Lagardes Optionen schwinden mit wachsender Negativzins-Skepsis

Paul Gordon, Piotr Skolimowski und Craig Stirling

(Bloomberg) -- Eines der wichtigsten Instrumente zur Ankurbelung der Inflation könnte in Ungnade fallen, bevor Christine Lagarde es überhaupt als Präsidentin der Europäischen Zentralbank einsetzen kann.

Bei den Notenbankern in Europa regen sich ein halbes Jahrzehnt nach der Einführung Zweifel am Instrument des Negativzinses. In Frankfurt fragt sich eine zunehmende Zahl von EZB-Geldpolitikern, ob die Bestrafung von Guthaben mehr schadet als nutzt. Und die schwedische Riksbank scheint die Anomalie rasch loswerden zu wollen.

Die Geschäftsbanken haben schon lange über die Negativzinsen geklagt, die über eine Strafgebühr auf ihre Barreserven die Gewinne direkt belasten. Und ihre Kritik wird lauter. Aber es ist der Stimmungsumschwung unter den Notenbankern und das weiterhin hartnäckig niedrige Inflationsniveau, die darauf hindeuten, dass die Tage der Strategie womöglich gezählt sind.

“Der Widerstand gegen den negativen Einlagensatz nimmt immer mehr zur“, sagte Gilles Moec, Chefökonom bei Axa SA in London. “Selbst eine geldpolitische Taube könnte der Ansicht sein, dass Negativzinsen nicht toll sind.”

Der Gedanke, dass die Strategie die von ihr verursachten Nachteile womöglich nicht aufwiegt, beunruhigt die Notenbanker weil ihr Werkzeugkasten ziemlich leer ist und die quantitative Lockerung an die Grenzen des Möglichen stößt. Lagardes Amtszeit könnte von Anfang an von geldpolitischer Machtlosigkeit überschattet sein.

So signalisierte sie noch vor Beginn ihrer Amtszeit bereits eine mögliche Überprüfung und sagte am Mittwoch gegenüber dem französischen Fernsehsender BFM, dass “es einen Moment gibt, in dem die Frage nach dem Gleichgewicht zwischen den positiven und negativen Auswirkungen der Negativzinsen gestellt werden muss”.

Relativ falkenhafte EZB-Vertreter wie Bundesbankpräsident Jens Weidmann und der niederländische Zentralbankgouverneur Klaas Knot haben häufig davor gewarnt, dass extrem niedrige Zinsen Vermögenspreisblasen nähren und riskante Finanzierungskonstrukte fördern. Solche Bedenken werden auch im Finanzstabilitätsbericht der EZB geäußert. Der belgische Gouverneur Pierre Wunsch sagte gegenüber Bloomberg in diesem Monat, dass die Notenbanker möglicherweise eine Öffnungsklausel für ihre Zusicherung benötigen, die Zinsen auf dem gegenwärtigen oder einem niedrigeren Niveau zu halten.

Sogar Ignazio Visco, Gouverneur der italienischen Notenbank und langjähriger Befürworter von geldpolitischen Anreizen, ist wegen der “Unsicherheit” hinsichtlich ihrer Wirkung skeptisch gegenüber weiteren Senkungen. Der ehemalige Vizepräsident der EZB, Vítor Constâncio, sagte, die Geldpolitik könne nicht mehr viel tun. “

OeNB-Gouverneur Robert Holzmann hat sich dafür ausgesprochen, dass die EZB unter Lagarde eine Diskussion in Gang setzt, wie der Ausstieg aus der Negativzinspolitik gelingen kann, ohne Schaden anzurichten.

Die Riksbank befindet sich bereits auf diesem Weg. Die schwedischen Notenbanker überraschten die meisten Ökonomen und Händler in diesem Monat, als sie explizit auf eine Erhöhung im Dezember hinwiesen, die den Reposatz auf 0% bringen würde. Gouverneur Stefan Ingves sagte, die Negativzinsen hätten gut funktioniert, aber “viele Leute halten sie für merkwürdig”.

Die Merkwürdigkeit ist ein wichtiger Teil des Problems. Die Zentralbanker hatten befürchtet, dass bei einer Zinssenkung unter null Unternehmen und Sparer Banknoten horten würden, da sie keine Verluste hinnehmen wollen, aber auch nicht gewillt sind, riskantere Anlagen für eine etwas höhere Rendite zu tätigen.

Das ist nicht in nennenswertem Umfang passiert, aber es ist auch klar, dass viele Menschen die Politik einfach nicht mögen. Diejenigen, die für den Ruhestand vorsorgen, bekommen keine Zinsen auf ihre Ersparnisse und die Befürchtungen nehmen zu, dass die Banken ihnen einen Teil der Kosten aufbürden werden. Einige wohlhabendere Kunden sind bereits zur Kasse gebeten worden.

“Tatsächlich liegt das Kernproblem außerhalb der Geldpolitik”, sagte Moec. “Wenn diese Situation mit negativen Zinsen anhält, kann es am Ende zu einer Gegenreaktion gegen die Zentralbank kommen.”

Überschrift des Artikels im Original:Lagarde’s ECB Toolkit Threatened as Subzero Skepticism Grows (2)

--Mit Hilfe von Zoe Schneeweiss.

Kontakt Reporter: Paul Gordon in Frankfurt pgordon6@bloomberg.net;Piotr Skolimowski in Frankfurt pskolimowski@bloomberg.net;Craig Stirling in Frankfurt cstirling1@bloomberg.net

Kontakt verantwortlicher Editor: Paul Gordon pgordon6@bloomberg.net, Brian Swint, Jana Randow

For more articles like this, please visit us at bloomberg.com

©2019 Bloomberg L.P.