Dem Kunden überall auf der Spur

SAP kauft wieder Know-how im Silicon Valley: Der Softwarekonzern übernimmt die US-Firma Gigya. Die hilft Unternehmen, den Kunden auf Schritt und Tritt zu folgen – ob auf dem Smartphone oder im Geschäft.


SAP verstärkt sich mit einer Übernahme für den Wettbewerb gegen Konkurrent Salesforce: Der deutsche Softwarekonzern übernimmt den US-Anbieter Gigya, dessen Lösung Unternehmen die Verwaltung von Kundenprofilen im Internet erleichtert. Gigya soll Teil der E-Commerce-Sparte Hybris werden. Die Zustimmung der Kartellbehörden steht noch aus, SAP will den Deal im vierten Quartal abschließen.

Gigya gilt als führend im Markt für das sogenannte Customer Identity and Access Management, kurz CIAM. Mit der Software können Unternehmen wie Online-Händler die Kundenprofile verwalten, und zwar über mehrere Verkaufskanäle hinweg – von der Anmeldung über die Integration von sozialen Medien wie Facebook bis zur Aktualisierung von Daten. Die Nutzer sollen immer die Kontrolle über ihre Daten behalten, wie das Unternehmen betont.


Derartige Dienste gewinnen zunehmend an Bedeutung. Tiefe Einblicke in die Interessen der Nutzer seien nötig, um diese stärker an die Marke zu binden sowie um neue Produkte und Dienste zu entwickeln, schreibt der Marktforscher Forrester in einem Report über den CIAM-Markt. Die verschiedenen Lösungen helfen einerseits, verschiedene Profile im Netz zu einem eindeutigen Bild zusammenzuführen und Transaktionen auszuwerten, andererseits aber die Datenschutzregeln einzuhalten.

Salesforce, IBM und Microsoft bieten ähnliche Lösungen an, Gigya hat aber nach Einschätzung von Marktforschern wie Gartner und Forrester die stärkste Lösung. Das Unternehmen verwaltet nach eigenen Angaben 1,3 Milliarden Profile auf mehreren hundert Websites, zu den Kunden zählen beispielsweise Bayer, L’Oreal und KLM.


Firmen müssten in der Lage sein, genaue Schlussfolgerungen über die Kunden zu ziehen, erklärte Gigya-Chef Patrick Salyer – egal ob diese am PC sitzen, das Smartphone nutzen oder im Geschäft stehen. Die beiden Firmen seien gemeinsam gut aufgestellt, um mithilfe von Daten das Marketing effektiver zu gestalten und so den Verkauf zu steigern. Die Übernahme ermögliche SAP, in dem Wachstumsmarkt CIAM die Führung zu übernehmen, erklärte Carsten Thoma, Mitgründer und Präsident der SAP-Sparte Hybris.

Zu den finanziellen Details äußerten sich die Unternehmen nicht. Das Technologieblog „Techcrunch“ und israelische Medien berichten übereinstimmend, dass der Kaufpreis 350 Millionen Dollar betrage. Seit der Gründung 2006 hat Gigya in mehreren Runden insgesamt 106 Millionen Dollar Kapital erhalten, zu den Investoren zählten Intel und Benchmark Capital.

Gigya hat seinen Sitz in Mountain View, ein Teil der Entwicklungsabteilung sitzt in Israel. Damit kauft SAP erneut Know-how im Silicon Valley hinzu. Auch Firmen wie Altiscale, Hipmunk und Plat.One, die der Konzern 2016 übernahm, sind dort ansässig.

KONTEXT

Die großen Zukäufe von SAP

Regelmäßige Zukäufe

SAP hat das Geschäft in den vergangenen Jahren mit etlichen Übernahmen gestärkt, vor allem die Cloud-Angebote. Dabei standen Unternehmen aus den USA besonders im Fokus.

Business Objects

2008 übernahm SAP mit Business Objects einen der führenden Anbieter für Business-Intelligence-Lösungen, die Unternehmenslenkern mithilfe von Datenanalysen bessere Entscheidungen ermöglichen sollen. Kaufpreis: 4,8 Milliarden Euro.

Sybase

Auf mobile Datendienste ist Sybase spezialisiert. 2010 kaufte SAP den vorherigen Partner aus Kalifornien für umgerechnet 4,6 Milliarden Euro. Mit dem Zukauf brachte der Konzern gleichzeitig sein Datenbankgeschäft voran.

Success Factors

Software fürs Personalmanagement kaufte SAP 2012 über die US-Firma Success Factors zu. Ihre Systeme reichen von der Kandidatensuche bis zur Nachfolgeplanung, bereitgestellt über die Cloud. Kaufpreis: umgerechnet 3,4 Milliarden Euro.

Ariba

2012 stemmte SAP einen weiteren großen Zukauf: Der Softwarekonzern übernahm die US-Firma Ariba. Diese betreibt eine Plattform für die betriebliche Beschaffung, die in der Cloud läuft. Kaufpreis: umgerechnet etwa 3,3 Milliarden Euro.

Hybris

Das Geschäft mit Handelsunternehmen stärkte SAP 2013 mit der Übernahme von Hybris. Das in der Schweiz gegründete Unternehmen bietet unter anderem Lösungen für den Multi-Channel-Vertrieb, also den Verkauf über alle Kanäle. Preis: eine Milliarde Euro.

Fieldglass

Zur Cloud-Strategie passt auch die Übernahme von Fieldglass. Der US-Anbieter hat eine Plattform für die Personalverwaltung entwickelt, vor allem für den Einsatz von externen Kräften wie Leiharbeiten. Den Kaufpreis veröffentlichten die Unternehmen nicht.

Concur

Die größte Übernahme der Firmengeschichte stemmte SAP ebenfalls 2014: Für den amerikanischen Reisekostenspezialisten Concur zahlte der deutsche Konzern umgerechnet 6,2 Milliarden Euro. Zusammen mit Fieldglass und Ariba bildet Concur die Geschäftsnetzwerke.

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Die wichtigsten SAP-Produkte

S4/Hana

Für SAP ist es das wichtigste Produkt: S4/Hana ist ein Programmpaket, mit dem Unternehmen alles - von der Ersatzteilbestellung bis zur Finanzberichterstattung - erledigen können. Für diese Aufgaben hat sich der Begriff Enterprise Resource Planning (ERP) etabliert - hier ist der deutsche Konzern Marktführer. Die Datenbank Hana ermöglicht es, die Prozesse nahezu in Echtzeit abzubilden. S4 ist der Nachfolger von R3, dank dessen Erfolg SAP zu einem Weltkonzern geworden ist.

Hana

Hana

Die erste Arbeit an der Datenbank Hana erledigte SAP-Mitgründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner 2008 mit einer Gruppe Studenten. Nach einigen Jahren Weiterentwicklung steht die Technologie inzwischen im Zentrum des Konzerns: Sie ist die Grundlage wichtiger Anwendungen wie S4/Hana und der SAP Cloud Platform. Technisch gesehen handelt es sich um eine In-Memory-Datenbank, die alle Daten im Arbeitsspeicher hält und somit auch große Datenmengen schnell auswerten kann.

S4/Hana

SAP Cloud Platform

SAP Cloud Platform

Mit der SAP Cloud Platform ermöglicht SAP es Unternehmen, selbst Programme zu entwickeln - Erweiterungen für SAP-Lösungen wie S4/Hana, aber auch eigenständige Apps. Dabei ist es möglich, die Hana-Technologie aus der Cloud für die Datenanalyse zu nutzen - ob für die Auswertung von Maschinendaten oder aufwendige Konstruktionen. Der Konzern wirbt damit, dass die Plattform es ermöglicht, Innovationen schnell umzusetzen.

Hana

Business Network Group

SAP hat in den vergangenen Jahren die Plattformen Ariba, Fieldglass und Concur gekauft und in der Business Network Group zusammengefasst - eine Art Amazon für Materialien, Arbeitskräfte und Reisen. All das läuft über die Cloud, was die Automatisierung der Prozesse erleichtern und somit Kosten senken soll. Nach Angaben des Konzerns werden über das Netzwerk Geschäfte im Wert von einer Billion Dollar abgewickelt.

Sucess Factors

Für das Personalwesen, neudeutsch Human Capital Management, hat SAP 2012 eine Lösung zugekauft: Success Factors. Zum Paket zählen Funktionen für Recruiting, Bewerberverwaltung, Leistungsmanagement und Nachfolgeplanung. Bei der Übernahme ging es aber nicht nur um das neue Geschäft, sondern auch um Technologie: Success Factors half SAP, das Cloud Computing zu verstehen.

Hybris

Mit der Übernahme von Hybris holte SAP 2013 eine Lösung für Kundenbindung und Online-Handel in den Konzern, die also auch das Customer Relationship Management (CRM) einschließt. Die Software ermöglicht es Unternehmen, Kunden zielgerichtet anzusprechen und Online-Käufer zu analysieren.

Leonardo

Spediteure verfolgen den Weg ihrer Lieferungen, Industriebetriebe überwachen ihre Maschinen, Verbraucher steuern ihre Heizung: Das Internet der Dinge ermöglicht die Vernetzung aller möglichen Gegenstände. Für SAP ist das ein wichtiger Trend - er hat das Potenzial, Geschäftsprozesse zu verändern. Unter dem Namen Leonardo vermarktet der Konzern verschiedene Lösungen, etwa eine zur Überwachung von Fahrzeugflotten. Der Konzern hofft auf einen riesigen Markt, ohne aber Prognosen zu nennen.