Griechischer Braindrain – Ein Land blutet aus

„Das ist wohl vorerst mein letzter griechischer Sommer“, sagt Alexandros etwas wehmütig und blinzelt in die Abendsonne, die das Straßencafé an der Athener Platia Mavili in ein mildes Licht taucht. In vier Wochen will der griechische Premierminister Alexis Tsipras mit einer großen Fiesta den Ausstieg aus dem Hilfsprogramm feiern, Griechenland soll dann wieder auf eigenen Beinen stehen. Aber Alexandros ist nicht zum Feiern zumute.

Ihm reicht es. Er will auswandern. Im September fängt er bei seinem neuen Arbeitgeber in Utrecht an. Der 38-Jährige ist kein Versager. Alexandros hat einen gut bezahlten Job im gehobenen Management eines der größten griechischen Unternehmen. Auch seine Frau hat einen sicheren Arbeitsplatz bei einem Kosmetik-Multi. „Wir gehen nicht aus Not“, erklärt der zweifache Vater, „sondern weil wir in Griechenland für uns und unsere Kinder keine Zukunft sehen.“

Seit Beginn der Krise 2009 hat Griechenland ein Viertel seiner Wirtschaftskraft verloren. Inzwischen wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwar wieder, aber nur anämisch: 1,4 Prozent im vergangenen Jahr, voraussichtlich knapp zwei Prozent in diesem. Die Arbeitslosenquote liegt bei 20 Prozent, unter den 15- bis 24-Jährigen suchen sogar 42 Prozent vergeblich einen Job.


Es wird Jahrzehnte dauern, bis Griechenland das Vorkrisenniveau erreicht hat. Was aber langfristig viel schwerer wiegt als Rezession und Arbeitslosigkeit: Über eine halbe Million Griechen wanderten während der Krise aus, überwiegend Akademiker und hoch qualifizierte Fachkräfte. Sie gingen vor allem nach Deutschland und in andere EU-Länder, aber auch nach Nordamerika, Australien und in die Golfregion. Das Land erlebt einen beispiellosen Braindrain. Es verliert seine besten Talente.

„Neben der Armut ist die Auswanderung die gravierendste Folge der Krise“, sagt die Ökonomin Sofia Lazaretou. Sie ist Mitverfasserin einer Emigrations-Studie der Bank von Griechenland. Für Griechenland ist die Auswanderung ein teurer Aderlass: Die Ausbildung eines Arztes kostet den Staat rund 100.000 Euro, die eines Ingenieurs mehr als 50.000 Euro. Dieses Geld ist verloren, wenn die Akademiker nach ihrer Ausbildung ins Ausland abwandern.

Ingenieure, Ärzte, Informatiker und Betriebswirte sind griechische Exportschlager geworden. Davon profitiert Hellas aber nicht, im Gegenteil: Nach einer Studie der griechischen Eurobank hat Griechenland rund acht Milliarden Euro in die Ausbildung der ausgewanderten Akademiker investiert. Die Krisen-Emigranten tragen pro Jahr 12,9 Milliarden Euro zum BIP ihrer neuen Heimat- oder Gastländer bei und zahlen dort Steuern von geschätzt neun Milliarden Euro – Geld, das Griechenland entgeht.

Die Auswanderungswelle ist auch eine Bedrohung für die Sozialsysteme. Ohnehin hat das Land, auch krisenbedingt, eine der niedrigsten Geburtenraten in Europa. In den Krisenjahren 2011 bis 2018 ist die Zahl der Einwohner um 355.000 Menschen zurückgegangen. Nach einer Hochrechnung der staatlichen Statistikbehörde Elstat wird Griechenlands Bevölkerung von heute 10,7 Millionen bis zum Jahr 2080 auf 7,2 Millionen schrumpfen. Das Land blutet aus.


Denn nicht nur die Krise und die hohe Arbeitslosigkeit treiben die Griechen ins Ausland. Das zeigt eine Studie des griechischen Beratungsunternehmens ICAP. Die Untersuchung stützt sich auf elektronisch geführte Interviews mit 1068 griechischen Auswanderern in 61 Ländern. Nur gut ein Drittel der Befragten nannte die Krise als ausschlaggebend.

44 Prozent erklärten, sie seien ins Ausland gegangen, weil in Griechenland Korruption herrsche und Leistung nicht gewürdigt werde. 27 Prozent nannten die besseren Arbeitsbedingungen im Ausland. Jeder Vierte begründet seine Entscheidung zur Emigration mit besseren Verdienstmöglichkeiten.

Die Regierung versucht, den Aderlass zu stoppen. Die staatliche Arbeitsvermittlungsbehörde OAED legt jetzt ein Programm auf, das 15.000 junge Menschen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren, darunter 6000 Universitätsabsolventen, in Arbeit bringen soll. Das Arbeitsamt subventioniert die Gehälter und Lohnnebenkosten für die Beschäftigung der jungen Leute zu 50 Prozent bis zu einer Obergrenze von 800 Euro im Monat. Bedingung: die jeweiligen Unternehmen dürfen in den letzten drei Monaten keine Beschäftigten entlassen haben.


Es gibt auch private Initiativen. So will das griechische Start-up-Unternehmen Transifex ausgewanderte IT-Experten mit Prämien von 5000 bis 10.000 Euro zur Rückkehr bewegen. „Wir wollen griechischen Informatikern, die im Ausland leben, einen Anreiz bieten, in ihre Heimat zurückzukommen“, erklärt Transifex-CEO Dimitris Glezos. Ziel sei es, „das Talent-Potenzial in Griechenland zu stärken.“

Das 2012 im westgriechischen Hafen Patras gegründete Unternehmen, das seit 2014 auch mit einem Ableger im Silicon Valley präsent ist, will mit dem Rückkehrerprogramm in diesem Jahr mindestens fünf und 2019 weitere zehn Software-Experten einstellen.

Die ICAP-Studie zeigt allerdings: Die Mehrzahl der Auswanderer denkt, wenn überhaupt, nicht an eine baldige Rückkehr. 36 Prozent der Befragten wollen definitiv nicht zurückkommen. Weitere 46 Prozent würden allenfalls in drei Jahren über eine Rückkehr nachdenken.

Auf die Frage, welches Gehalt sie denn dazu bewegen könnte, doch nach Griechenland zurückzukehren, nennen 37 Prozent einen Verdienst von über 50.000 Euro im Jahr. 13 Prozent würden sich mit einem Jahreseinkommen zwischen 40.000 und 50.000 zufriedengeben.


Da müssen sie allerdings lange suchen. Laut Feststellung des Statistikamtes Elstat sind die Einkommen in Griechenland zwischen 2010 und 2017 durchschnittlich um fast 20 Prozent gefallen. Das mittlere Monatseinkommen eines Vollzeitbeschäftigten beträgt aktuell 1.152 Euro brutto.

Nicht nur deshalb ist es unwahrscheinlich, dass die Emigranten nun massenhaft zurückkehren. „Die meisten sind ja nicht vor Armut oder Arbeitslosigkeit geflohen“, erklärt Nikos Stampoulopoulos, „sondern vor dem ‚System Griechenland‘, vor der Vetternwirtschaft und der Korruption, der Bürokratie, dem politischen Stillstand und der gesellschaftlichen Apathie“. Der Filmemacher Stampoulopoulos wanderte 2009 angesichts der heraufziehenden Krise nach Holland aus. 2014 kehrte er nach Athen zurück. Dort betreibt der 48-Jährige die Webseite Nea Diaspora, auf der sich Auslandsgriechen vernetzen und austauschen können.

Während in den 1960er- und 70er-Jahren vor allem ungelernte Arbeitskräfte aus dem armen Norden Griechenlands in andere europäische Länder auswanderten, um am Fließband, auf dem Bau oder unter Tage zu arbeiten, „sind die neuen griechischen Auswanderer sehr anpassungsfähig“, sagt Stampoulopoulos. „Sie haben meist gute Fremdsprachenkenntnisse und ein hohes Bildungsniveau, was ihnen die Integration erleichtert und eine Rückkehr unwahrscheinlicher macht.“

Auch der Auswanderer in spe Alexandros ist entschlossen, Griechenland für immer zu verlassen: „Mehr als ein Dutzend meiner Freunde sind in den vergangenen Jahres bereits ausgewandert, sie leben auf der ganzen Welt verstreut - und keiner von ihnen hat es bereut.“