr langfristige Halten einer Aktie rechtfertigen.

Dazu gehört auch die Spekulation auf die kurzfristige Erholung einer Aktie, wenn diese aufgrund einer negativen Unternehmensmeldung ungerechtfertigt stark abgestraft wurde – wobei Buffetts zehn Minuten sinnbildlich zu verstehen seien. Gedanken, die sich wohl auch der ein oder andere Investor gemacht hat, der auf die schnelle Gegenbewegung bei den abgestürzten Tech-Titeln gesetzt hat.

Auch Wallrich rät Aktieninvestoren stets, eher lang- als kurzfristig zu denken. „Kurz- und mittelfristige Investments müssen damit aber eben gerade nicht ausgeschlossen sein“, sagt der Vermögensverwalter. Aufgrund der besseren technischen Ausrüstung der Profis dürften private Anleger allerdings umso stärker ins Hintertreffen kommen, je geringer die Haltedauer eines Wertpapiers ist. „Insofern müssen die Gründe für sehr kurze Investments bei Privatanlegern noch gewichtiger sein als bei den Profis“, ergänzt er.

Daytrader haben einen schweren Stand

Die technische Ausrüstung Buffetts ist natürlich mehr als professionell. Trotzdem zählen Zehn-Minuten-Investments nicht zu seinem Repertoire. Er ist langfristiger Investor und kein Daytrader. „Vermögensaufbau mit Aktien und Daytrading sind zwei verschiedene Paar Schuhe“, sagt auch Telschow. Beim langfristigen Vermögensaufbau mit Aktien stehe die Fundamentalanalyse eines Unternehmens im Vordergrund. Daytrading hingegen sei stark von Charttechnik geprägt und nicht für den langfristigen Vermögensaufbau oder die Altersvorsorge von Privatanlegern geeignet.

Uwe Zimmer gibt zudem zu bedenken: Je kürzer die Anlagedauer, desto mehr Zeit muss investiert werden. „Das geht soweit, dass Daytrader den gesamten Tag vor den Monitoren verbringen, um kurzfristig handeln und ihre Chancen nutzen zu können“, sagt er. Das sei nur für die wenigsten Anleger machbar.

Wallrich ergänzt, dass die große Mehrheit der Daytrader langfristig Geld verlieren würde. „Davon wird im Freundeskreis oder bei Kollegen kaum jemand berichten“, sagt er. „Hier werden immer nur die wenigen sehr gut gelungenen Trades hervorgehoben.“ Dabei sollte sich jeder Trader selbst immer wieder kritisch hinterfragen. „Häufig hängt der gefühlte Gesamterfolg nämlich schlichtweg mit einer falschen Selbstwahrnehmung zusammen“, so Wallrich.

Daytrader haben nur eine geringe Chance, gute Renditen zu erzielen. „Die Wahrscheinlichkeit, gute Renditen zu verpassen, ist exponentiell höher. Denn faktisch ist es unmöglich, Kursentwicklungen auf Sicht von Minuten oder Stunden vorherzusehen“, sagt Löper.

Analysen zeigen zudem immer wieder, dass die besten Börsentage überwiegend in stürmischen Zeiten liegen. Da kann es im einen Moment nach unten, im nächsten schon wieder nach oben gehen. „Manchmal kann auch nur ein Halbsatz von Warren Buffett die Märkte kurzfristig beeinflussen, ohne dass er es selbst beabsichtigt hat“, ergänzt die Vermögensberaterin der Sutor Bank. „Gegen Fehlinterpretationen, Marktgerüchte, Blitz-Crashs und alles andere, was die Märkte schnell und intensiv ausschlagen lässt, gibt es für Privatanleger wie auch für Profis nur ein Mittel: cool bleiben und aussitzen.“


Und das zahlt sich an der Börse aus. Grundsätzlich gilt: Je länger die Anlagezeit, desto geringer ist das Risiko von Verlusten. Bei einer weltweiten Aktienanlage in den MSCI World Index über fünf Jahre betrug der Anteil der Gewinnphasen bis Ende 2017 immerhin 77,1 Prozent, der der Verlustphasen 22,9 Prozent – bei einer durchschnittlichen Wertentwicklung von neun Prozent pro Jahr.

Wer hingegen 15 Jahre investiert war, hatte gar keine Verlustphase zu beklagen – bei einer durchschnittlichen Wertentwicklung von knapp sechs Prozent. Ähnlich sieht es mit Blick auf den Dax aus, wie das Rendite-Risiko-Radar und das Aktiendreieck des Deutschen Aktieninstituts eindrucksvoll zeigen. Nach 13 Jahren ist das Verlustrisiko de facto verschwunden – auch in früheren Zeiten.

Unter Experten herrscht deshalb auch Einigkeit, dass Aktien ein langfristiges Investment sein sollten. Müssen es immer gleich zehn Jahre sein? Fidelity empfiehlt als Daumenregel mindestens fünf Jahre. Dieser Zeitraum entspricht in etwa der Länge eines typischen Wirtschaftszyklus, sodass zwischenzeitliche Schwankungen ausgeglichen werden können.

Das gilt auch für die abgestürzten Fintechs. Langfristig haben nämlich vor allem die sogenannten FANG-Aktien, also Facebook, Amazon, Netflix und die Google-Mutter Alphabet, eine sensationelle Rendite abgeliefert. Daran ändern auch die jüngsten Turbulenzen nur wenig.