Erdogan greift Außenminister Gabriel persönlich an

Die Spannungen zwischen Berlin und Ankara haben sich am Wochenende nach einer scharfen persönlichen Attacke des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan gegen Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) abermals verschärft

Die deutsch-türkischen Beziehungen haben am Wochenende nach einer persönlichen Attacke des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gegen Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) einen neuen Tiefpunkt erreicht. Mit seiner Kritik reagierte Erdogan am Samstag darauf, dass sich Gabriel Einmischungen in den deutschen Wahlkampf verbeten hatte. Der Präsident erneuerte dessen ungeachtet seine Wahlempfehlungen an türkischstämmige Wähler in Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete dies als "völlig unmöglich".

In einer Rede vor Anhängern in der Provinz Denizli richtete sich Erdogan am Samstag direkt an Gabriel: "Wer sind Sie, dass Sie mit dem Präsidenten der Türkei reden? Beachten Sie Ihre Grenzen!" Erdogan fügte hinzu: "Wie lange sind Sie eigentlich in der Politik? Wie alt sind Sie?"

Erdogan reagierte mit seinen Aussagen auf Kritik Gabriels; wie andere deutsche Politiker auch hatte sich der Bundesaußenminister jede Einmischung des türkischen Präsidenten in die deutsche Politik verbeten.

Erdogan hatte vergangene Woche türkischstämmige Wähler in Deutschland aufgefordert, bei der Bundestagswahl nicht CDU, SPD oder Grüne zu wählen, weil diese Parteien der Türkei "feindlich" gesonnen seien. In zwei öffentlichen Ansprachen am Wochenende wiederholte er diese Aussagen. Die türkischstämmigen Wähler müssten den Parteien bei der Wahl in Deutschland eine "Ohrfeige" erteilen, sagte er am Sonntag.

Bundeskanzlerin Merkel wies Erdogans Mahnungen zurück. "Ich lade jeden ein, hier seine Stimme abzugeben in diesem Land", sagte sie am Sonntag in einer RTL-Sendung. Es sei "völlig unmöglich, dass der türkische Staatspräsident seine Staatsbürger auffordert, hier nicht zur Wahl zu gehen".

Auch Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) rief türkischstämmige Deutsche dazu auf, sich bei den Wahlen "von niemandem von außen beeinflussen" zu lassen. "Die türkische Regierung will offenbar die Beziehungen zu Deutschland aus innenpolitischen Gründen systematisch zerstören", sagte Kauder am Sonntag den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Montagsausgaben).

CSU-Chef Horst Seehofer nannte die Aufforderung Erdogans, bei den Bundestagswahlen für bestimmte Parteien nicht zu stimmen, eine "Frechheit". Seehofer schloss im ARD-"Sommerinterview" am Sonntag eine Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU erneut aus.

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann sagte, Erdogan habe im deutschen Wahlkampf "nichts zu suchen". Der "Passauer Neuen Presse" (Montagsausgabe) sagte er weiter mit Blick auf Erdogan: "Würde einer mit seinen politischen Methoden in Deutschland arbeiten, säße er nicht an der Spitze der Regierung, sondern im Gefängnis."

Die Warnung des türkischen Staatschefs vor der Wahl bestimmter Parteien bei der Bundestagswahl stieß auch bei Österreichs Außenminister Sebastian Kurz auf scharfe Kritik. "Die ständige Einmischung Erdogans in innere Angelegenheiten anderer Staaten - so etwas findet ja nicht nur in Deutschland statt - lehne ich ganz klar ab", sagte Kurz der "Welt am Sonntag". In Österreich wird im Oktober gewählt.