Die Türkei führt eine harte Militärkampagne gegen die Kurden in Nordsyrien. Nun soll die Assad-Armee den Kurden zu Hilfe kommen.


Der syrischen Regierung nahestehende Kräfte sind nach einem Bericht des Staatsfernsehens kurz vor einem Einmarsch in die kurdische Enklave Afrin im Nordwesten des Landes. Sie würden nach einer Vereinbarung mit der Kurdenmiliz YPG „innerhalb von Stunden“ in Afrin einziehen, meldete das Fernsehen am Montag. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana berichtete, sogenannte Volkskräfte sollten lokale Einheiten dabei unterstützen, eine türkische Aggression abzuwehren. Weitere Details wurden nicht genannt.

Die türkische Zeitung „Habertürk“ berichtete, regierungstreue syrische Kräfte würden in den kommenden beiden Tagen an vier Standorten stationiert. Binnen einer Woche sollten sie in 52 Stellungen Position beziehen. Die YPG habe sich im Gegenzug bereiterklärt, ihre schweren Waffen abzugeben.

Der ehemalige Vorsitzende der syrischen Kurdenpartei PYD, Salih Muslim, dementierte am Montag in Berlin hingegen eine bereits erfolgte Einigung. Ihm zufolge hätten die kurdischen Truppen die Regierung in Damaskus bisher lediglich aufgefordert, den Luftraum und die Grenze gegen türkische Angriffe zu verteidigen. „Darüber gibt es zur Zeit Verhandlungen mit der Regierung unter Vermittlung von Russland, aber es wurde noch keine Einigung erzielt“, sagte Muslim. Es sei nicht einfach, eine Vereinbarung mit der Regierung von Präsident Baschar al-Assad zu treffen, „denn für uns macht es keinen Unterschied, ob wir von der Türkei unterdrückt werden oder von diesem Regime der Baath-Partei“, sagte Muslim.


Die syrische Regierung habe immer noch die Vorstellung, dass sie in dem Gebiet die vollständige Kontrolle übernehmen könnte, so wie vor 2011. Die Kurden würden dies jedoch nicht akzeptieren. Sie wollten Demokratie und Föderalismus. Muslim sagte, seine Partei wünsche sich von den USA und den Europäern Unterstützung in diesem Konflikt. Der Westen sei jedoch bisher weitgehend still geblieben, womöglich mit Rücksicht auf anstehende Rüstungsgeschäfte mit dem Nato-Land Türkei.

Ein Abkommen mit der syrischen Regierung brächte der YPG Verstärkung im Kampf gegen den am 20. Januar begonnenen türkischen Feldzug in Afrin. Die Türkei betrachtet die Miliz als Terrorgruppe und will sie aus der Region vertreiben. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu drohte bereits mit Angriffen auf die syrische Armee, sollte diese der Kurdenmiliz zu Hilfe kommen. „Wenn sie kommen, um die YPG zu verteidigen, dann kann niemand und nichts uns oder die türkischen Soldaten stoppen“, drohte Cavusoglu bei einem Besuch in der jordanischen Hauptstadt Amman.

Das Abkommen könnte jedoch einen Rückzug türkischer Soldaten und das Ende der seit einem Monat andauernden Luft- und Bodenoffensive der Türkei gegen die YPG in Afrin bewirken. Die Türkei betrachtet die YPG als Terrorgruppe.

Der Deal ist ein Beweis für das zunehmend verworrene Schlachtfeld in Nordsyrien – ein Netz von Rivalitäten und Bündnissen zwischen kurdischen Kräften, der syrischen Regierung, Rebellengruppen, der Türkei, den Vereinigten Staaten und Russland.


Türkei setzt laut Kurden Giftgas ein

Die Türkei greift seit Januar die Region um Afrin an. Ziel der Offensive im Nachbarland ist nach Darstellung der Regierung in Ankara die Vertreibung kurdischer Milizen aus der Nähe der türkisch-syrischen Grenze.

Die Türkei versucht die Kurdenmiliz YPG aus Afrin zu vertreiben, weil sie die Gruppe als Erweiterung der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei (PKK) ansieht, die seit drei Jahrzehnten für die kurdische Autonomie in der Türkei kämpft. Die YPG bestreitet jegliche direkte militärische oder politische Verbindung mit der PKK.

Laut YPG scheut die Türkei auch den Einsatz von Giftgas nicht. Bei dem Beschuss nahe der Grenze zur Türkei seien am Freitag sechs Menschen verletzt worden, sagte ein Sprecher. Sie hätten Atemprobleme und zeigten weitere Symptome eines Gasangriffs. Ähnliches teilten die der Opposition nahestehende Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana mit. Beide beriefen sich auf Ärzte in Afrin.


Die Vorwürfe werden von der Türkei zurückgewiesen. Das seien haltlose Anschuldigungen, sagte ein türkischer Diplomat am Samstag am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. „Die Türkei hat niemals Chemiewaffen eingesetzt. Wir sind bei der Operation Ölzweig überaus vorsichtig gegenüber Zivilisten.“

Im mittlerweile sieben Jahre andauernden Syrien-Konflikt kämpfen komplexe Bündnisse internationaler und regionaler Akteure gegeneinander. Die Militäroffensive der Türkei in Nordsyrien verschärft zunehmend die Spannungen zwischen dem Land und seinen Nato-Verbündeten, allen voran den USA.