KSK-Soldaten wollen «zweite Chance» nutzen

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Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr demonstrieren bei einem Videodreh den Abtransport einer befreiten Geisel mittels eines Helikopters.
Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr demonstrieren bei einem Videodreh den Abtransport einer befreiten Geisel mittels eines Helikopters.

Seit der Festnahme eines Offiziers ist die Debatte um Rechtsextremismus in den Streitkräften nicht zur Ruhe gekommen. Im Kommando Spezialkräfte fühlen sich viele zu Unrecht unter Verdacht gestellt.

Calw (dpa) - Der Transporthubschrauber wirbelt mächtig Dreck auf. Nur Sekunden dauert es, bis sieben Kommandosoldaten, ein Diensthund und eine Frau in einem blauen Overall auf den NH90 zupreschen.

Im Laufschritt geht es über die Heckklappe in die Maschine, während am Himmel zwei weitere Helikopter sichernd Kreise ziehen. Nichts wie weg: Beim Start ist der Wind der Rotorblätter wie ein Sturm, der das frische Grün der Bäume und Sträucher auf dem Übungsplatz am Rande von Calw zur Seite drückt. Immer wieder spielen die Soldaten vom Kommando Spezialkräfte (KSK) den Ablauf durch - auch wie ein Fahrzeug von Hubschraubern gestoppt und eine Zielperson gefasst wird.

Die Befreiung verschleppter Deutscher, Spezialaufklärung zur Gewinnung von Schlüsselinformationen für die Militärführung, die Ausbildung in Partnernationen oder Kampfeinsätze gegen «Hochwertziele von strategischer oder operativer Bedeutung» können zu den fast immer geheimen Aufträgen gehören, für die in Calw auch Hunderte Spezialisten aus den Reihen der Unterstützungskräfte zuarbeiten. Mit 9 Prozent ist der Anteil von Frauen höher als durchschnittlich im Heer (6,8 Prozent). Profi sein, jeder in seinem Bereich, ist das erklärte Ziel. Der öffentliche Eindruck war zuletzt ein anderer.

Nach einer Serie von Skandalen ist das Bild einer teils rechtsradikalen Truppe hängengeblieben, die Munition im Keller versteckt hielt und politisch auf Bewährung gestellt ist. Als bei einem KSK-Soldaten in Sachsen ein ganzes Waffenversteck ausgehoben wurde, zogen Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und die Militärführung die Notbremse. Sogar eine Auflösung des Verbandes schien möglich.

«Ich habe uns dann in der Tagesschau gesehen», erinnert sich ein Soldat, Truppführer im «Angriffszug» der 3. Kommandokompanie. Er steht zwischen Einsatzkisten und Erinnerungsstücken. «Und ich hatte immer gedacht, wir wären irgendwann in der Presse, weil wir eine Geisel befreit haben und nicht wegen des Fehlverhaltens Einzelner», sagt er. Sein Name soll - wie auch der anderer Soldaten - aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden.

Auf dem Gelände der Graf-Zeppelin-Kaserne in Calw haben Kommandokompanien jeweils einen eigenen Gebäudeblock. Die Wände hängen voller Erinnerungsfotos an Ausbildungen im Hochgebirge oder im Dschungel. Und immer wieder: Afghanistan, die 3. Kompanie war dort in den Jahren 2012 und 2013 in schwere Gefechte verwickelt. Schutzwesten und Ausrüstungsteile stapeln sich - die KSK-Soldaten haben ihre Sachen gern einsatzbereit in der Nähe.

Wie auch am 10. November 2016 in Afghanistan: Um 23.05 Uhr Ortszeit zuckt der Blitz einer Detonation in den Himmel über Masar-i-Scharif - und die Wucht der Explosion ist bis in das deutsche Feldlager zu spüren. Mit fünf Tonnen Sprengstoff auf einem Lastwagen schaffen sich Angreifer eine «Eindringstelle» auf das Gelände des schwer beschädigten Konsulatsgebäudes.

Trümmer, Staub, Dunkelheit, Stromausfall und der Feind ist schon im Haus, wird in Berichten deutlich. Deutsche Polizisten im Feuerkampf mit den vorrückenden Attentätern. Als Wettlauf mit der Zeit beschreibt das Militär den Einsatz, bei dem ein KSK-Oberstleutnant als militärischer Führer mit einigen seiner Männer, Kampfrettern der Luftwaffe und georgischen Einsatzkräften die Täter zurückdrängt und die notdürftig verbarrikadierten Deutschen befreit. Ein Angreifer wird gefangen genommen, die anderen sind nach dem Feuerkampf tot.

Ausbildung und Einsätze begründen eine ganz besondere Nähe untereinander. Ein Oberfeldwebel, der vor seiner Zeit im KSK in Afghanistan eingesetzt war, bekam sein Posttraumatisches Belastungssyndrom erst bei den Kommandokräften in den Griff. Er war am 29. April 2009 im Führungsfahrzeug eines Erkundungstrupps, der in der Nähe von Kundus in einen Hinterhalt geriet und in Kämpfe verwickelt wurde. Ein Fahrzeug wurde von einer Panzerfaust getroffen. Der ihm unterstellte Hauptgefreite Sergej Motz wurde unrettbar verletzt. Motz war der erste deutsche Soldat seit dem Zweiten Weltkrieg, der im Gefecht fiel.

Sein wenig älterer Vorgesetzter blieb aus zwei schweren Gefechten mit Verletzungen an der Seele zurück. «Ich habe gekämpft und getötet und hatte im Gefecht schon mit dem Leben abgeschlossen», sagt er - während die Hubschrauber auf der Lichtung bei Calw ihre Runden drehen. Bei kleinsten Geräuschen sei sein Puls hochgegangen und er habe lange auch nicht mehr ruhig schießen können, sagt der Mann, der heute als «Medienfeldwebel KSK» arbeitet. «Die Kameraden hier sagen, Du bist einer von uns.»

Die besondere Nähe wird auch als Grund genannt, warum lange, sicher zu lange weggeschaut wurde, als einiges aus dem Ruder liefen. Ende 2020 stellte das Verteidigungsministerium fest, dass bislang beim KSK gegen 50 Personen Verdachtsfälle aus den Bereichen Rechtsextremismus und Reichsbürgertum bearbeitet wurden. Davon wurden 3 Personen aus der Bundeswehr entlassen, 13 weitere Soldaten wurden versetzt oder haben das KSK verlassen. In fünf Fällen stellte der Militärische Abschirmdienst fest, dass der Verdacht unbegründet war (Kategorie «Grün»). Zum Jahreswechsel wurden noch etwa zwei Dutzend Verdachtsfälle bearbeitet. Ein rechtsextremistisches Netzwerk, das an der Beseitigung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung arbeitet, wurde dabei nicht erkannt.

Allerdings wurde im vergangenen Jahr die 2. Kommandokompanie aufgelöst. Sie hatte sich drei Jahre zuvor eine völlig entgleiste Abschiedsfeier für ihren Kompaniechef geleistet. Die Auflösung ist praktisch beispiellos und setzt eine Botschaft: Ihr habt Schande über den Verband gebracht und seid unverbesserlich. Allerdings waren viele Beteiligte da schon weg. Von den 66 Männer der 2. Kompanie wurden nach Ermittlungen und Untersuchungen des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) 57 im Verband versetzt. Mehrere Soldaten übernahmen andere Aufgaben in der Bundeswehr, einer ging in den Ruhestand, nur für einen Mann gibt es noch keine abschließende Bewertung des MAD.

«Den Begriff "Kultur des Wegschauens" halte ich für nicht passend. Wir haben wohl einfach nicht hingeschaut, weil wir uns so tief vertrauen», sagt ein Oberstleutnant, der «Sprecher Vertrauensperson KSK» ist. «Und wir haben auch all die Jahre so brutal unter Zeitdruck gearbeitet, dass manche Dinge hinten runtergefallen sind. Ich war zehn Jahre lang fast jedes Jahr vier bis sechs Monate in Afghanistan», sagt er. Im vergangenen Jahr aber hätten die Männer und Frauen «sprichwörtlich gelitten wie die Hunde». «Wir wollen eine zweite Chance, und die wollen wir nutzen», sagt er.

Seit der Festnahme des unter Terrorverdachts stehenden Bundeswehr-Oberleutnants Franco A., dem nun in Frankfurt/Main der Prozess wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat der Prozess gemacht wird, gibt es allerdings keine Toleranz mehr. Dass beim KSK in den Munitionslagern Fehlbestände in Höhe von mehreren Zehntausend Schuss zuwenig und teils auch zuviel festgestellt und überdies zunächst 62 Kilogramm Sprengstoff vermisst wurden, war im politischen Berlin wie eine Bombe eingeschlagen.

Inzwischen konnten Buchungsfehler teilweise nachvollzogen werden. Und es stellte sich heraus, dass es vielfach nur um Manövermunition und FX-Patronen ging - Farbmarkierer mit einer geringer Aufprallenergie, gegen die schon eine Schutzbrille hilft. Allerdings ermittelt auch die Staatsanwaltschaft, weil gebunkerte Munition bei einer Sammelaktion ohne Konsequenzen abgegeben werden konnte.

Inzwischen gibt es einen «Hauptverantwortlichen für Munition», der die 150 Artikel im Blick hat. Bis zu 30 000 Schuss verbraucht ein Kommandosoldat beim Schießlehrgang selbst. Bis zum Ende der mehr als zwei Jahre dauernden Ausbildung werden etwa 60 000 Schuss Munition für das Gewehr und bis zu 8000 Schuss für die Pistolen verschossen. Im KSK-Schießausbildungszentrum - «für den Scharfen Schuss im Raumkampf» gebaut und mit 450 Tonnen Stahl abgesichert - wird in diesem Monat die Zahl von 10 Millionen abgefeuerten Patronen überschritten.

«Am einfachsten ist für uns die Ausbildung eines Soldaten, der noch nie einen Schuss abgegeben hat. Sonst muss man erst Fehler abtrainieren», sagt der stellvertretende Leiter des Zentrums. Die Soldaten schießen «Stresstests», bei denen sie auf sich öffnende Ziele feuern: ein Mann mit leeren Händen oder aber mit Pistole am Kopf einer Geisel. «Stressoren» können dazu geschaltet werden: Lichteffekte, Rauch, Nebelschwaden.

Auch nebenan, in einem Schießkino, wird die Kombination von Hirn und Hand trainiert. Auf einer Leinwand, auf die geschossen werden kann, ist eine Rechenaufgabe abgebildet. 68+31 = X. Nun pulsiert ein Zahlenwirrwarr. Es gilt, eine 99 zu treffen. «Sobald ich sage "Wettkampf" knistert es im Raum. Uuuuh. Wir können vieles, aber nicht gut verlieren», sagt der Schießausbilder.

Daneben steht die Multifunktionstrainingshalle der Kommandokräfte, seit 2019 in Betrieb. Dort hat ein «Fachspezialist» den militärischen Nahkampf auf ein eigenes KSK-System umgestellt. «Wir haben untersucht, welche Situation haben wir in den Einsätzen wirklich, was brauchen wir», sagt er. Im Ergebnis wurde die Nahkampfausbildung von 265 Stunden auf kompakte 168 Stunden umgestellt.

Konflikt, Kampf, Kameradschaft - die Ausbildung ist hart und die Belastung ist hoch. Alle 18 Monate steht nun das «Kommandoscreening» an. Einer der fünf Psychologen - vorher waren es nur drei - spricht vom «TÜV für die Birne». Überlastungen drohen in Folge des Durchhaltewillens der Soldaten, wegen Scham und Versagensängsten oder aus Sorge um die weitere Tauglichkeit. Eine Psychotherapeutin bemerkt «moralische Enttäuschung» im Verband über fehlende Anerkennung aus Gesellschaft und Politik.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat dem KSK ein Reformprogramm mit 60 Punkten verordnet, demnächst soll noch mal Bilanz gezogen werden. Auftrag ist auch eine «Entmystifizierung» des Verbandes mit dem Ziel, ein eigenes Traditionsverständnis zu stärken, das nicht nach falschen Vorbildern sucht. Letztlich wird es eine politische Entscheidung sein, den Verband aus der Bewährungsphase zu nehmen. Dass Kramp-Karrenbauer angewiesen hat, KSK-Soldaten zur Absicherung des Abzugs nach Afghanistan zu verlegen und damit offiziell wieder im Ausland einzusetzen, kann als Schritt in diese Richtung gedeutet werden. Entschieden ist die Sache nicht.

Ein junger Hauptmann, der sich im vergangenen Jahr während der harten KSK-Ausbildung schriftlich an Kramp-Karrenbauer gewandt und Missstände beklagt hatte, arbeitet nun im Stab des Verbandes. Sein Brief hatte gehörigen Wirbel gemacht, weil der Offizier ein Einschreiten gegen «eine Art Kadavergehorsam» und eine «toxische Verbandskultur» erbeten hatte. Inzwischen reut es den Offizier. Er habe ganz andere Seiten des Verbandes kennengelernt und seinen Blick geweitet, sagt er auf Anfrage. «Bei aller damaligen Kritik tut es mir leid, dass durch Auszüge aus meinem Brief die überwältigende Mehrheit der professionell und verfassungstreu dienenden Menschen im KSK in Misskredit geraten sind.»

Für Ärger und Misstrauen im Verband sorgen Ehemalige, die nun keiner Geheimhaltung mehr unterliegen und sich als Sprachrohr aufspielten. «Viele, die kommunizieren, sind lange raus und tun so, als ob sie für das heutige KSK sprechen. Einige sind auch noch vernetzt und bekommen Informationen von denen, die sich Luft machen wollen», sagt der Chef des Stabes in Calw. «Die politische Entwicklung wird hier sehr genau verfolgt.» Und: «Der Verband will das Vertrauen der Politik haben. Wir sind ein Instrument der Politik.»

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