Krugs Aus letzte Chance für den Videobeweis

Matthias Becker
SPORT1 Leiter News Digital Matthias Becker kommentiert die Entmachtung von Helmut Krug als Projektleiter des Videobeweises

Dass der DFB Hellmut Krug am Montag entmachtet hat, war alternativlos. Nicht, weil am Wochenende Vorwürfe aufkamen, der bisherige Projektleiter Videobeweis habe als Supervisor unzulässig in Entscheidungen eingegriffen.

Die Vorwürfe gegen Krug sind nicht bewiesen und werden sich wohl auch nicht beweisen lassen.

Man habe sich "zum Schutz vor unbekannten Angreifern" entschieden, Krug zu degradieren, sagte der für die Schiedsrichter zuständige DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann der Sport Bild. Ein bemerkenswerter Satz. Dass eine solche Indiskretion wie die Vorwürfe gegen Krug überhaupt an die Medien durchgesteckt wurde, zeigt, wie vergiftet die Atmosphäre bei den deutschen Schiedsrichtern ist.

Und deshalb war der Schritt, Krug die Herrschaft über den Videobeweis zu entziehen überfällig. Er kann aber auch nur der erste Schritt sein.

In den vergangenen Monaten haben Deutschlands Referees einiges von ihrem herausragenden Ruf verspielt. Und dass dafür irgendwann die Führungskräfte zur Verantwortung gezogen werden, ist völlig normal. Das wäre in einem Wirtschaftsunternehmen auch nicht anders.

Da ist zum einen die Situation um das Projekt Videobeweis. Obwohl der schon mehrfach in dieser Saison seine Vorzüge unter Beweis gestellt hat, ist der Gesamteindruck zunehmend desaströs. Der DFB und die Liga operieren am offenen Herzen.

Die Bundesliga ist ein laufender Wettbewerb, es geht um echtes Geld und um die Jobs derer, die in diesem Wettbewerb arbeiten. Da ist es schwer hinnehmbar, wenn aufgrund mangelhafter Technik oder Umsetzung Fehler passieren, die der Videobeweis eigentlich ausschließen soll.


Der Imageverlust für den größten Einzelsportverband der Welt: riesig. Niemand hat erwartet, dass alles von Beginn an perfekt funktioniert. Aber die Liste an Pannen, Ungewissheiten und Kommunikationsfehlern ist schon beachtlich.

So beachtlich, dass der Rückhalt selbst bei den Befürwortern in der Liga schwindet. Das wird auch DFB-Präsident Reinhard Grindel registriert haben, der an der Entscheidung vom Montag sicher nicht unbeteiligt war. Die Absetzung von Krug ist schon so etwas wie die letzte Chance für den Videobeweis.

Aber jetzt zu denken, damit seien die grundlegenden Probleme der deutschen Schiedsrichter gelöst, wäre falsch. 30 Jahre lang hat Hellmut Krug eine zentrale Rolle in dieser Szene gespielt. Eine Szene, in der es rumort, wie nie zuvor.

Der DFB darf sich jetzt nicht hinter dieser einen personellen Konsequenz verstecken. Die Vorwürfe, die Manuel Gräfe und andere Top-Schiedsrichter erheben, sind dadurch nicht aus der Welt. Mit dem Maulkorb für Gräfe wurde ein fatales Signal gesendet. Wer den Mund aufmacht, spielt mit seinen Einsatzchancen.

Mobbing, Machtmissbrauch, Intransparenz - all diese Vorwürfe, die neben Krug auch an Herbert Fandel und das System gerichtet waren, müssen auf den Tisch. Auch wenn es danach vielleicht zu weiteren unangenehmen Entscheidungen wie am Montag kommen wird.