Wie lange dauert die Party noch?

Es ist die längste Rally aller Zeiten am deutschen Aktienmarkt. Viele warnen bereits vor Spekulationsblasen, andere wiederum raten zum Einstieg. Was für und was gegen weiter steigende Aktienkurse spricht.


Die längste Rally in der Geschichte der europäischen Aktienmärkte nährt bei Börsianern die Furcht vor einer Überhitzung. Dax und Euro Stoxx steigen bereits das sechste Jahr in Folge, so lange wie nie zuvor. Seit Jahresbeginn hat der deutsche Leitindex rund zwölf Prozent zugelegt und steht nun kurz vor dem Sprung durch die Schallmauer von 13.000 Punkten. Zuletzt trennten ihn lediglich rund 30 Pünktchen von der Rekordmarke.

Immer mehr Analysten raten dazu, die Kurssprünge mit Vorsicht zu genießen. Vor allem die Wall Street, die den Dax mit nach oben gezogen hat, scheint heißgelaufen. Auch Deutsche-Bank-Chef John Cryan sieht in Folge der jahrelangen Niedrigzins-Politik der Notenbanken Anzeichen von Spekulationsblasen bei Aktien, Anleihen und Immobilien. Die europäische Finanzmarktaufsicht (ESMA) warnte ebenfalls vor Risiken.


EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny sieht vor allem am US-Aktienmarkt eine erhöhte Gefahr für Abstürze, eine generelle Überbewertung an Europas Börsen sei noch nicht in Sicht. Auch EZB-Chef Mario Draghi gibt sich diesbezüglich gelassen. Erstklassige Gewerbeimmobilien seien der einzige Bereich mit überdehnten Preisen, meinte er kürzlich.

Fakt ist: Die Zinspolitik der Notenbanken hat in zahlreichen Anlageklassen zu kräftigen Preisschüben geführt. Seit 2009 sind die Geldhähne weit geöffnet. Die US-Notenbank Fed, die Europäische Zentralbank und die Notenbanken Großbritanniens und Japans pumpten seither Billionen in den Geldkreislauf.

Aktienanleger fragen sich, wie lange die Party an den Börsen noch anhält und ob der Zeitpunkt für einen Ausstieg nicht schon gekommen ist. Aus kurzfristiger Sicht mag es richtig sein, erst einmal Kasse zu machen, meint Martin Hüfner, Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon. Langfristig hingegen seien die fundamentalen Faktoren nach wie vor gut. Die Konjunktur laufe rund, daran werde sich auf absehbare Zeit nichts ändern. „Die Überbewertungen in anderen Asset-Klassen, vor allem in Bonds sind viel größer“, betont Hüfner.

Neben dem zuletzt wieder etwas schwächeren Euro setzen die Anleger vor allem auf eine starke US-Konjunktur. „Geopolitische Risiken werden immer stärker ignoriert“, sagt Anlagestratege Tobias Basse von der NordLB. Das könnte sich jedoch ändern, sollten die Krisen in Nordkorea und Katalonien eskalieren. Störfeuer könnten auch von der Fed kommen, die mit höheren Zinsen auf das von den Börsen momentan gespielte Szenario eines stärkeren Wachstums in den USA reagieren könnte. „Damit scheinen vor allem nordamerikanische Aktien inzwischen recht ambitioniert bewertet zu sein.“


Vergleicht man das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zwischen den Kontinenten, bleibt dem Dax noch Luft nach oben. Nach Reuters-Daten liegt sein KGV derzeit bei knapp 14 – der Kurs der 30 im deutschen Leitindex gelisteten Unternehmens-Papiere übertrifft also den Gewinn je Aktie um das 14-fache. Das ist sogar unter dem langjährigen Mittel von rund 15. Zum Vergleich: In Zeiten der Internet-Blase zur Jahrtausendwende lag das KGV etwa doppelt so hoch.
Und auch aus Sicht der Anlegerstimmung spricht vieles für weitere Kursgewinne – trotz der mehr als 1000 Punkte, die das deutsche Börsenbarometer seit Ende August zugelegt hat. „Die Rally könnte noch am Anfang stehen“, sagte Börsenexperte Stephan Heibel Anfang dieser Woche. Damit ist allerdings nicht der Beginn von steigenden Kursen von mehreren Jahren, sondern über Wochen oder einigen Monaten gemeint. Basis für seine Einschätzung ist die wöchentliche Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment unter mehr als 2600 Anlegern.


Viel Geld fließt in die Anleihemärkte

Wie treffsicher derartige Sentimenterhebungen sein können, zeigt ein Rückblick auf die Umfrage zum gesamten Börsenjahr 2017. „Das Risiko für Anleger sehe ich entsprechend im Jahr 2017 auf der Oberseite, dass sie den steigenden Kursen hinterherlaufen müssen“, sagte er Anfang Januar dieses Jahres.

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage damals bei einem Dax-Stand von rund 11.500 Zählern: 82 Prozent der Anleger hatten einen Kursanstieg auf 13.000 Punkte ausgeschlossen. Heibels Schlussfolgerung aus der Umfrage Anfang Januar: Sollte der Dax im Verlauf des Jahres 2017 die Marke von 12.400 Punkten überspringen, so wird jeder zweite Anleger auf dem falschen Fuß erwischt. Um noch von den Kursanstiegen zu profitieren, werden sie Aktien nachkaufen müssen. Und heizen dann die Rally weiter an.


An der New Yorker Wall Street laufen die Aktienkurse den Unternehmensgewinnen hingegen davon. Der Blick zurück zeigt, dass nur in kurzen Phasen die KGVs jemals höher waren als momentan. „Fundamental sind Bewertungen vorzufinden, die sonst nur in einem Fünftel der Geschichte der Wall Street zu beobachten waren“, sagt Stratege Jochen Stanzl von CMC Markets. Fiskalpolitisch sorgten zwar die Steuerpläne der Trump-Regierung für gute Stimmung, allerdings sei die Frage nach der Finanzierbarkeit nicht geklärt. Beim US-Standardwerteindex Dow Jones liegt das KGV bei 20,6 und beim breit gefassten S & amp;P 500 sogar bei 22,5. Damit rangieren beide ebenfalls über ihrem langjährigen Durchschnitt.

Doch bei der Diskussion über die sehr hohen fundamentalen Kennziffern an den Aktienmärkten fehlt eine wichtige Betrachtung. „Zu teuer – wozu?“, fragte bereits vor einigen Monaten Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank.


Denn ein Großteil des billigen Notenbank-Geldes fließt in die Anleihemärkte. Allein das Kaufprogramm der EZB umfasst 2,3 Billionen Euro. Dies drückt die Verzinsung auf Rekordtief. Nach Berechnungen der Vermögensverwaltung der US-Bank JP Morgan rentieren rund 36 Prozent der Staatsanleihen in der Euro-Zone unter Null.

Es sei schwer zu leugnen, dass es überzogene Preise gebe, sagt der auf Bonds spezialisierte Vermögensverwalter Iain Stealey von JP Morgan Asset Management. „Es gibt Länder, die im Jahr nominal an die vier Prozent wachsen und deren Staatsanleihen einen Negativ-Zins haben. Da gibt es ein Missverhältnis.“

Der Einfluss der EZB wird unter anderem bei Italien deutlich. Die zehnjährigen Anleihen des Landes, das volkswirtschaftlich als eines der schwächsten Glieder in der Euro-Zone gilt, warfen in den vergangenen Jahren meist weniger ab als US-Staatspapiere. Zum Höhepunkt der Finanzkrise hatten sie bei 7,5 Prozent rentiert. Momentan liegen die Renditen mit 2,2 beziehungsweise 2,3 Prozent nahezu gleichauf.

KONTEXT

Wie Deutsche ihr Vermögen verteilen - und welche Folgen dies hat

Wo steckt das viele Geld?

Sparbuch und Co. werfen wegen der Zinsflaute kaum noch etwas ab, zugleich nagen die Niedrigzinsen an der Rendite von privaten Renten- und Lebensversicherungen. Dennoch liegt das Geld vor allem auf Girokonten, es steckt in Sparbüchern oder Lebensversicherung. Der größte Posten waren der Bundesbank zufolge Ende vergangenen Jahres Bargeld, Geld auf Girokonten oder Spareinlagen mit insgesamt 2.200 Milliarden Euro. Weitere 2.113 Milliarden Euro steckten in Versicherungen und Pensionseinrichtungen. 2016 hatten einer GfK-Umfrage zufolge 40 Prozent der Bundesbürger ihr Geld auf einem Sparbuch angelegt - wohlwissend, dass es sich um eine unattraktive Form der Geldanlage handelt.

Was ist mit Aktien?

Die meisten Menschen in Deutschland meiden Aktien nach wie vor. Die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland sank im vergangenen Jahr sogar wieder unter die Marke von neun Millionen. "Die Deutschen sind eben leider immer noch kein Volk der Anleger, sondern ein Volk der Sparer - daran hat selbst die anhaltende Niedrigzinsphase bis heute nichts ändern können", meint der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler.

Welche Folgen hat das?

Sparer verzichten nicht nur auf Gewinne durch steigende Börsenkurse, sondern auch auf Dividenden. Nach Berechnungen von Aktionärsvertretern schütten allein die 30 Börsenschwergewichte im Leitindex Dax in diesem Jahr die Rekordsumme von 31,6 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus. Die Gewinnbeteiligung bei 640 untersuchten Aktiengesellschaften steigt im Vergleich zum Vorjahr um rund 9 Prozent auf die Bestmarke von insgesamt 46,3 Milliarden Euro.

Sind Aktien immer eine gute Wahl?

Nicht unbedingt. Zwar gelten die Anteilsscheine langfristig als lukrative Geldanlage. Wer beispielsweise Ende 1995 Aktien kaufte und bis Ende 2010 hielt, habe in diesem Zeitraum im Schnitt 7,8 Prozent Rendite pro Jahr erzielt, rechnet das Deutsche Aktieninstitut (DAI) vor. Doch nicht jede Aktie zahlt sich aus - wie die DSW-Liste der 50 "größten Kapitalvernichter" zeigt. Wer dort investierte, musste herbe Kursverluste hinnehmen, "die durch die Dividendenzahlungen meist nicht ansatzweise kompensiert werden konnten", wie Tüngler erläutert.

Wie ist der Reichtum verteilt?

Darüber gibt die Analyse der Bundesbank keine Auskunft. Der aktuelle Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kommt aber zu dem Ergebnis, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Vermögens besitzen. "Die untere Hälfte nur ein Prozent", erläuterte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) jüngst. Von dem seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland profitieren danach vor allem die Reichen. "Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre", so die Ministerin.