Vor dem Landgericht: Falsche Paketboten überfielen Witwe

Der Neffe der Seniorin hatte die Polizei alarmiert.

„Die Jacke bleibt an“: Als Tim B. (29, alle Namen geändert) im kurzärmeligem T-Shirt in Saal 240 des Landgerichts neben seinem Anwalt auf der Anklagebank Platz nimmt und seine bis zu den Händen auffällig tätowierten Arme präsentiert, spricht der Verteidiger ein Machtwort.

Es geht schließlich um viel und der Anwalt strebt einen Freispruch an, weil er von der Unschuld seines Mandant überzeugt ist.

Überfall als Paketzusteller

Denn Tim B. will nicht dabei gewesen sein, als zwei Männer Ostersamstag 2016  vormittags in Lindenthal als angebliche Paketzusteller eine 72-jährige  Witwe in ihrer Wohnung überfielen. Auf dem Paket, das sie am Tatort zurückließen, war ein Fingerabdruck, der zu Tim B. führte.

„Er war es nicht“, erklärt der Anwalt für seinen Mandanten. Alibi? Fehlanzeige. „Er kann sich nicht erinnern, was er an jenem Tag gemacht hat.“ Als die Alibi-Frage auftauchte, waren immerhin schon neun Monate nach dem Überfall vergangen.

Rätselhafte Fingerabdrücke

In Begleitung seines Anwaltes hatte sich B. im Dezember gestellt und war bereits am nächsten Tag  von der Haft verschont worden. Er wusste, dass gegen ihn Ermittlungen liefen, denn die Polizei hatte seine Wohnung durchsucht, deshalb hatte er die Flucht nach vorne angetreten.

Für den Fingerabdruck hat der Anwalt folgende Erklärung parat: Die Mutter seines Mandanten habe allein in einem Jahr 150 Paketbestellungen durchgeführt, viele davon zurückgehen lassen. Tim B. habe die Pakete zurück zur Post gebracht. „Er hat in dieser Zeit viele Pakete in der Hand gehabt.“

Dass der Überfall am Ostersamstag für das Opfer einigermaßen glimpflich ablief, war wohl einem Zufall zu verdanken. Die Seniorin war mit ihrem Neffen zum Essen verabredet. Der Rentner war nahezu zeitgleich mit den Tätern an der Bachemer Straße eingetroffen und hatte sofort reagiert.

Der Neffe alarmierte die Polizei

Als er an der Wohnungstür die Hilfeschreie der Tante hörte, alarmierte er die Polizei, warnte noch: „Die Täter sind in der Wohnung.“ Doch die Beamten kamen mit mehreren Fahrzeugen und schrillem Martinshorn, schlugen so das Duo in die Flucht, das über den Balkon aus der zweiten Etage sprang, ohne Beute, nur mit dem Schlüsselbund des Opfers.

Witwe S. hatte bei der Lichtbildvorlage im Präsidium den Täter nicht wiedererkannt, obwohl ihr Fotos des Angeklagten vorgelegt wurden. Kaum hat sie im Zeugenstand Platz genommen, ist sie überzeugt: „Das war zu hundert Prozent der Mann.“

Warum sie ihn auf der Lichtbildvorlage hingegen nicht erkannte? „Das Bild ist verfälscht.“ Auch den fehlenden Schneidezahn und die Tätowierung bis zum Hals habe sie damals nicht bemerkt. Die Täter hätten sich in ostdeutscher Sprache miteinander unterhalten, ihr auf deutsch mit Akzent Befehle gegeben. „Mein Mandant ist gebürtiger Deutscher und spricht auch nur die deutsche Sprache“, heißt es am Rande des Prozesses von Verteidigerseite dazu.

Goldkette vom Hals gerissen

Am Boden liegend habe der Angeklagte  ihr noch die Goldkette vom Hals gerissen, erzählt die Zeugin weiter. „Das ist das einzige Erinnerungsstück von meinem verstorbenen Mann“, flehte die Seniorin – mit Erfolg. Die bereits in der Hosentasche verstaute Kette warf der Täter daraufhin auf den Boden zurück.

Bei dem Überfall habe sie Prellungen, blaue Flecke und Schürfwunden davongetragen. Schwerer als die körperlichen Blessuren wiegen wohl psychische Beschwerden: „Ich habe heute noch Alpträume, bin in therapeutischer Behandlung“, sagt die Seniorin und an anderer Stelle: „Ich kann laut schreien“, deshalb habe ihr Neffe auch so schnell reagieren können. Und: „Ich nehme keine Pakete mehr an und öffne die Tür nur noch, wenn ich mich am Fenster überzeugt habe, wer geschellt hat.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta