"Das ist doch lächerlich": Lanz ringt im Streit mit "Letzte Generation"-Aktivistin um Fassung

"Dafür kleben Sie sich fest?" Markus Lanz (links) rang bei der Diskussion mit einer Klimaaktivistin der "Letzten Generation" mehr als einmal um Fassung.  (Bild: ZDF)
"Dafür kleben Sie sich fest?" Markus Lanz (links) rang bei der Diskussion mit einer Klimaaktivistin der "Letzten Generation" mehr als einmal um Fassung. (Bild: ZDF)

"Dafür kleben Sie sich fest?" Markus Lanz rang bei der Diskussion mit einer Klimaaktivistin der "Letzten Generation" mehr als einmal um Fassung. Der ZDF-Talker warf der Studentin "Erpressung" vor. Die wehrte sich unter anderem mit der Behauptung, Staus seien auch ohne Klebe-Blockaden "vollkommen alltäglich".

Sie ist 20 Jahre alt, stammt aus Sachsen, studiert Politikwissenschaft und Psychologie in Heidelberg - und hat "schon mehrere Nächte in den Zellen bei der Polizei verbracht". Seit Anfang des Jahres engagiert sich Carla Rochel bei der Protestbewegung "Letzte Generation". Am Mittwochabend stellte sich die junge Klimaaktivistin den Nachfragen von ZDF-Talker Markus Lanz. Zeit war es ohne Zweifel, einmal mit einer Vertreterin der umstrittenen Gruppierung zu sprechen - und nicht immer nur über sie.

"Wir gehen auf die Straßen, weil wir das Unrecht der Klimakatastrophe nicht mehr aushalten können, und weil wir dabei sind, alles zu verlieren, was wir kennen und lieben", nannte Rochel eingangs ihre Motivation. Die Frage von Markus Lanz, ob ihr die "Fridays for Future"-Bewegung "nicht radikal genug" sei, bejahte sie indirekt. Deren Proteste seien "einfach ignoriert worden". "Die Antwort darauf von der Regierung war ein verfassungswidriges Klimapaket. Das Grundgesetz wird durch den Dreck gezogen. Da habe ich verstanden: Es reicht jetzt gerade nicht, mit bunten Schildern auf die Straße zu gehen."

Carla Rochel ist 20 Jahre jung und Mitglied der Klimaprotestbewegung "Letzte Generation". (Bild: ZDF)
Carla Rochel ist 20 Jahre jung und Mitglied der Klimaprotestbewegung "Letzte Generation". (Bild: ZDF)

"Dann sind wir erst mal weg von der Straße. So einfach ist es."

Erstmals habe sie sich im Januar dieses Jahres in Berlin auf einer Autobahn festgeklebt. "Wir gehen nur auf die Straße, wenn es sicher ist", beteuerte die Studentin. "Es sind auch immer Leute dabei, die sich nicht festkleben und immer bereit sind, sofort eine Rettungsgasse zu bilden." Die Reaktionen der vom Stau betroffenen Menschen seien "super unterschiedlich". Manche seien wütend und würden ihnen "eine Handtasche über den Kopf ziehen", mit anderen entstünden "super gute Diskussionen", eine Mutter habe sich in Tränen bei der ganzen Reihe bedankt.

"Was ist das, was Sie wollen? Konkret!", hakte Lanz ein. Die Antwort verblüffte den Talk-Gastgeber sichtlich: ein 9-Euro-Ticket und ein Tempolimit von 100 km/h auf deutschen Autobahnen. "Was noch?", insistierte der Moderator ungläubig. Die "Letzte Generation"-Aktivistin: "Wenn diese zwei Dinge erfüllt sind, gehen wir erst mal von der Straße." Lanz rang um Fassung: "Dafür kleben Sie sich fest?" Rochel: "Wir wissen, dass es damit nicht getan ist." Aber man sei immer gesprächsbereit. Den Kabinettsmitgliedern Scholz, Habeck, Lindner und Wissing habe man eben erst ein Gesprächsangebot unterbreitet. Wenn man mit ihnen darüber sprechen könne, wie die Forderungen erfüllt werden können, "sind wir erst mal weg von der Straße. So einfach ist es".

Markus Lanz ringt um Fassung: "Das ist doch lächerlich!"

"Sie erpressen das Land, ist Ihnen klar", rang Lanz noch immer mit dem Verhältnis von Zweck und Mittel. Die Aktivistin verbat es sich: "Ich weiß nicht, wie man von Erpressung sprechen kann. Wir machen das nicht zu unserem Vorteil." Der ZDF-Talker war nicht überzeugt: "Aber wenn's um das große Ganze geht, dann reden wir doch nicht über ein 9-Euro-Ticket, das ist doch lächerlich!" Die 20-Jährige argumentierte pragmatisch: "Als Regierung muss man immer irgendwo anfangen."

In der moralischen Bewertung der Stau auslösenden Klebe-Aktionen kamen Talker und Gast ebenfalls nicht zusammen. "Wir müssen mal feststellen, dass ein Stau vollkommen alltäglich ist", entgegnete Carla Rochel dem Argument, auch Patienten, die beispielsweise unterwegs zu einer Chemotherapie sind, könnten betroffen sein. Rochel hielt dagegen: "Es gibt 1.800 Staus am Tag. Bei keinem Einzigen tun wir so, als würde das gefährlich sein."

"Der Unfall wurde instrumentalisiert, um unseren Protest durch den Dreck zu ziehen"

Dann lenkte sie das Gespräch selbst auf die am 31. Oktober in Berlin-Wilmersdorf tödlich verunglückte Radfahrerin. "Ich bin fassungslos, wenn ich mir anschaue, wie die Debatten darüber geführt werden", ärgerte sich Rochel. Der Unfall werde "instrumentalisiert, um unseren Protest durch den Dreck zu ziehen".

Bereits ein Tag nach dem Unfall sei klar gewesen, "dass wir nichts damit zu tun hatten". Die 44-jährige Radfahrerin war unter einen Betonmischer geraten. Ein Spezialfahrzeug, das zur Rettung geordert wurde, steckte in einem von der "Letzte Generation" verursachten Stau. Ein abschließender Bericht darüber, ob das Fahrzeug bei rechtzeitigem Eintreffen zur Rettung des Unfallopfers hätte beitragen können, steht noch aus.