Pandemie stürzt US-Arbeitsmarkt in dramatische Lage

Der New Yorker Times Square ist nach einer Verhängten Sperre nahezu verlassen.

Das öffentliche Leben in den USA ist wegen des Coronavirus zum Erliegen gekommen. Die Wirtschaft befindet sich im Sinkflug. Die Arbeitslosigkeit steigt dramatisch an. Auch die Notenbank zeigt sich inzwischen skeptisch.

Washington (dpa) - Die drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Epidemie schlagen in den USA mit voller Wucht auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt durch.

Die größte Volkswirtschaft der Welt befindet sich im steilen Sinkflug - trotz eines vom Kongress auf den Weg gebrachten Konjunkturpakets ohne Gleichen. Damit sollen rund 2 Billionen Dollar in die Wirtschaft gepumpt werden. Dennoch rechnen viele Analysten inzwischen mit einem erheblichen Einbruch im zweiten Quartal und einer Rezession auf das ganze Jahr betrachtet.

Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stieg in der Woche bis 21. März etwa um das Zehnfache von 282 000 auf nunmehr rund 3,3 Millionen. Das war der höchste Wert seit Beginn der Datenerhebung, wie das US-Arbeitsministerium am Donnerstag mitteilte. Zuletzt hatte es mit knapp 700 000 Erstanträgen 1982 einen solchen Rekord gegeben. Die Erstanträge gelten als Indikator für die kurzfristige Entwicklung des Arbeitsmarkts. In der Vorwoche - zu Beginn der Epidemie in den USA - waren die Erstanträge nur um 70 000 auf 281 000 angestiegen.

Die rasante Ausbreitung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 hat das öffentliche Leben in weiten Teilen der USA zum Erliegen gebracht. Etwa die Hälfte der rund 330 Millionen Amerikaner unterliegt inzwischen von Bundesstaaten verhängten Ausgangsbeschränkungen. Viele Geschäfte sind geschlossen, Restaurants und Hotels bleiben leer, zahllose Reisen wurden abgesagt. Viele Mitarbeiter geschlossener Unternehmen müssen daher Arbeitslosenhilfe beantragen.

Entlassungen sind in den USA in der Regel wesentlich schneller möglich als etwa in Deutschland. In den USA gab es bislang auch keine Regelung wie das deutsche Kurzarbeitergeld, das den Arbeitsmarkt in Krisensituationen stabilisiert. Mit dem riesigen Konjunkturpaket wird die bislang sehr begrenzte Arbeitslosenhilfe aber ausgeweitet. Zudem soll es Arbeitgebern möglich sein, Angestellte für bis zu vier Monate zu beurlauben anstatt sie zu entlassen. In dieser Zeit würde der Staat für das Gehalt aufkommen.

Das Gesetzespaket muss am Freitag erst noch vom Repräsentantenhaus beschlossen werden. Die Vorsitzende der Kammer, die Demokratin Nancy Pelosi, sagte am Donnerstag, das Paket werde auf jeden Fall durchkommen - «mit großer Unterstützung beider Parteien». Dies werde ein «Sieg für die Arbeiter in Amerika» werden, denn die Demokraten hätten für sie viel nachverhandelt in dem Paket.

Die Coronavirus-Epidemie hat sich in den USA zuletzt dramatisch zugespitzt. Bis Donnerstagmorgen (Ortszeit) gab es Forschern der Universität Johns Hopkins zufolge rund 70 000 bestätigte Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus. Mehr als 1000 Menschen sind infolge der vom Virus ausgelösten Erkrankung Covid-19 gestorben.

Manche Analysten gingen davon aus, dass die Zahlen der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in Wirklichkeit noch dramatischer waren als bekanntgegeben, weil viele Staaten zuletzt mit der Flut der Erstanträge überfordert waren. Viele Staaten suchten Medienberichten zufolge händeringend neue Mitarbeiter für die Arbeitsämter.

Die Arbeitslosenquote im Februar - also vor der rasanten Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2 in den USA - lag bei niedrigen 3,5 Prozent. Das war der niedrigste Stand seit Jahrzehnten. Die Zahlen für März sollen erst am kommenden Freitag veröffentlicht werden.

Bis Anfang Februar brummte die US-Konjunktur noch, an der Börse wurden Höchststände vermeldet, und Experten rechneten mit einem Wirtschaftswachstum von rund zwei Prozent. Präsident Donald Trump, der sich im November um eine Wiederwahl bewirbt, schrieb das seiner Wirtschaftspolitik zu. Doch die rasante Ausbreitung des Coronavirus seit Anfang März machte die guten Konjunkturaussichten zunichte. Trump verspricht derweil, die Wirtschaft werde nach dem Ende der Epidemie wieder «wie eine Rakete» durchstarten.

Dabei soll auch das Billionen-Konjunkturpaket helfen, das nach zähen Verhandlungen zwischen Republikanern, Demokraten und Regierung in der Nacht zum Donnerstag im Senat beschlossen worden war. Dessen Volumen von 2 Billionen Dollar - Trump zufolge das größte der Nachkriegsgeschichte - entspricht fast zehn Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Mit dem Paket bekommen Gesundheitssektor und besonders vom Coronavirus betroffene Staaten zusätzliche Milliardenbeträge. Zudem soll es umgehend direkte Auszahlungen an die meisten Steuerzahler geben: Erwachsene sollen 1200 US-Dollar pro Person bekommen, zusätzlich soll es 500 US-Dollar pro Kind geben.

Ein wichtiger Bestandteil des Pakets sind auch Kredite für kleinere und mittlere Unternehmen von insgesamt rund 350 Milliarden Dollar, die zu bestimmten Bedingungen später erlassen werden können. Das Finanzministerium soll zudem noch 500 Milliarden Dollar für weitere Notkredite für Unternehmen zur Verfügung haben.

Trump hofft inzwischen, dass die US-Wirtschaft in weiten Landesteilen in gut zwei Wochen wieder zum Normalbetrieb übergehen kann. Doch das gesamte Ausmaß der wirtschaftlichen Verwerfungen der Coronavirus-Pandemie ist immer noch nicht absehbar. «Wir könnten bereits in einer Rezession sein», räumte der Chef der US-Notenbank Federal Reserve, Jerome Powell, am Donnerstag in einem seiner seltenen Fernsehinterviews ein.

Zugleich äußerte Powell die Hoffnung, dass die Wirtschaft im späteren Jahresverlauf wieder wachse. Die Fed hat ihre Geldpolitik bereits deutlich gelockert, um die ökonomische Seite der Krise abzufedern. Doch zunächst müsse das Virus unter Kontrolle gebracht werden, räumte Powell ein. Er fügte hinzu: «Das Virus gibt den Zeitplan vor.»