Lange Wartezeiten und überforderte Konsulate – Wirtschaft beklagt Visa-Chaos für indische Fachkräfte


Bei Geschäften in Indien kann es aus Sicht der Bundesregierung nicht schnell genug gehen: Regelmäßig lobt Kanzlerin Angela Merkel das Fast-Track-Verfahren, das sie mit ihrem indischen Amtskollegen Narendra Modi ausgehandelt hat. Es soll deutschen Investoren auf dem Subkontinent beschleunigte Verfahren garantieren. Doch wenn es umgekehrt um die Arbeit von Indern in Deutschland geht, kommt es zu langwierigen Problemen.

Wirtschaftsvertreter klagen darüber, dass überlastete deutsche Auslandsvertretungen in Indien die Beziehungen zu der am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaft ausbremsen. Nach Informationen des Handelsblatts ist es für viele indische Fachkräfte derzeit unmöglich, ein Visum für ihren Einsatz in Deutschland zu beantragen.

Im deutschen Konsulat in der IT-Metropole Bangalore, aus der ein Großteil der gefragten Informatikspezialisten stammt, gibt es derzeit bis Ende November keinen einzigen freien Termin für die Antragstellung. Für die Monate danach ist die Terminbuchung noch nicht freigeschaltet. Auch in anderen Landesteilen kommt es zu monatelangen Wartezeiten.

Die auf Arbeitsmigration spezialisierte internationale Anwaltskanzlei Fragomen berichtet, dass derzeit Hunderte indische Fachkräfte, die innerhalb ihres Konzerns nach Deutschland entsandt werden sollen oder hier ein Jobangebot haben, in dem Verfahren derzeit nicht vorankommen. Dabei gehe es vielfach um IT-Spezialisten, die für Großprojekte unter anderem bei Dax-Konzernen gebraucht würden.

„Verknöcherte Struktur“

„Viele hochspezialisierte Tätigkeiten verzögern sich dadurch oder können gar nicht in Deutschland durchgeführt werden“, sagt ein Anwalt bei Fragomen, der seinen Namen nicht nennen will, um seine Beziehung zu den Behörden nicht zu beeinträchtigen.


Er klagt über eine „verknöcherte Struktur im Auswärtigen Amt“, die nicht in der Lage sei, ein robustes System zu entwickeln, das Antragsspitzen abfedern könne. Es fehle das Bewusstsein dafür, dass durch die fehlenden Kapazitäten der Behörden wirtschaftliche Werte vernichtet würden und Deutschland als Wirtschaftsstandort geschwächt aus der Suche nach Fachpersonal hervorgehe.

Besonders problematisch ist die Situation für IT-Beratungsunternehmen, die in großem Umfang auf indische Spezialisten setzen: „Letzten Endes entgeht uns dadurch Umsatz, weil wir unseren Kunden nicht so helfen können, wie wir es gerne würden“, sagt ein Branchenvertreter.

Das große Interesse an indischen Fachleuten dürfte für die Bundesregierung kaum überraschend sein: Nach der Einführung der sogenannten Blauen Karte für hochqualifizierte Ausländer hat sich die Zahl der erteilten Anträge auf Arbeitsaufnahme aus Indien von knapp 4000 im Jahr 2013 auf rund 7400 im vergangenen Jahr beinahe verdoppelt. Aus keinem Land kommen mittlerweile so viele Inhaber einer Blauen Karte nach Deutschland wie aus Indien. Auch die Zahl der indischen Studenten in Deutschland steigt seit Jahren an – von 2900 im Jahr 2013 auf 5600 im Jahr 2017.

Die indischen Studenten leiden ebenfalls unter den Kapazitätsengpässen bei den deutschen Vertretungen. Im vergangenen Jahr konnten nach Informationen des Handelsblatts erstmals zahlreiche Visumsanträge nicht rechtzeitig vor Semesterbeginn bearbeitet werden. Die Betroffenen verloren deshalb ihren Studienplatz.


Auch in diesem Jahr scheint es vor Beginn des Wintersemesters erhebliche Probleme zu geben. Auf den Social-Media-Kanälen der deutschen Konsulate in Indien beschweren sich viele Studenten darüber, dass es nicht möglich sei, Termine für den Visumsantrag zu erhalten. Viele von ihnen bitten die indische Außenministerin Sushma Swaraj in Twitter-Botschaften um Hilfe.

Einer der Betroffenen ist Arun S. Vijay, der in Bangalore lebt und an der internationalen Hochschule IUBH in Bad Honnef einen Studienplatz erhalten hat. Einen Monat lang versuchte er jeden Tag sein Glück auf dem Terminreservierungsportal des deutschen Konsulats, bevor er endlich Erfolg hatte.

Kritik an der Bundesregierung

Doch der Termin, den er nun für Oktober bestätigt bekam, kommt für ihn zu spät, um sein Studium anzutreten. Er will es nun im nächsten Jahr noch einmal versuchen. „Ich finde, das ist schlecht für Deutschlands Ruf“, sagt er. Das Problem sei bekannt, aber es scheine so, als würden die deutschen Behörden nichts dagegen unternehmen wollen.


Kritik an den Kapazitätsproblemen kommt auch vom Chef der deutsch-indischen Handelskammer, Bernhard Steinrücke. „Es gibt in Indien ein großes Interesse an Deutschland, aber die Konsulate werden der Nachfrage nicht Herr“, sagt er. „Das ist nicht gut für die florierenden deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen.“ Er fordert die Bundesregierung auf, die Vertretungen in Indien personell zu verstärken: „Deutschland muss mehr Leute nach Indien schicken, auch wenn das Geld kostet.“

Das Auswärtige Amt begründet die Probleme bei der Visavergabe auf Anfrage mit einem „sprunghaften Anstieg der Nachfrage“ nach Studienvisa und einem derzeit besonders hohen Interesse an Arbeitsvisa in Indien. Man habe bereits personelle Verstärkung nach Indien geschickt – das hat offenbar aber noch nicht dazu geführt, die Wartezeiten zu beseitigen.

Der Fragomen-Anwalt, der im Auftrag seiner Klienten versucht, indische Fachkräfte ins Land zu holen, hält die bisherigen Verbesserungsversuche für nicht ausreichend. Auch das von der Bundesregierung geplante Einwanderungsgesetz würde aus seiner Sicht bei der Problemlösung kaum helfen: „Rechtlich sind wir schon gut aufgestellt“, sagt er. „Ein neues Gesetz ändert nichts daran, dass die Konsulate überfordert sind, wenn man nur ein paar Beamte hinsetzt.“